Lange galt Albanien deutschen Marxisten-Leninisten als Musterland des Sozialismus

29 000 Quadratkilometer Arbeiterparadies

In den Siebzigern galt Albanien deutschen Marxisten-Leninisten als Musterland des wahren, unverfälschten Sozialismus.
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Allein schon die Figur Stalins, des bösartigen Opas mit der Riesenrotzbremse, wirkt heutzutage so lächerlich und altbacken, dass es schwerfällt, die Faszination, die sich mit seinem Namen lange Zeit verband, noch annähernd zu begreifen. Dabei liegt die letzte Welle der Stalin-Ver­ehrung in der Bundesrepublik gar nicht so lange zurück, jedenfalls ist sie jüngeren Datums als beispielsweise die Beatlemania. Man kann davon ausgehen, dass nicht nur die ehemalige ­Vizepräsidentin des deutschen Bundestags, Antje Vollmer, sondern auch der Ministerpräsident Baden-Württembergs, Winfried Kretschmann (beide Grüne), in ihrer Jugend mit Feuereifer Stalins Werke gelesen haben.

Warum aber verfielen junge Akademiker – und nicht nur sie – ausgerechnet in den langmähnigen und drogenaffinen Siebzigern auf den Stalin-Kult? Stalinist zu sein, signalisierte zunächst einmal, keinen Kompromiss einzugehen mit der verrotteten, dekadenten alten Welt, ­deren Verlockungen überall lauerten und die nicht zuletzt dafür gesorgt hatten, dass die welthistorische Mission des Proletariats im real exis­tierenden Sozialismus versumpft war. Der Bezug auf Stalin kann da­rüber hinaus als symbolische Selbstermächtigung, wie es heutzutage heißen würde, einer noch ohnmächtigen Avantgarde in spe verstanden werden; der Stalinismus bietet ihr das Versprechen des absoluten ­Subjektivismus, des Bezwingens objektiver Probleme und Tendenzen durch die reine Macht des Willens. Wie schon im historischen Hoch­stalinismus wurde in der bundesrepublikanischen Stalin-Renaissance suggeriert und begierig geglaubt, dass allein die moralische Kraft und ­re­volutionäre Entschlossenheit der Kämpfenden über Erfolg und Miss­erfolg der Mission entschieden. ­Nirgends sonst schien es mehr auf den heroischen Einzelnen anzu­kommen, nirgends sonst konnten Verräter mehr Schaden anrichten, ­waren mehr Verschwörungen zu bekämpfen. ­Sogenannte Rechts- und Linksabweichungen von der korrekten (Schlangen-)Linie der jeweiligen Avantgardepartei – es gab in der Bundesre­publik ein gutes halbes Dutzend – bedeuteten in diesem subjektivistischen Universum echte Schicksalsfragen.

Auf Stalin zu setzen, half schließlich auch, sich der Desillusionierung zu entziehen, die Chrustschow, Tito, ja selbst Fidel Castro bereiteten. Maos Rote Garden und die Kulturrevolution waren es, die in den Sechzigern die Verheißung des Stalinismus erneuerten, ganz aus der Kraft jugendlicher Rücksichtslosigkeit der schnöden Realität zu entkommen: Die kleinen ML-Zirkel Deutschlands borgten sich dort das revolutionäre Moment. ­Einer der ersten und bizarrsten dieser Zirkel, die sich allesamt an der maoistisch inspirierten Wiederbelebung der verbotenen KPD versuchten, war die zu Silvester 1968 von Ernst Aust, einem ehemaligen Redakteur der Rote Fahne, gegründete KPD/ML. Deren Spezialität und Ausweis eines besonders unbeugsamen Stalinismus bestand darin, dass sie sich weniger direkt als die Konkurrenz von KPD/AO oder KBW an China band, sondern vielmehr an deren damals einzigen europäischen Verbündeten: ­Albanien. Das immer strenger abgeschottete kleine Land auf dem ­Balkan avancierte in der jahrelang vor Werkstoren und Schultüren durchaus wahrnehmbaren Propaganda der KPD/ML zum neuen ­Paradies der Werktätigen, zum leuchtenden Beispiel dafür, wie wenig es beim Aufbau und der Reinhaltung des Sozialismus auf objektive Ressourcen und wie sehr es auf subjektive Qualitäten ankommt.

Was heutzutage absurd erscheint, nämlich ausgerechnet Albanien als Modell des Sozialismus anzupreisen, besaß so eine innere Kohärenz, die die Anhänger bis weit in die achtziger Jahre bei der Stange hielt. Je weiter die sozialistische Volksrepublik an der Adria sich isolierte – 1948 von ­Jugoslawien, 1961 von der Sowjetunion und schließlich 1978, bald nach Maos Tod, auch von China –, je absurder der Kurs des Sozialismus in einem Miniland gefahren wurde, je gro­tesker die begleitenden Säuberungswellen die Partei der Arbeit Albaniens dezimierten, desto mehr erschien der ehemalige Partisanenführer und Parteivorsitzender in Permanenz, Enver Hoxha, als legitimer Erbe des von allen Revisionisten der Welt verratenen Stalin. Das Territorium des wahren Sozialismus war zwar auf die knapp 29 000 Quadratkilometer ­Albaniens geschrumpft, der Propagandaapparat funktionierte aber weiter nach sowjetischem beziehungsweise chinesischem Muster: Die deutsch-albanische Freundschaftsgesellschaft imitierte die deutsch-­sowjetische, das Magazin Albanien heute ersetzte die Peking-Rundschau und Radio Tirana sendete sechs Tage die Woche in 22 Sprachen auf Kurzwelle die neuesten Erfolgsmeldungen in die Welt hinaus. Dass das mehr als nur eine Handvoll Mondsüchtiger hören und lesen wollten, dass Ernst Aust gar auf dem IV. ­Parteitag der KPD/ML 1978 in Hamburg pompös ein sogenanntes ­Stalin-Aufgebot jüngerer Genossinnen und Genossen einschwören konnte, lag daran, dass der Subjektivismus so mobilisiert wurde, wie es bereits Stalin dekretiert hatte, als er die Losung ausgab, nicht mehr die Technik entscheide alles, sondern der Kader. So wie die Helden der Romane des sozialistischen Realismus durch bloße Willenskraft Fabriken im Nichts oder Plantagen in der Tundra aus dem Boden stampfen, klang es auch aus Tirana: »Auch in den schwierigsten Situationen standen unsere Partei und unser Volk stets aufrecht und kämpften als unbeugsame Revolutionäre, um eine eigene Linie und Politik in der Wirtschaft zu verwirklichen, ungeachtet der wütenden ­Drohungen und Bedrängnis der Blockade. Und eben ein Ergebnis dieser Politik sind die gewaltigen Höhen, zu denen sie die ökonomische und ­soziale Entwicklung unseres Landes erhoben hat, eines Landes, das aus einem einst wirtschaftlich armen und in Bildung und Kultur rückständigen Land zu einem freien, selbständigen und souveränen Land mit entwickelter sozialistischer Wirtschaft (…) geworden ist. Unsere Wirtschaft ist stark, stabil, dynamisch, entwickelt sich harmonisch und ununterbrochen (…) Mit der komplexen Entwicklung der Industrie und Landwirtschaft konnte unsere Wirtschaft ihre Selbständigkeit sehr steigern, sie ist heute in der Lage, aus eigener Kraft auch mit den kompliziertesten ­Pro­blemen der erweiterten sozialistischen Reproduktion fertig zu werden.« (Albanien heute 5/1976)

Die Realität freilich sah anders aus: Mit dem Wegfall der sowjetischen Hilfen fehlten für die russischen Maschinen bald die Ersatzteile; während die Traktoren liegenblieben, vergeudete die Parteiführung Ressourcen für ein gigantisches, aber nie richtig funktionierendes Stahlwerk in ­Elbasan; Nahrungsmittel wurden knapp, die eben erst aufgebaute ­Infrastruktur verfiel schon wieder. Enver Hoxha und Ernst Aust starben beide 1985, kurz bevor ihr Traum vom Stalinismus platzte.