Alain Gomis’ Film »Félicité«

Schöner als Lügen

Anzeige

Die Sängerin Félicité (Véro Tshanda Beya) tritt jeden Abend in einer Bar in Kinshasa auf. Der Schwerenöter Tabu (Papi Mpaka) ist dort Stammgast. Als Félicités Sohn einen schweren Motorradunfall hat, muss die Mutter irgendwie Geld für die Operation auftreiben. Eine Reise auf die Nachtseite der kongolesischen Hauptstadt beginnt.

Ausgerechnet Tabu erweist sich nun als Hilfe; er ist es auch, der versucht, Félicités Sohn nach der Entlassung aus dem Krankenhaus aus der Lethargie zu reißen. Es bildet sich eine Schicksalsgemeinschaft, die gegen alle aus dem normalen Kintopp bekannten Beziehungsmodelle verstößt, und die doch in der Atmosphäre eines zerrütteten Landes einen fast schon utopischen Charakter annimmt.

Der französisch-senegalesische Regisseur Alain Gomis inszenierte seinen Film »Félicité« nicht im Senegal, woher seine Eltern stammen, sondern in der Demokratischen Republik Kongo. Gemeinsam mit der französischen Kamerafrau Céline Bozon und immer ganz nah an Véro Tshanda Beyas beeindruckender physischer Präsenz erkundete er eine Stadt, die ihm beim Dreh vielleicht ebenso fremd schien wie dem Publikum der diesjährigen Berlinale. Dort wurde der Film im Wettbewerb ausgezeichnet und kommt dank des Verleihs Grandfilm nun erfreulicherweise tatsächlich ins Kino.

Und dieser Film musste einfach auf die Leinwand, weil er allein schon visuell so beachtlich ist: Die Bilder muten oft dokumentarisch an; ganz nah ist die Kamera am Gesicht der Mutter, die für ihren schwerverletzten Sohn kämpft. Zwischendurch gibt es überaus artifizielle Szenen, in denen ein Orchester Musik von Arvo Pärt spielt. Manchmal fängt Gomis auch einfach Bilder von der Straße ein. Und schließlich kommt es zur Vermischung der Ebenen, wenn Pärts Klänge auf die Straßen vordringen, bis in die nächtlichen Traumszenen hinein.

»Félicité« ist durchzogen von den Traumbildern einer schlafwandelnden Künstlerin, die im Dunkeln und im kühlen Wasser eine unerreichbare Gelassenheit sucht. Diese Suche kon­trastiert mit der Präsenz des Todes: Klagende Frauen stehen am Sarg eines toten Jungen. Aus Verzweiflung tanzen sie, denn Trauerstarre hilft nichts. Und auf dem Marktplatz werden Diebe fast totgeschlagen. Félicité singt unbeirrt weiter, begleitet von Musikern der mitreißenden Kasai Allstars, lässt sie sich Abend für Abend emotional auf die Menschen der Stadt ein. Tabu säuft und tröstet ihren verbitterten Sohn, wie es nur ein Säufer tun würde: »Wir sind die Wahrheit. Wir sind schöner als Lügen.«