Schwedische Neonazis legen Bomben und verbünden sich mit Kameraden in den Nachbarländern

Partei der Bombenleger

Die schwedische »Nordische Widerstandsbewegung« kämpft für ein nationalsozialistisches Skandinavien und ist auch für Gewalttaten verantwortlich. Für paramilitärische Ausbildung sorgen russische Kameraden.

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Es war kein Zufall, dass schwedische Neonazis ausgerechnet am 30. September, am jüdischen Feiertag Jom Kippur, an der Synagoge von Göteborg vorbeimarschieren wollten. Die Provokation wurde von einem Gericht verhindert, das eine andere Route vorschrieb. Gleichwohl dürften die Mitglieder der Nordiska Motståndsrörelsen (Nordische Widerstandbewegung, NMR) die Demonstration als Erfolg ansehen, schließlich schafften sie es sogar international in die Schlagzeilen.

Was dabei kaum erwähnt wurde: Die 1997 von Mitgliedern des Vitt Arisk Motstånd (Weißer Arischer Widerstand) gegründete NMR ist mehr als nur eine Gruppe Neonazis. Ihr erklärtes Ziel ist die Schaffung »einer nationalsozialistischen nordischen Republik, bestehend aus Schweden, Finnland, Norwegen, Dänemark, Island« und vielleicht auch den baltischen Ländern. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sie sich in den vergangenen Jahren gut organisiert: Die NMR verfügt nicht nur über eine Jugendorganisation, einen Buchverlag und mehrere Zeitungen – sie wurde auch als Partei anerkannt. In Norwegen und Finnland existieren bereits Ableger, deren Mitglieder den für ihre Brutalität berüchtigten schwedischen Nazis offenbar kaum nachstehen: Am 1. September vorigen Jahres wurde in Helsinki während einer Demonstration der NMR ein Mann totgeschlagen, was die Organisation der finnischen Tageszeitung Hufvudstadsbladet zufolge später als »Disziplinarmaßnahme« bezeichnete.

Führender Organisator der NMR ist seit vier Jahren der 34jährige Simon Lindberg, der angibt, »im Grunde die gleiche Ideologie wie Adolf Hitler« zu haben. Bereits als Jugendlicher wurde er Mitglied der Nationalsocialistisk Front (NSF). 1994 gegründet, machte diese Gruppe vor allem dadurch Schlagzeilen, dass zwei Mitgliedern Verbindungen zu den sogenannten Malexander-Morden nachgewiesen werden konnten. Zwei Polizisten hatten am 28. Mai 1999 drei Männer verfolgt, die mit Handgranaten und Pistolen bewaffnet eine Bank überfallen hatten. In der kleinen Ortschaft Malexander überrumpelten Tony Olsson, Andreas Axelsson und Jackie Arklöv die Beamten und erschossen sie aus nächster Nähe. Die Täter wurden schließlich gefasst und zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Arklöv stand zudem 2006 wegen Kriegsverbrechen vor Gericht, die er im Alter von 18 Jahren als Söldner in Bosnien-Herzegowina begangen hatte.

Die NSF gründete schließlich eine eigene Partei, die jedoch gänzlich erfolglos blieb. Bei der Kommunalwahl in Karlskrona im Jahr 2002 bekam sie 206 Stimmen, bei der Reichstagswahl 2006 waren es landesweit 1 417. Die selbsternannten Kämpfer für Recht und Ordnung hatten ein Imageproblem: Sieben der zehn Kandidaten waren wegen Gewalttaten vorbestraft.

Simon Lindberg, ebenfalls ein vorbestrafter Gewalttäter, wechselte schließlich zur NMR. Vom schwedischen Nachrichtendienst Säkerhetspolisen (Säpo) als »größte Bedrohung der inneren Sicherheit des Landes« beschrieben, pflegt die Gruppe auch enge Beziehungen zu Nazis in Nachbarländern, wie sich im Frühjahr 2017 nach zwei Bombenanschlägen auf das Syndikalistische Forum und ein Flüchtlingsheim sowie einem gescheiterten Anschlag auf eine weitere Flüchtlingsunterkunft in Göteborg herausstellte. Die Täter, Viktor Melin, Anton Thulin und Jimmy Jonasson, wurden im Juli zu Haftstrafen zwischen anderthalb und achteinhalb Jahren verurteilt. Dass die Urteile vergleichsweise milde ausfielen, liegt an einer Besonderheit der schwedischen Rechts­praxis: Die Kriterien für eine Anklage wegen Terrorismus sind sehr streng. Die Staatsanwaltschaft strebte eine sichere Verurteilung an und verzichtete deswegen auf den Versuch zu beweisen, dass die Angeklagten eine terroristische Zelle gegründet hatten.

Die beiden schwedischen Bombenleger posieren bewaffnet Seite an Seite mit russischen Nazis.

Im Prozess zeigte sich, dass die NMR nicht nur in Skandinavien gut vernetzt ist. Zwei der Verurteilten, Viktor Melin und Anton Thulin, hatten vor den Anschlägen an einer Kampfausbildung des Russkoje Imperskoje Dwischenije (Russische Imperiale Bewegung, RID) in St. Petersburg teilgenommen. Deren paramilitärischer Arm, Legion genannt, wurde 2008 gegründet und bildet in ihrem Zentrum »Partizan« unter anderem Freiwillige aus, die seit 2014 in der Ukraine kämpfen.

Die russische Naziorganisation hatte schon früh Verbindungen nach Skandinavien geknüpft und unter anderem mit der schwedischen NSF zusammengearbeitet. Im September 2015 reiste ihr Anführer Stanislaw Worobjew zusammen mit dem Leiter des Partizan-Ausbildungszentrum, Denis Garlew, zu einer Veranstaltung der NMR nach Schweden, an der auch die Verurteilten teilnahmen. Die jährlichen »Nordendagar« (Nordtage) sind eine zweitägige Versammlung des Führungspersonals der NMR. Worobjew überbrachte nach Erkenntnissen der Säpo nicht nur eine Geldspende in unbekannter Höhe für den Aufbau einer Partei mit, sondern äußerte sich in einem Interview mit deren Webzeitung auch begeistert: »Ihr habt hingebungsvolle Aktivisten, die wirklich für den Kampf brennen.« In seiner Rede auf dem Treffen hatte er zuvor gesagt, man kämpfe unter anderem gegen die »jüdischen Oligarchen in der Ukraine«, und die »zionistische Strategie im Nahen Osten« werde in Zukunft benutzt, »um die europäischen Nationen erst zu entzweien und dann zu beherrschen«.

Auf den offiziellen Bildern der Nordtage sind die russischen Besucher nicht zu sehen, die Zeitschrift Expo veröffentlichte allerdings vor einigen ­Wochen aus großer Entfernung geschossene Fotos von Worobjew und Garlew, die vermutlich von der Säpo stammen. Von Expo im September darauf angesprochen, leugnete Garlew zunächst, auf dem Treffen gewesen zu sein. Mit den Fotos konfrontiert, sagte er dann, »der kulturelle Austausch« habe im Vordergrund gestanden.

250 Dollar kostet die paramilitärische Ausbildung im Partizan-Zentrum, eine Woche lang wird dort nach Informationen der Säpo täglich zwölf Stunden lang nicht nur der Umgang mit Waffen und Sprengstoffen gelehrt, sondern auch Militärtechnik, Radiokommunikation und Erste Hilfe. Für die Ausbildung sei in Schweden aber nicht geworben worden, beteuert Garlew. Dass Viktor Melin und Anton Thulin dort gewesen sind, zeigen jedoch weitere Bilder, die auf der Facebook-Seite des Partizan-Zentrums veröffentlicht wurden. Beide Männer posieren bewaffnet Seite an Seite mit russischen Nazis. Das sei nur ein Scherz gewesen, wiegelt Garlew ab, entstanden bei einem harmlosen Spiel mit Paintball-Waffen. Mit den schwedischen Nazis habe man ohnehin nicht viel gemeinsam, denn sie hätten »ihre christlichen Wurzeln verloren, und daraus resultieren alle ihre Probleme«.

Gar zu hinderlich können die fehlenden Gemeinsamkeiten allerdings nicht sein, denn der RID hat sogar einen eigenen Repräsentanten in Schweden. Anatolij Udodow war ebenfalls 2015 bei den Nordtagen, er verwies im Interview mit Expo auf seine langjährigen Kontakte zur schwedischen Szene. Mit Klas Lund sei er beispielsweise schon lange bekannt, sagte er. Lund war bis 2015 Anführer der schwedischen Sektion der NMR und lange Jahre Redakteur einer ihrer Publikationen, des Nationellt Motstånd. 1990 hatte der Naziskin den Vitt Arisk Motstånd gegründet, nachdem er eine Haftstrafe wegen Mordes abgesessen hatte – gemeinsam mit anderen Nazis hatte er Einwanderer gejagt und dabei den Schweden Ronny Landin, der sich ihnen mutmaßlich entgegengestellt hatte, zu Tode misshandelt. Seit 2015 war Lund dann maßgeblich am Aufbau der NMR beteiligt, für den Worobjew beim Treffen im selben Jahr Geld gespendet hatte.