Die Nähe zwischen Intendant und Besetzern der Volksbühne

Performance statt Revolte

Der Intendant Chris Dercon und die Besetzer der Berliner Volksbühne ähneln einander konzeptionell, wenn sich auch die Gehaltsklassen stark unterscheiden.

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Die Volksbühne in Berlin war für nahezu eine Woche im Rahmen einer Kunstaktion besetzt und wurde am vergangenen Freitag von der Polizei geräumt. Die Vorgeschichte der Besetzung begann im April 2015, als die Sozialdemokraten Tim Renner und Michael Müller ankündigten, den Museumsleiter Chris Dercon zum neuen Intendanten des Hauses zu berufen. Nicht nur die Belegschaft der Volksbühne lehnte diese Entscheidung ab, auch die Fachöffentlichkeit übte Kritik. Denn dem Kulturstaats­sekretär Renner und dem Regierenden Bürgermeister Müller ging es nicht um die künstlerische Weiterentwicklung der Volksbühne, sondern um deren Anpassung an eine bestimmte Vor­stellung von Stadtmarketing. Mit dieser Verschiebung der Prioritäten wurde die Neuintendanz der Volksbühne zu einer stadtpolitischen Richtungsentscheidung. Renner ist inzwischen aus der Berliner Politik verschwunden, das angestrebte Bundestagsmandat für den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf verwehrten ihm die Wähler; Müller allerdings ist nach wie vor Regierender Bürgermeister.

Die Situation änderte sich mit der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im vergangenen Herbst. Klaus Lederer von der Linkspartei übernahm für die rot-rot-grüne Regierung das neu eingerichtete Amt des ­Kultursenators. Er hatte zuvor die mit dem Leitungswechsel einhergehende Neuausrichtung der Volksbühne kritisiert. Als Senator bemühte er sich um eine Korrektur; zwischen Lederer und Dercon bestand keineswegs Einvernehmen. Auch die Öffentlichkeit gab keine Ruhe. Eine Petition gegen die Umstrukturierung der Volksbühne konnte innerhalb kurzer Zeit über 40 000 Unterschriften sammeln. Hauptkritikpunkt war die angestrebte Abwendung vom Ensemble- und Repertoiretheater hin zu einer intermedialen Plattform. Dass die künstlerische Leitung um Dercon daraufhin versuchte, die Begriffe Ensemble und Repertoire schlicht umzudefinieren und die Verantwortung für die Veränderungen in der Personalstruktur noch auf Dercons Vorgänger Frank Castorf zu schieben, beruhigte die Lage auch nicht unbedingt.

Das Dilemma der Volksbühne ist offensichtlich: Weder der berufene Intendant noch die nicht gerufenen Besetzer können oder konnten mit dem Theater am Rosa-Luxemburg-Platz etwas anfangen, was dem ­Theater zugute käme.

Dercon kündigte bisher 16 Premieren an, darunter auch das inzwischen abgesagte Konzert der BDS-Unterstützerin Kate Tempest und die Präsentationen eines Computerspiels und einer Web-App. Nach Recherchen des Theaterautors Raban Witt sind nur zwei Schauspieleigen­produktionen mit insgesamt bisher zehn Tagen Spieldauer angekündigt, Schauspieler für das Ensemble wurden bis heute nicht engagiert. Zahl­reiche Veranstaltungen finden in der neuen Spielstätte in Tempelhof statt. Die erste Vorstellung für die große Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist für Ende November geplant. Eine der größten Theaterbühnen der Stadt bleibt also so gut wie ungenutzt.

Die Besetzer – unter Leitung des »Kollektivs VB61-12«, das die Be­setzung unter dem Titel »Operation Staub zu Glitzer« plante – haben die leerstehende Bühne für ihren eigenen Auftritt genutzt und die mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. »Mit dieser kollektiven, transmedi­alen und mimetischen Theaterinszenierung nehmen wir das Theaterhaus in Besitz und erklären es zum Eigentum aller Menschen. Wir öffnen es und stellen es zur allgemeinen Nutzung zur Verfügung«, hieß es in der verbreiteten Pressemeldung. ­Zunächst wurde – typisch für Berlin – eine Party veranstaltet, um eine ­größere Menschenmenge in das Haus zu bekommen. Alsbald etablierten sich dann Strukturen, wie sie aus sogenannten linken Freiräumen, aber auch von anderen Besetzungen bekannt sind: Küfa (Küche für alle), Awareness, Presse, Programm. Alles unter Einhaltung des Denkmalschutzes, Revolte light; dementsprechend hielt man sich auch nur im ­Foyer und den Seitenräumen auf, der Betrieb des Theaters war im Grunde nur wenig gestört.

Eine Forderung der Besetzer war eine zweijährige Kollektivintendanz an dem Haus, Dercon sollte in Tempelhof sein Programm fortführen. Der war davon wenig begeistert und forderte den Senator zum Handeln auf. Lederer hieß die Besetzung ebenfalls nicht gut, verkündete aber zunächst das Motto »Deeskalation statt Konfrontation«. Überrascht dürften beide aber nicht gewesen sein: Sowohl Dercon als auch Lederer waren von den Besetzern lange im Voraus über die Aktion in Kenntnis gesetzt worden, auch die Presse berichtete darüber bereits vor der Besetzung.

 

Eine harmlose Besetzung

Die nun einmal eroberte Bühne nahmen unterschiedlichste Personen und Gruppen ein, von Aktionskünstlern wie dem »Haus Bartleby – Zentrum für Karriereverweigerung« über stadtpolitische Initiativen und Clubkollektive bis zu linken Gruppen. Der Form nach orientierte sich die Performance an den Platzbesetzungen der vergangenen Jahre, sie war ­wesentlich symbolisch. Auch inhaltlich ging es vor allem um transparente basisdemokratische Verfahren, selbst wenn bisweilen unklar blieb, was eigentlich demokratisch zu entscheiden wäre. Auch hatte es bloß symbolischen Charakter, die Eigentumsordnung an einer städtischen Immobilie in Frage zu stellen. Das – und das betont künstlerische Wesen der Besetzung – schützten zeitweise zwar vor repressiven Maßnahmen der Staatsgewalt, die bei der Aneignung von Privateigentum bekanntlich weniger zimperlich vorgeht, verlieh dem Ganzen aber auch eine Harmlosigkeit – trotz des kapitalismuskritischen Auftretens der Besetzer. Denn auf dem Weg in eine von der Verwertungslogik befreite Gesellschaft wären andere Gebäude sicher dringender einer neuen Funktion zuzuführen als ein Theater.

So hat Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung darauf hingewiesen, dass das Ergebnis dieser Umwidmung eines öffentlichen Gebäudes der Hamburger Roten Flora durchaus nahekommen dürfte – ein soziales Zentrum mit Kleinkunstabteilung. In der gleichen Zeitung sprach Frank Castorf den Besetzern zwar seine Sympathie aus, attestierte ihnen aber zugleich schrankenlosen künstlerischen Dilettantismus. Ein großer Teil der an der Volksbühne Beschäftigten war auch eher mäßig bis gar nicht angetan. Von Arbeiterselbstverwaltung im Sinne einer Rätedemokratie war die Besetzung weit entfernt.

Das Spektakel sorgte dennoch für großen medialen Wirbel. Indessen handelte es sich bei der Besetzung letztlich nur um die Umsetzung des Programms, das von allerlei hochbezahlten Theaterintendanten ebenfalls verkündet wird: Theater seien Erfahrungsräume der Demokratie, die fünfte Macht im Staate. Von Erfahrungsräumen der Kunst ist keine Rede, sondern von Politik mit theatralen Mitteln. Theater erscheint als ­Sozialtechnologie des come together, in der Taz wurde die Besetzung bejubelt als »soziale Plastik, die Beuys, Brecht und Schlingensief beglückt hätte«. So nimmt es nicht wunder, dass sich die ästhetischen Setzungen Dercons und die der Besetzer kaum unterscheiden: transmediale Performance überall.

Das wiederum machte es für Dercon zunächst schwer, die Besetzer einfach aus dem Haus zu werfen. Sie waren ihm schlicht zu ähnlich, wenn auch in einer anderen Gehaltsklasse befindlich (worüber zu reden sich ja lohnen würde). Am vergangenen Donnerstag erreichte Dercons Toleranz für diese Performance, die nicht er, sondern andere organisiert hatten, allerdings ihre Grenze. Noch bevor die Besetzer abschließend über das Angebot beraten hatten, den Grünen Salon und den Pavillon der Volksbühne bespielen zu dürfen, stellte Dercon Strafanzeige und ließ das Haus von der Polizei räumen. Auch der Regierende Bürgermeister Müller hatte eine solche Linie befürwortet und Lederer unter Druck gesetzt, der – wohl eher um den Koalitionsfrieden zu wahren – die Räumung dann auch öffentlich verteidigte.

Das Dilemma der Volksbühne ist offensichtlich: Weder der berufene Intendant noch die nicht gerufenen Besetzer können oder konnten mit dem Theater am Rosa-Luxemburg-Platz etwas anfangen, was dem ­Theater zugute käme. Nur hat der eine einen Vertrag und die anderen am Ende die Polizei am Hals. Die Sozialdemokratie, die den ganzen Prozess ursprünglich in Gang ­gesetzt hatte, zeigt sich zuletzt also ganz in ihrem Element, als Theaterzerstörer aus Dummheit, nicht aus Plan. Denn wenn es statt Theater obendrein keine Sozialzentren gibt, fühlen sich Menschen ermutigt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Das hat auch seine Wahrheit, denn es ist evident, dass es in Berlin zurzeit einige dringendere Probleme zu lösen gäbe als die schwindende Reichhaltigkeit des abendlichen Unterhaltungsprogramms der gehobenen Gesellschaft. Dass die Besetzung der Volksbühne ­allerdings nichts zur Lösung dieser Probleme beiträgt, eben auch. Das Dilemma der Volksbühne und ihrer Besetzung verweist auf ein größeres, dass nämlich jede Aktion, die nicht an den gesellschaftlichen Bedingungen selbst rüttelt, lediglich symbolische Performance bleibt.