Die »eingeschworene Jungfrauen« sind mittlerweile ein Phänomen für Touristen geworden

Der albanische Jungfrauenzirkus

In den nordalbanischen Bergen konnten Frauen über Jahrhunderte einen Jungfrauenschwur ablegen und fortan als Männer leben. Heutzutage dient das Phänomen der Exotisierung Albaniens und der Belustigung von Touristen.

In den schwer zugänglichen Bergen im Norden Albaniens etablierte sich über Jahrhunderte eine soziale Praxis, anhand derer sich die soziale Konstruktion von Geschlechterrollen zeigt. Frauen konnten Enthaltsamkeit schwören und daraufhin die soziale Rolle des Mannes übernehmen. Diese »eingeschworenen Jungfrauen« mussten auf ihre Sexualität verzichten und sich wie Männer kleiden. Sie trugen Waffen und genossen männliche Privilegien, durften etwa Tabak und Alkohol konsumieren.

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Geregelt wurde diese Praxis durch das Gewohnheitsrecht des Kanun, der unterschiedlichen Schätzungen zufolge auf das Mittelalter oder gar vorrömische Zeiten zurückgeht. Erst unter dem Regime Enver Hoxhas verlor der Kanun an Bedeutung. Für den sozialen Übergang von der Frau zum Mann musste die Frau vor die Ältesten der Gemeinde treten und Enthaltsamkeit schwören. Von diesem Zeitpunkt an war sie frei, »sich unter Männern aufzuhalten«. Sie wurde fortan Burrnesha genannt.

Heute leben in Albanien verschiedenen Schätzungen zufolge noch zwischen einem Dutzend und 40 »eingeschworene Jungfrauen«. Die meisten sind über 80 Jahre alt und das Phänomen ist im Verschwinden begriffen. Vor neun Jahren begannen sich namhafte internationale Medien für das Phänomen zu interessieren. Im Juni 2008 erschien in der New York Times eine Reportage mit dem Titel »Albanian Custom Fades: Woman as Family Man«, in der bereits das Aussterben dieser sozialen Praxis thematisiert wurde. Die Fotografin Pepa Hristova traf die letzten Burrnesha für ihren beindruckenden Bildband »Sworn Virgins«. Die Reportage und der Bildband besitzen eine Authentizität, die sich in späteren Berichten und Reportagen zu den »eingeschworenen Jungfrauen« Albaniens nicht mehr findet.

»Die Burrnesha fühlen sich durch die Massenmedien völlig falsch verstanden und die meisten wollen mit Journalisten nichts zu tun haben. Nur einige wenige haben daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Ich finde es traurig zu sehen, wie sie zu Freaks gemacht werden.« Linda Gusia, Soziologin

Mittlerweile dient das Phänomen der Exotisierung Albaniens und dem Zeitvertreib wohlbetuchter Touristen. Einige der letzten Burrnesha erkannten in ihrer sozial marginalisierten Position, dass das Interesse an ihnen eine lukrative Einnahmequelle ist. Der Reiseveranstalter »Albanian Trip« bietet Touristen und Journalisten gegen Geld Besuche bei den letzten Burrnesha an. Die Treffen folgen einem einstudierten Drehbuch und so ist es kein Wunder, dass die Dutzenden Reportagen über »eingeschworene Jungfrauen« sich kaum voneinander unterscheiden.

Einer der Protagonisten in diesen Reportagen ist Diana Rakipi. Der 62jährige gilt als jüngster Burrnesha und lebt nicht mehr in den Bergen Nordalbaniens, sondern in der von Handel und Tourismus geprägten Hafenstadt Durrës. Diana Rakipi spricht sich selbst in der männlichen Form an, trägt ein schwarzes Barett, eine rote Krawatte und raucht eine Zigarette nach der anderen. Er erzählt in diversen Berichten, dass er die Gesellschaft von Männern mehr schätze als die von Frauen, weil diese ständig tratschen würden und schwach seien. Ein Treffen mit Diana Rakipi kostet zwischen 100 und 120 Euro und dauert zwischen drei und fünf Stunden.

»Albanian Trip« bietet zusätzlich Besuche bei den »originalen Jungfrauen« in den Bergen an. Ein Treffen kostet 150 Euro, wenn man einer »eingeschworenen Jungfrau« begegnen und ihre Hand schütteln möchte. Interviews kosten 250 Euro, sollen zudem Aufnahmen mit der Kamera gemacht werden, beläuft sich die Summe auf 400 Euro. Der Reiseveranstalter Elton Caushi wirbt für seine organisierten Touren: »Es ist eine aussterbende Tradition. Die meisten Burrnesha sind im fortgeschrittenen Alter und in 15 Jahren wird es sie vielleicht nicht mehr geben.« Die Soziologin Linda Gusia arbeitet an der Universität Priština und hat sich für ihre Forschung mit den »eingeschworenen Jungfrauen« befasst. »Die Burrnesha fühlen sich durch die Massenmedien völlig falsch verstanden und die meisten wollen mit Journalisten nichts zu tun haben. Nur einige wenige haben daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Ich finde es traurig zu sehen, wie sie zu Freaks gemacht werden«, sagt Gusia im Gespräch mit der Jungle World.

Gusia hat sich dem Phänomen wissenschaftlich anhand von Judith Butlers Konzept der »Performativität der Geschlechter« genähert und sagt: »Diese Frauen performen ihr Gender und ihre Maskulinität. Je länger sie diese Männlichkeit performen, umso männlicher fühlen sie sich auch.« Die Burrnesha aus den Porträts von Pepa Hristova lassen sich phänotypisch oft nicht mehr von den Männern unterscheiden. Einige Burrnesha berichten, ihre Stimmen seien tiefer und die Haare über ihren Lippen zahlreicher als bei den Frauen im Dorf und bei ihren Schwestern.

Es gab zwei Hauptursachen für die Entscheidung, eine »eingeschworene Jungfrau« zu werden. Die meisten Burrnesha, die Linda Gusia für ihre Forschungen getroffen hat, wollten arrangierten Ehen entgehen. Nur bei einer Person würde sie von Fragen sexueller Identität und Transgender sprechen – und das ist Diana Rakipi aus Durrës. Die meisten Burrnesha übernehmen zwar die soziale Rolle des Mannes, sprechen von sich selbst aber in der weiblichen Form.

Durch das Aufgeben der Sexualität konnte diese nicht mehr von Ehemännern, Brüdern oder Vätern kontrolliert werden. Gusia sagt: »Das Konzept der Ehe war in Albanien bis ins 20. Jahrhundert hinein universell. Fast alle Frauen waren verheiratet, und zur Burrnesha zu werden, war die einzige Möglichkeit, diesem Schicksal zu entgehen.«

Ein weiterer Grund für den Jungfrauenschwur, war das Fehlen männlicher Nachkommen in einer Familie. Um es der Familie zu ermöglichen, weiter ihre Interessen in den Männern vorbehaltenen Dorfräten zu vertreten, konnte eine Frau den Schwur ablegen und sich daraufhin in die Welt der Männer begeben. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war es in Albanien zumeist nicht vorgesehen, dass Männer und Frauen miteinander soziale Beziehungen pflegen, wenn sie nicht verwandt oder verheiratet sind. Um Ausnahmen zu schaffen, musste Asexualität unter Beweis gestellt werden.

Der albanische Schriftsteller Ismail Kadare beschreibt die Probleme über die Zusammenkunft von Männern und Frauen im besetzen Gjirokastra Anfang der vierziger Jahre in seinem Roman »Chronik in Stein«. Die Figur Argjir Argjiri wird von seinen Nachbarn wegen seiner hohen Stimme als asexuelle Person wahrgenommen und darf deswegen auch Zeit mit Frauen verbringen. Als das Bild von Argjiris Asexualität aufgrund seiner bevorstehenden Hochzeit zerbricht, fühlen sich die männlichen Nachbarn gehörnt, weil er Zeit mit ihren Ehefrauen verbrachte. Am Morgen nach seiner Hochzeit wird Argjir Argjiri ermordet aufgefunden.

Gusia zufolge wurde Asexualität akzeptiert, während unverheiratete Frauen und ihre Sexualität in der patriarchalen albanischen Gesellschaft als Problem galten. Die Asexualität musste entsprechend um jeden Preis aufrechterhalten werden: »Die Performance der Männlichkeit von Burrnesha wurde weitaus strenger überwacht als die der Männer. Sie durften keinesfalls aus ihrer Rolle fallen. Die Burrnesha hatten zwar mehr Rechte als Frauen, aber mit Emanzipation hatte die Praxis nichts zu tun. Manche Burrnesha sagen, sie würden diese Entscheidung nicht wieder treffen, andere würden es wieder tun, weil Männer größere Freiheiten genossen haben.«

Die Burrnesha würden aussterben, meint Gusia und fügt hinzu: »Die Praxis ergibt keinen Sinn mehr. Frauen können sich nun unbegleitet in der Öffentlichkeit zeigen und männlich konnotierte Berufe annehmen.«
In Albanien wird es zukünftig keine Burrnesha mehr geben, weil arrangierte Ehen nicht mehr üblich sind, der Kanun keine Rolle mehr spielt und in der neuen albanischen Regierung zur Hälfte Frauen sitzen. Es gibt keine Notwendigkeit mehr, eine »eingeschworene Jungfrau« zu werden. Und das ist auch gut so.