Rezension: »Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariat«

Grau ist alle Empirie

Patrick Eiden-Offe möchte den Proletariern ihre Buntheit zurückgeben und nimmt dem Begriff des Proletariats seine Schärfe.

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Seit jeher gehört zum Habitus des bürgerlichen Gelehrten die Distanz zum prallen Leben. Während der Pöbel und der Bourgeois sich im ungezwungenen Verhältnis zum Genuss ähneln, pflegt der Gelehrte ihm gegenüber Verzicht. Je nach den Bedingungen, unter denen er sein Leben fristet, prägt solche Askese sich verschieden aus. Wo der Gelehrtenstand von der bürgerlichen Gesellschaft noch als zweckfreies Überbleibsel mitgeschleift wurde, nahm das Bewusstsein der eigenen Zurückgebliebenheit bei seinen Angehörigen die Form eines sich absolut setzenden Idealismus an. Dieser glaubte, sich aus sich selbst hervorbringen zu können, und vermochte die Wirklichkeit nur als »Nicht-Ich« in den Blick zu nehmen, wie Johann Gottlieb Fichtes Titel für die empirische Restwelt lautete. Noch bei den Protagonisten der Boheme, deren Vorform sich in Deutschland im Übergang von der Romantik zum Vormärz entwickelte und die ihre Hochzeit um 1900 erlebte, setzte sich solcher Idealismus fort. Auffangbecken für verarmte Adelige, abtrünnige Großbürger und proletarisierte Bürger, war die Boheme ein Tummelplatz klassenloser Grenzgänger zwischen Phantasie und Phantasterei.

Die Darstellung der Proletarisierten in Texten der Romantiker ist nicht zuletzt deshalb so bunt, weil der Blick ihrer Autoren ein exterritorialer war.

Wo aber die Residuen geistiger Arbeit derart geschliffen sind, dass den intellektuellen Lumpenproletariern die Möglichkeit idealistischer Selbstverkennung genommen ist, entpuppen sich Cafés und Kneipen als outgesourcte Jobagenturen für Freiberufler am Rande des Existenzminimums. In solchen Zeiten mutieren die Geistesarbeiter zu sehnsüchtigen Fürsprechern der Miserablen und Verfemten. Mit der Fusion von Idealismus und Prekarität entsteht das von Akademikern heißgeliebte »Projekt«. Dessen Ursprünge erkennt der Berliner Literatur- und Kulturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe in seiner Studie »Die Poesie der Klasse« im Vormärz, den er deshalb besonders schätzt: »Schriftsteller im Vormärz … waren immer auch Projektemacher; die allgegenwärtige politische Repression und Zensur der Restaurationsepoche hat nicht nur eine ganz eigene, verstellt-ironische ›Kunst des Schreibens‹ hervorgebracht, sondern auch einen höchst eigensinnigen Wildwuchs an publizistischer Projektemacherei.«

Weil Akademiker, die ihre Arbeiten nicht mehr im Kämmerlein, sondern im Büro produzieren, jedweden Wildwuchs euphorischer begrüßen als der Mönch die Orgie, beichtet Eiden-Offe seinen Lesern gleich zu Beginn: »Dieser wilden Schreibszene begegne ich mit einer ausgewilderten, selbst undisziplinierten Lesehaltung: Ich lese Literatur wie Theorie und Theorie wie Literatur.« Glücklicherweise löst seine Studie die Androhung postmoderner Unfähigkeit nicht ein. Sie erschließt vielmehr durch ihr Bemühen, die eingespielte Entgegensetzung von »idealistischer« Romantik und »materialistischem« Vormärz in Frage zu stellen, sowohl in der ästhetischen Produktion wie in der Lebenswirklichkeit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts neue Facetten. Die Koketterie, mit der sich der Autor zu seiner nicht vorhandenen Disziplinlosigkeit bekennt, fordert trotzdem ihren Tribut: in der Neigung zur Abstraktionsfeindlichkeit, die sich im Untertitel, »Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats«, anmeldet.

Seit die Moderne von der Postmoderne abgelöst wurde, kennen Akademiker statt Entdeckungen nur Erfindungen. Von Entdeckungen zu reden, setzt etwas jenseits diskursiver Konstruktionen Vorhandenes voraus. »Erfindung« betont dagegen den Konstruktionscharakter theoretischer Arbeit. Anknüpfend daran hebt Eiden-Offe hervor, das Proletariat sei im 19. Jahrhundert durch eine gesellschaftliche wie diskursive Formierung allererst geschaffen worden: »Seit den 1830er Jahren machen die proletarisierten Individuen ihre Lebensbedingungen und Erfahrungen zum Bezugspunkt einer kollektiven Identifizierung, aus der als politisches Subjekt schließlich ›das Proletariat‹ … hervorgeht.«

Diese Entwicklung sei ebenso wenig zu trennen von der Konstitution der »Arbeiterbewegung« als dem Begriff des Proletariats korrespondierendes Kollektivsubjekt wie von der Genese des »Klassenbewusstseins«, in dem die Proletarisierten »die Selbst-Interpretation ihrer Erfahrungen als Konstitution eines Wir« erführen. Entsprechend liest Eiden-Offe Texte aus Romantik und Vormärz – von Ludwig Tieck, Heinrich Heine, Ludwig Börne, Wilhelm Weitling, Georg Weerth – auf die Frage hin, ob sie »als Verkörperungen eines imaginären proletarischen Klassenbewusstseins« und »Ausgestaltungen kollektiv gestalteter Erfahrungen« gedeutet werden können. Sein Ziel ist, Georg Lukács’ Verdikt zu revidieren, im »romantischen Antikapitalismus« schlage »die Aufdeckung der Widersprüche der kapitalistischen Arbeitsteilung« in »Verherrlichung jener Gesellschaftszustände« um, »die diese Arbeitsteilung noch nicht gekannt haben«.

Eiden-Offe möchte Lukács mit dem Nachweis begegnen, dass in Texten aus Romantik und Vormärz die Proletarisierten noch nicht als »das Proletariat«, sondern in einer der empirischen Wirklichkeit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angemesseneren Vielheit in Erscheinung träten. Diese Vielheit bewahre etwas, das mit der Verwandlung der Proletarisierten in Proletarier kassiert werde: Produktionserfahrungen und Lebenswelten, die mit der Entwicklung des Industrieproletariats als anachronistisch abgewickelt und vergessen worden seien. Dem Impuls der Erinnerung des Vergessenen (Eiden-Offe spricht von »Rettungshistoriographie«) korrespondiert der Anspruch, der Neubewertung des »romantischen Antikapitalismus« eine Gegenwartsdiagnose abzugewinnen. Was heute »Prekariat« genannt werde, erweise sich in mancher Hinsicht als Wiederkehr der Noch-nicht-Klasse der Proletarisierten: »Die … Textilhandwerker, die Strumpfwirker, Tuscherer und Handweber … mögen verblendet und rückwärtsgewandt argumentiert und agitiert, illusorische und dumme Ziele verfolgt haben« – sie verkörperten doch, wie Eiden-Offe anschließend an E. P. Thompsons Studie »The Making of the English Working Class« argumentiert, Erfahrungen und Hoffnungen, die im Namen gesellschaftlichen Fortschritts anzueignen seien.

Eiden-Offes Konzept der »Rettungshistoriographie« korrespondiert so eng mit Gedanken der Kritischen Theorie (Benjamins »rettende Kritik«, Adornos »Nichtidentisches«), dass es zunächst erstaunt, wie wenig dieser Traditionszusammenhang transparent gemacht wird. Doch wie meistens macht hier die Nuance den Unterschied. Während Adorno und Horkheimer sich unter dem Druck zeitgenössischer Erfahrung (dem Versagen der Arbeiterbewegung angesichts des Nationalsozialismus, dem Umschlag von Arbeit in Vernichtung in den Konzentrationslagern) von der Marx’schen Terminologie abwandten und der imperative Gehalt der Rede von der Klasse, der Appell an ein erst zu schaffendes Subjekt der Befreiung, bei ihnen in den Begriff der Menschheit abwanderte, stört Eiden-Offe sich gerade am auf ungeteilte Wahrheit zielenden Moment des Klassenbegriffs. Wie Georges Bataille und Jacques Rancière, seine wichtigsten Gewährsleute, wünscht er sich den Kampf um die Freiheit authentisch und durchpulst vom Wärmestrom des Volksganzen. Deshalb widmet er ein Kapitel Tiecks Novelle »Der junge Tischlermeister«, in dem er die Gesellen und Handwerker findet, die er als Identifikationsfiguren des romantischen Antikapitalismus schätzt, verliert aber kein Wort über die Novellen E. T. A. Hoffmanns, in deren Zauberer-, Automaten- und Marionettenfiguren die Ahnung einer Gesellschaftsform aufdämmert, die zur Zeit ihrer Veröffentlichung noch gar nicht recht zur Welt gekommen war. Deshalb auch extrapoliert er Charakteristika der dem sozialen Realismus eng verbundenen englischen Romantik in die Sphäre der deutschen Romantik, die gerade in ihrer Spätphase geprägt war vom Bruch zwischen ästhetisch fortschrittlichem Gehalt und reaktionärer Ideologie. Deshalb schließlich ist sein ganzes Buch grundiert von der Insinuation, der Begriff der Klasse homogenisiere die unter ihn gefasste Wirklichkeit.

Tatsächlich ist die Darstellung der Proletarisierten in Texten der Romantiker nicht zuletzt deshalb so bunt, weil der Blick ihrer Autoren ein exterritorialer war, während die schriftlichen Zeugnisse real Proletarisierter ihr ästhetisches Misslingen auch der Tatsache verdanken, dass das empirische Dasein ihrer Verfasser so grau und homogen war, wie Eiden-Offe es dem Begriff zum Vorwurf macht. Der Begriff der Klasse bei Marx zielte, wie jeder Begriff, darauf ab, aufzuschließen, was er bezeichnete, und wies damit über das ihm Subsumierte hinaus. Eiden-Offe aber nimmt, was er den Proletarisierten an Vielfalt zurückerstattet, der Prägnanz des Begriffs wieder weg. Die romantischen Texte, die ihr Bestes an der spekulativen Kraft haben, mit der sie antizipatorisch eine Wirklichkeit zur Darstellung bringen, die noch gar nicht wirklich geworden war (eben das macht ihre genuine Phantastik aus), dienen ihm im Gegenzug als Illustration einer Realität, die für sie nur den Stoff gebildet hat. Das Ergebnis ist weniger wild als ordentlich: in manchem ergiebig, in vielem kritikwürdig, fast nie überraschend.

Patrick Eiden-Offe: Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats, Matthes & Seitz: Berlin 2017, 462 Seiten, 30 Euro