Die katalanischen Sezessionisten treibt der Wohlstandsnationalismus an

Hört die völkischen Signale

Spanien gegen Katalonien, dritte Runde: Mariano Rajoy gibt den Francisco Franco, Carles Puidgemont den Buenaventura Durruti. Das Ausmaß, in dem weite Teile der europäischen Linken auf eine linksliberal drapierte Mischung aus Wohlstands- und Kulturnationalismus hereinfallen, ist ein gruseliges Zeugnis ihrer geistigen Verfassung.

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Wenn es im Königreich Spanien einen Flecken gibt, der es verdient hätte, ein »gallisches Dorf« genannt zu werden, dann ist das nicht Katalonien, sondern die andalusische Gemeinde Marinaleda. Ihr steht seit 1979 der kommunistischer Bürgermeister Juan Manuel Sánchez Cordillo vor, der das Dorf nach kommunistischen Prinzipien regiert – im elementarsten Sinn des Wortes. Bloß ist das »Volk« von Marinaleda noch nicht auf die dumme Idee gekommen, die Unabhängigkeit von Madrid zu erklären. Wenn es der Linken inner- und außerhalb Kataloniens bloß darum ginge, ein fortschrittliches Gegenmodell aus dem spanischen Nationalstaat freizuhauen, dann müsste sie eigentlich zunächst die »República libre de Marinaleda« erkämpfen.

 

Nationalismus mit Charme

Zugegeben, der civic nationalism der Katalanen hat, wie jener der Schotten, seinen Charme. Er entbehrt der Fremdenfeindlichkeit, gibt sich integrativ, urban, linksliberal bis sozialdemokratisch, schreibt sich geschickt in die historische Genealogie des Widerstands des republikanischen Barcelona gegen Francos Spanien ein, fordert die denkbar fortschrittlichste Flüchtlingspolitik und ist gegen den Stierkampf. Eine linke Wellnessoase innerhalb eines retardierten Staats mit seiner neoliberalen, auf den Sezessionsversuch autoritär reagierenden Regierung, die zudem nach wie vor der Modergeruch des Klerikalfaschismus umweht.

Ganze Wolken davon sandte Mariano Rajoy nach Barcelona, als er dort das Briefgeheimnis verletzen, Wahlzettel konfiszieren, Politiker verhaften und durch die Guardia Civil über 500 friedliche Bürgerinnen und Bürger zusammenprügeln ließ – als wollte er um jeden Preis den Katalanen den Grund für ihren »progressiven Sezessionismus« nachliefern. Warum also nicht bei der Unreformierbarkeit solcher Zentren ein Stück unkorrumpierter Peripherie isolieren, als Flaschenpost, als provisorisches Versuchslaboratorium einer besseren Welt, von der aus die Reconquista des richtigen Lebens ausgehen und Spanien, ja, Europa, vielleicht sogar die Welt erobert werden könnte? Doch so sehr sich der katalanische Sezessionismus auch Frauenrechte, den Ausbau des Sozialstaats, den Kampf gegen die Austeritätspolitik und eine humane Flüchtlingspolitik auf die Fahne heftet, hat diese bei genauerem Hinsehen dann doch nur zwei Farben: rot und gelb. Auf der katalanischen Arche Noah befinden sich nämlich nur Pärchen einer einzigen Spezies – Katalanen. Und wie soll man den bösen Nationalisten erklären, dass sie so wie die guten keinen eigenen Staat verdienen?

Die Annahme, dass die staatliche Abkoppelung einer fortschrittlichen Region eine föderale Etappe auf dem Weg zu gesamtgesellschaftlicher Emanzipation darstelle, kann nach Abwägen aller Argumente nur als eines bezeichnet werden – blanker Unfug.

Die Annahme, dass die staatliche Abkoppelung einer fortschrittlichen Region eine föderale Etappe auf dem Weg zu gesamtgesellschaftlicher Emanzipation darstelle, kann nach Abwägen aller Argumente nur als eines bezeichnet werden – blanker Unfug. Der liberale Flügel der Unabhängigkeitsbewegung verfolgt einen Wohlstandschauvinismus, der linke Flügel einen sozialistisch verbrämten Kulturchauvinismus.

Bereits um 1900 war Katalonien industrialisierter und moderner als der Rest Spaniens, seine Bourgeoisie liberaler, seine Nationalisten eher links und erstaunlich frei vom damals dominanten völkisch-faschistischen Gepräge. Die Unabhängigkeit war dem Bürgertum ein probates Mittel, sich von den zurückgebliebenen agrarischen Regionen Spaniens abzukoppeln, auch um den Preis größerer Zugeständnisse an die Arbeiterklasse Kataloniens. Nichtsdestoweniger sympathisierte es mit Miguel Primo de Riveras brutaler Unterdrückung der anarchistischen und kommunistischen Bauern- und Arbeiterbewegungen.

Barcelonas und Kataloniens romantisch-revolutionäres Image zehrt nach wie vor von den großen Errungenschaften der anarchistischen CNT/FAI und der kommunistischen POUM in den dreißiger Jahren. Beide lagen aber in erbittertem Streit mit der linksnationalistischen Partei Esquerra Republicana de Catalunya (ERC). Während diese ein von der Republik unabhängiges Katalonien anstrebte, kämpften die katalanischen Linksradikalen für eine gesamtspanische Revolution. Die Geschichte wiederholt sich zurzeit in Katalonien als Farce, schon allein weil eine internationalistische Linke nicht mitspielt.

Noch immer ist die ERC eine treibende Kraft des katalanischen Sezessionismus; gemeinsam mit der weiter links stehenden Partei CUP zeichnet sie für dessen vermeintlich fortschrittlichen Charakter verantwortlich, auf den linke Ethnoromantiker der Reihe nach hereinfallen. Dass die zurzeit vielleicht interessanteste politische Kraft, Barcelona en Comú, und ihre Sprecherin Ada Colau nicht zum Referendum aufriefen, hat gute Gründe.

 

Die Illusion eines progressiven Separatismus

Vor der Wirtschaftskrise war den Katalanen die Lust an Eigenstaatlichkeit vergangen, sie genossen einen mit Südtirol vergleichbaren großzügigen Autonomiestatus und lebten in der reichsten Region Spaniens. In einer Umfrage aus dem Jahr 2009 sprachen sich bloß 16 Prozent der Katalanen für einen eigenen Staat aus. Die Mobilisierung des katalanischen Volksgeistes war das übliche Ablenkungsmanöver der neoliberalen Regierungspartei Convergència i Unió (CiU), als diese durch Korruptionsvorwürfe und Einsparungen in die Bredouille kam. Die spanische Regierung griff en gros zur selben Methode, schlug die nationalistische Trommel und kürzte Transferzahlungen an die Region. Das war der point of no return.

Katalonien müsse unabhängig werden, sangen der Bevölkerung auch alle linken Parteien dieser völkischen Volksfront vor. Wer sich um jeden Preis die Illusion eines progressiven Separatismus erhalten will, der auf Identitätspolitik verzichtet, muss verdrängen, dass die beiden wichtigsten Linken Parteien, ECR und CUP, die Schaffung Großkataloniens in ihren Statuten haben, also die Vereinigung der Països Catalans. Diese umfassen auch das französische Département Pyrénées Orientales, Valencia, Teile Aragoniens und Murcias, Andorra, die Balearen und vielleicht sogar die Stadt Alghero an der sardischen Westküste, in der sich ein katalanischer Dialekt hielt.Das Gerede von der kulturellen Unterdrückung der Katalanen ist ein Witz über den Mazedonier in Griechenland oder Kurden in der Türkei nur oder gar nicht lachen könnten. Seit 1978 hat sich das Sprachverhältnis umgekehrt, und Castellano-Sprecher erleben in der seit Jahrhunderten bilingualen Region strukturelle Diskriminierung. Kein Wunder, dass der eher von der Mittelschicht getragene Linksnationalismus am wenigsten Zulauf von den Prekarisierten und der Arbeiterschaft erhielt, handelte es sich bei diesen doch vorrangig um Immigranten und »spanische Gastarbeiter«. Was als katalanische Willkommenskultur die Herzen erwärmt, kann auch das für Liberale wie Nationalisten funktionale Ausspielen flexibler Neuzuwanderer und Castellano sprechender Arbeiter gegeneinander sein.

Wie würde der katalanische Sezessionismus seinen Wohlstandschauvinismus wohl rechtfertigen, wenn Podemos die Regierung in Madrid stellte? Zieht man von den derzeitigen Argumenten für die Abspaltung, zu der es angeblich keine Alternative gibt, das übliche neoliberale und völkische Substrat ab, dann bleibt das wohl Schäbigste übrig, ein sich progressiv gerierender Chauvinismus der Mittelschicht. Was gibt es Unsolidarischeres als die Abkapselung eines gesellschaftlich und sozialpolitisch bessergestellten Kantons von seiner Umgebung, die als richtiges Leben im falschen verkauft wird und doch nur den Verbleib im Club der Wohlhabenden garantieren soll? Was gibt es Gefährlicheres und Dümmeres für eine Linke, als den Zerfall in Kleinstaaten zu beklatschen, zumal diese keine sozialistischen Gegenmodelle, sondern bloß provinziellere Filialen des bürgerlichen Staates vorstellen, bestenfalls sozialdemokratisch gemanagte gated communities mit kulturellen Zugangsbeschränkungen?

Um die Farce perfekt zu machen, bliebe zu wünschen, dass all die Mousepad-Revoluzzer ihren Tweets und Posts Taten folgen ließen und als Internationale Brigaden »in dem Tal dort im Río Jarama« ihr Blut vergössen für jenes katalanische Paradies aus ihrer Phantasie, in dem Arbeit und Kapital, Inländer und unspanische Ausländer, Mensch und Stier Hand in Hand und Hand in Huf aus voller Brust das Lied der katalanischen Freiheit singen: »Der Feind soll zittern, wenn er unsere Fahne sieht. … Verteidiger des Landes, ein guter Schlag mit der Sichel!«

Übertönen wird es das Lied des Kommandanten Buenaventura Durruti, das geisterhaft durch leere Gassen hallt: »Soll die Bourgeoisie ihre Welt in Stücke sprengen, bevor sie von der Bühne der Geschichte abtritt. Wir tragen eine neue Welt in uns, und diese Welt wächst mit jedem Augenblick heran.«