Der »Islamische Staat« versucht, in Albanien Fuß zu fassen

Kein Bock auf Kalifat

Die Saudis nutzten die jugoslawischen Nachfolgekriege, um ihre wahhabitisch-salafistische Ideologie auf den Balkan zu bringen. Obwohl die »Bärtigen« bei der Bevölkerung denkbar unbeliebt sind, konnten sie kleine Terrorzellen etablieren.

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Am 12. November 2016 konnte die israelische Fußballnationalmannschaft das WM-Qualifikationsspiel gegen Albanien mit 3:0 für sich entscheiden. Da sich die beiden Mannschaften eine WM-Qualifikationsgruppe mit Italien und Spanien teilen, wird es für beide Teams wohl trotzdem nicht für eine WM-Qualifikation reichen. So weit, so gewöhnlich.

Ungewöhnlich ist hingegen, dass das Spiel aus dem nordalbanischen Shkodra, nahe der kosovarischen Grenze, ins zentral gelegene Elbasan verlegt worden war. Wovon außerhalb Israels und des Balkan kaum jemand Notiz nahm, ist, dass die albanischen Behörden an diesem Tag einen der größten geplanten Anschläge des »Islamischen Staats« (IS) auf dem Balkan verhinderten. Albanische IS-Anhänger aus Mazedonien, Albanien und dem Kosovo planten simultane Anschläge in den drei Ländern, bei denen die israelische Nationalmannschaft und ihre Fans das Hauptziel bildeten. Weitere Anschlagsziele sollten kosovarische Institutionen und serbisch-orthodoxe Kirchen bilden. Der Plan des IS: die israelische Nationalmannschafft und ihre Fans vernichten, die wichtigsten Staatsgebäude des multinational verfassten Kosovo zerstören und auf dem Weg noch ein paar orthodoxe Serben ins Jenseits bomben.

Bevor diese Pläne in die Tat umgesetzt werden konnten, hatten die Sicherheitsbehörden der drei Länder jedoch 25 mutmaßliche IS-Anhänger festgenommen. Davon kamen 19 aus dem Kosovo und die restlichen sechs aus Albanien und Mazedonien. Bei den Verdächtigen wurden Pläne, Sprengstoff, Waffen und eine Drohne entdeckt. Nach Polizeiangaben wurden die Attacken von zwei albanischen IS-Rückkehrern koordiniert.

Der Plan des »Islamischen Staats«: die israelische Nationalmannschaft und ihre Fans vernichten und auf dem Weg noch ein paar orthodoxe Serben ins Jenseits bomben.

Als Kopf hinter den Anschlagsplänen gilt allerdings jemand anders: Lavdrim Muhaxheri, der Kommandant der albanischen IS-Kämpfer in Syrien und dem Irak. Allein in seinem kosovarischen Heimatort Kaçanik konnte Muhaxheri mehr als 20 Personen rekrutieren, um für den IS in Syrien und dem Irak zu kämpfen. Er machte den IS zum Medienthema im albanischsprachigen Raum, als er im Sommer 2014 ein Video von sich auf Facebook postete, auf dem er einen 19jährigen Syrer in der Wüste enthauptet. Die Enthauptung rechtfertigte Muhaxeri damit, dass dieser ein Spion gewesen sei und der Koran dafür eine solche Strafe vorsehe. Es geht bei diesen Videos aber auch darum, die Kontrolle über ein Gebiet zu demonstrieren. Wer im Freien und nicht in stillen Hinterzimmern morden kann, der zeigt damit, dass er der Souverän auf diesem Territorium ist.
Wie beim deutschen IS-Terroristen Denis Cuspert (auch bekannt unter seinem Künstlernamen Deso Dogg) ist bereits mehrfach der Tod von Muhaxeri gemeldet worden. Nach jüngsten Angaben soll er am 8. Juni bei einem Luftschlag der US-Streitkräfte getötet worden sein.

Mittlerweile hat der Kosovo die höchste Pro-Kopf-Dichte an IS-Kämpfern in Europa. Es gibt 316 bestätigte Fälle von kosovarischen Staatsbürgern, die sich jihadistischen Gruppen in Syrien und im Irak angeschlossen haben, bei gerade einmal 1,8 Millionen Einwohnern.
Aus Albanien haben sich aktuellen Zahlen zufolge rund 100 Personen jihadistischen Gruppen im Irak und in Syrien angeschlossen – bei 2,8 Millionen Einwohnern; das entspricht ungefähr der Quote in Belgien oder Frankreich. Von diesen Jihadisten sind bislang rund ein Drittel wieder ins Land zurückgekehrt. Bereits 2014 hat Albanien die Sicherheitsvorkehrungen verschärft und die Strafen für Rückkehrer und IS-Propaganda verschärft.

Die IS-Anhänger auf dem Balkan rekrutieren sich in der Regel aus der dortigen Salafistenszene. Die Ursprünge der Ausbreitung des Salafismus auf dem Balkan liegen im Bosnien-Herzegowina der neunziger Jahre, als während des Kriegs Tausende Jihadisten auf der Seite der bosnischen Muslime kämpften. Nach dem Kriegsende 1996 erhielten viele von ihnen aus Dankbarkeit bosnische Pässe. Saudi-Arabien überwies Millionenbeträge, mit denen sie die Ausbreitung der salafistischen Lehre auf dem Balkan vorantrieben. Im Kosovo konnten die Salafisten nach der Nato-Bombardierung Restjugoslawiens im Jahr 1999 Fuß fassen. Von dort aus begannen sie auch in Albanien zu rekrutieren, bislang aber ohne großen Erfolg. Es ist den Saudis nicht gelungen, einen relevanten Einfluss auf das Denken der Bevölkerungsmehrheit zu erlangen. Nichtsdestoweniger entstand eine Szene, aus der der IS einen kleinen und sehr extremen Kreis an Anhängern in der Region rekrutieren kann.
Der im Kosovo ausgebildete Imam Visar Duriqui hat selbst erlebt, wie Mitschüler radikalisiert wurden. Einige schlossen sich dem IS an und ließen ihr Leben für den Traum vom Kalifat. Duriqui wählte einen anderen Weg, er wurde Journalist und berichtet heute in Priština über Islamismus. Seine alte Schule betrachtet der 30jährige mittlerweile sehr kritisch: »Sie haben uns einen Islam gelehrt, der dazu führt, Menschen zu töten.« Er macht vor allem einen Akteur für die Ausbreitung des Salafismus verantwortlich: »Die Saudis brachten diese Ideologie hierher. Ohne sie hätte der IS hier nicht solche Rekrutierungserfolge feiern können.« Duriqui selbst war Ziel eines geplanten Anschlags von zwei kosovarischen IS-Anhängern, die sich bereits Sprengstoff und Waffen mit Schalldämpfern besorgt hatten.

Der IS in Albanien ist viel mehr ein Ergebnis der Ausbreitung der salafistischen Ideologie im Kosovo, als dass er Grundlagen in der albanischen Gesellschaft hätte. Salafisten und Islamisten in Albanien sind ein Randphänomen, das politisch kaum eine Rolle spielt. Man kann sich tagelang auf den Straßen Tiranas bewegen, ohne einem Mann in Dreiviertelhosen oder einer Frau mit Vollverschleierung zu begegnen. Doch die Grenzen zwischen Albanien, Montenegro, Kosovo und Mazedonien sind durchlässig und die Sicherheitskräfte oftmals schlecht ausgebildet. Die Jihadisten schaffen eine effektivere Zusammenarbeit über die Ländergrenzen hinweg eine effektivere Zusammenarbeit als die Sicherheitsbehörden.

Hinter vorgehaltener Hand machen die Sicherheitskräfte in den Balkan-Ländern keinen Hehl aus den Problemen. Sie fragen sich nicht, ob, sondern wann es zu einem großen Anschlag in der Region kommen wird. Vor allem Albanien liegt im Fokus der Jihadisten. Das gängige IS-Propagandamaterial ist in albanischer Übersetzung leicht im Internet zu finden. Die Terrormiliz ruft die Bevölkerung nicht mehr dazu auf, ins »Kalifat« zu kommen, sondern dazu, Anschläge auf dem Balkan zu verüben. In mehreren vom IS veröffentlichten Videos wird Albanien als Ziel von Terrorangriffen genannt. Als engagiertes Mitglied der Nato und der internationalen Anti-IS-Koalition ist Albanien ohnehin ein wahrscheinliches Ziel. Die Regierung entschied im Februar, Truppen in den Irak zu entsenden, um den IS zu bekämpfen. Auch wenn dies nicht die offizielle Position ist, gehen Experten davon aus, dass der geplante Anschlag auf die israelische Nationalmannschaft ein Grund für diesen Schritt ist.

Nach den jüngsten Anschlägen in Barcelona wurden die polizeilichen Sicherheitsvorkehrungen in Albanien verschärft. Der Ideologie des IS zufolge gehören Spanien als al-Andalus sowie der Balkan als einstiger Teil des Osmanischen Reichs zum Territorium eines zu schaffenden neuen Kalifats – ein Kalifat, das sich bei den überwiegend säkular eingestellten Albanern indes keiner großen Beliebtheit erfreut.