Aufklärung schützt vor sexuellem Missbrauch

Sex und Freimaurer

In den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas herrschen ein konservatives Geschlechterbild und eine repressive Sexualmoral vor. Wer sich dem widersetzt, muss mit Konsequenzen rechnen.

Es ist ein großes Vorhaben: Der World Values Survey untersucht die Wertvorstellungen in verschiedenen Ländern der Welt; für die sechste Untersuchung wurden zwischen 2010 und 2014 Daten in 68 Ländern erhoben, darunter auch etliche im Nahen Osten und in Nordafrika. Was die Menschen in islamischen Staaten der Studie zufolge am stärksten von denen im Westen unterscheidet, ist nicht ihre Einstellung zur bürgerlichen Demokratie, sondern ihre Vorstellung von Geschlechterrollen und Sexualität.
Die in der Schweiz lebende ägyptischen Ärztin Alyaa Gad kann das bestätigen. Der Sexualaufklärerin mit eigenem Youtube-Kanal, auf dem sie auf Arabisch zu diversen Themen rund um Sexua­lität, Körper und Gesundheit ­referiert, wird unterstellt, »von Israel finanziert zu werden oder von den Freimaurern«, wie sie dem Schweizer Tagesanzeiger sagte. Die von ihr selbst produzierten und von Marokko über Saudi-Arabien und Irak bis Pakistan millionenfach angeklickten Aufklärungsvideos machen es ihr unmöglich, in jene Länder zu reisen. Die Ärztin weist auch darauf hin, dass Sexualaufklärung tabuisiert werde und zugleich der männliche Pornokonsum und ­sexualisierte Gewalt epidemische Ausmaße erreichten.

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Letzteres ist für Ägypten gut dokumentiert. Der Länderbericht »Epidemic of Sexual Violence« von Human Rights Watch und die vielen Initiativen, die während der Proteste zwischen 2011 und 2014 auf öffentlichen Plätzen in Kairo entstanden, haben entsprechende Daten gesammelt. Mit Intervention, Sen­sibilisierung und Monitoring wehrten sie sich gegen die spontan organisierten sexuellen Massenangriffe. So leisteten die Initiativen Pionierarbeit gegen strukturelle Gewalt und die Benachteiligung von Frauen. Ein Bericht der ­unabhängigen Konfliktforschungs- und Rechercheorganisation Saferworld nennt die geschlechtergemischten Freiwilligenpatrouillen Shoft Ta7rosh, das Imprint Movement aus Kairo sowie die lokalen Gruppen Operation Anti Sexual Harassment und Tahrir Bodyguards, deren Dokumentation der Massenübergriffe in Ägypten als Datengrundlage der politischen Aufarbeitung diente.
Die Zusammenhänge zwischen der repressiven Geschlechter- und Sexualpolitik, mangelnder Aufklärung und der strukturellen Geschlechterungleichheit in der gesamten Region wurden während des politisch organisierten Protests nur allzu deutlich. Es gab zwar punktuell Abhilfe, aber keine strukturellen Lösungsstrategien.

Besonders leiden Mädchen und Frauen unter dem patriarchalen Druck der »Familienehre« und sozialer Kontrolle. Sie müssen etwa ihre »Jungfräulichkeit« und »Reinheit« bis zur Heirat nachweisen. Die Folgen beschrieb 2011 eine Studie für den Nahen Osten und Nordafrika des Population Reference Bureau. Dieser Jugendbericht zu Sexualität und reproduktiver Gesundheit hebt das Geschlecht, noch vor urbaner oder ländlicher Herkunft, als »die entscheidende Trennlinie« hinsichtlich Wissen, Verhaltenseinstellungen und tatsächlichem Handeln hervor. Jungen bezögen ihr Wissen primär aus der Peergroup und aus der Pornographie. Mädchen würden weder in der Schule noch andernorts über Sexualität, Verhütung und sexuell übertragbare Krankheiten informiert. Jungen einen größerer Aktionsradius und vorehe­liche sexuelle Freiheiten einzuräumen, gelte als unvermeidlich. Dagegen müssten Mädchen ein »intaktes Hymen« vorweisen. Eine ganze Palette an damit zusammenhängenden körperlichen und sozialen Restriktionen, denen junge Frauen ausgesetzt sind, so die Länderstudie, dass diese insgesamt über weniger sprachliche Artikulationsfähigkeit und reale Verhandlungsmacht verfügten, wenn es um ihren Körper, ihren gesundheitlichen Schutz und ihre sexuellen Bedürfnisse geht. Sofern sie sich dennoch auf voreheliche sexuelle Abenteuer einlassen, begünstigen diese Umstände der Studie zufolge riskanten Praktiken und fremdbestimmte Prozeduren von ungeschütztem Analverkehr über operative Hymenrekonstruktion bis zu unsicheren illegalen Abtreibungen.
»Wenn es um Frauenrechte geht, richten sich die Regierungen der gesamten Region eher bequem in der bloßen Kriminalisierung von Gewalt ein, als Freiheiten zu schützen«, fasste Shereen El Feki in der New York Times ihre Einschätzungen zu den jüngsten, immerhin legislativen Fortschritten in Tune­sien, Jordanien und im Libanon zusammen (siehe Interview, Seite 5). Dort hatten im Sommer die jeweiligen Regierungen nach teils jahrzehntelangen Frauenrechtskampagnen endlich die Straflosigkeit für Vergewaltiger, die ihr Opfer heiraten, abgeschafft. Tunesien hatte darüber hinaus weitergehende Reformen zur zivilrechtlichen Gleichstellung der Geschlechter verabschiedet und erkennt nun auch männliche Vergewaltigungsopfer an.

Mädchen werden weder in der Schule noch andernorts über Sexualität, Verhütung und sexuell übertragbare Krankheiten informiert.

Seit einigen Jahren rückt verstärkt auch die Situation von Jungen und Männern der Region in den Fokus. Einem Bericht der Times of Israel zufolge eröffnete das Tel Aviv Sexual Assault Crisis Center kürzlich die erste arabischsprachige Antigewalthotline der Region inklusive therapeutischer Hilfe und Prozessbegleitung für männliche Opfer sexueller Gewalt. Die Hotline ist von Israel und den Gebieten unter palästinensischer Verwaltung aus erreichbar und soll arabischen Israelis wie Palästinensern offenstehen. Die Initiative geht auf eine Studie der Universität Haifa vom November 2016 zurück, die entsprechenden Bedarf offenlegte. Die erste nationale Studie zu physischer, emotionaler und sexueller Kindesmisshandlung mit 12 000 befragten Schülerinnen und Schülern jüdischer und arabischer Herkunft zwischen zwölf und siebzehn Jahren an staatlichen israelischen Schulen belegt, dass die arabischen Teilnehmer unabhängig vom Geschlecht ­signifikant stärker von Gewalt betroffen sind. Die Geschlechterunterschiede sind jedoch auffällig in ihrer Vulnerabilität. Bei allen drei untersuchten ­Gewaltformen weisen fast drei Viertel der arabischen Jungen eine hohe An­fälligkeit auf, Gewalt zu erfahren. Fast 30 Prozent der Jungen und 19 Prozent der befragten Mädchen gaben an, von sexuellem Missbrauch betroffen zu sein. Ob dies, neben weiteren Faktoren, dem größeren Bewegungsradius und der geringeren Kontrolle der Jungen geschuldet sei oder sexuell missbrauchte Mädchen eher aus Furcht vor Stigmatisierung und Ehrverlust schwiegen, lasse sich schwer beurteilen, sagt Chen Avidar, der Initiator der Beratungs­hotline. Einen Erklärungsansatz für das Phänomen liefert die Studie nicht. ­Weiterführende Forschung ist nötig.