Polnische Umweltschützer wollen die Abholzung des letzten größeren europäischen Urwalds verhindern

Verloren im Wald

In Polen wollen Umweltschützerinnen und -schützer die Abholzung des Białowieża-Walds verhindern. Er ist der letzte größere Urwald Europas. Die Bevölkerung hat kaum Verständnis für die Proteste.

Reportage Von Lukas Latz
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Die Geschäfte gehen schlecht in Haj­nówka. An einer maroden betongrauen Hauswand an der städtischen Hauptstraße steht »Geschäft für Angelbedarf«. Der Laden ist endgültig geschlossen, das Haus steht zum Verkauf. Solche leerstehenden Ladenlokale prägen das Stadtbild. Die Möbelfabrik der Stadt ist zwar noch in Betrieb, die Kapazität jedoch bei weitem nicht ausgelastet. Auf dem Gelände des Chemiekombinats, das zu Planwirtschaftszeiten errichtet wurde, wird heutzutage Holzkohle produziert. Das Bahnhofsgebäude ist verbarrikadiert, nur einer der vier Bahnsteige wird noch genutzt.

Hajnówka hat 20 000 Einwohner. Der rechtsextreme Verein »Narodowa Hajnówka« (Hajnówka National) hat auf Facebook 2 000 Likes. Die Stadt liegt etwa 20 Kilometer entfernt von der belarussischen Grenze im Süden der Woiwodschaft Podlachien und hat eine der geringsten Investitionsraten in Polen. Viel ist hier nicht los, doch seit einigen Monaten ist die Gegend das Ziel von Umweltschützerinnen und -schützern. Denn Hajnówka ist das Tor zum Białowieża-Urwald, einer der größten zusammenhängenden Waldflächen Europas, die auch noch weitgehend unbewirtschaftet ist. Der Wald ist ein Refugium für seltene Vogelarten, Wölfe und Wisente. Seit 2010 ist der Wald Unesco-Weltnaturerbe. Dennoch lässt der staatliche Forstbetrieb Polens in dem Wald seit einiger Zeit großflächig abholzen. Umweltminister Jan Szyszko verteidigt dies damit, dass in dem Wald nur Fichten gefällt würden, die von Borkenkäfern befallen seien. Das Abholzen solle eine Plage eindämmen.

Doch man muss nicht lange suchen, um herauszufinden, dass nicht nur Fichten gefällt werden. Auch Stämme von Eichen liegen an den Waldwegen. Die Mehrheit der sich damit befassenden Biologen, Umweltwissenschaftler und NGOs sind der Meinung, dass die Abholzungen die einzigartige Biodiversität des Urwalds gefährden. Experten sprechen von einer der schlimmsten Rodungen, die in den vergangenen 15 bis 20 Jahren in Europa stattfanden. Die Sache wurde Ende Juli vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg verhandelt. Das Gericht forderte die polnische Regierung auf, die Abholzungen sofort einzustellen. Der polnische Umweltminister kündigte danach an, dieses Urteil nicht zu respektieren.

Der Wald ist nicht nur ein einmaliger Urwald und großer Speicher für CO2; der Konflikt um ihn zeigt exemplarisch, wie die polnische Gesellschaft in dieser Frage geteilt ist in eine liberale, akademisch gebildete Mittelschicht und in einen ärmeren, konservativen Bevölkerungsteil.

 

Campen für den Urwald
Im Laufe des vergangenen Jahres sind verschiedene Initiativen zur Verteidigung des Białowieża-Waldes entstanden. Eine davon ist das »Obóz dla Puszczy« (Camp für den Urwald). Im Mai errichteten Waldschützerinnen und -schützer ein Protestcamp, von dem aus sie regelmäßig loszogen, um die Arbeiten im Wald zu blockieren. Das Ziel der Gruppe ist es, dass der gesamte polnische Teil des Waldes zu einem Nationalpark erklärt wird. Ihre Mitglieder sehen sich selbst als eine soziale Bewegung, legen wert auf Hierarchiefreiheit und darauf, nicht mit einer Partei oder NGO in Verbindung gebracht zu werden.

Alle planen fest, den ganzen Winter über zu bleiben und etwa einmal pro Woche eine Blockade zu veranstalten. Gerade erst sind sie in ein wintertaugliches Basiscamp umgezogen. Sie wohnen im Haus eines in Polen bekannten Naturschützers im Dorf Teremiski. Für 30 bis 40 Personen gibt es hier Schlafplätze, einige davon mit Isomatte auf dem Boden. Die meisten Umweltschützerinnen und -schützer kommen aus den größeren Städten Polens, es sind Studierende oder Berufstätige, die für die Verteidigung des Waldes einige Wochen ihres Urlaubs opfern. Es wird vegan gekocht, bei den abendlichen Versammlungen werden alle Handys eingesammelt und in einen anderen Raum gebracht. Einige sind sich sicher, dass sie abgehört werden.

Bei der Verteilung der Aufgaben sitzen einige Jungs breitbeinig in Camouflageklamotten herum und gefallen sich sichtlich in ihrer Che-Guevara-Pose. Eine Gruppe fährt um halb ein Uhr nachts los, um eine Plattform über einem Waldweg zu bauen. Sie hängt an Seilen, die an mehreren Bäumen befestigt sind, ungefähr zwei Meter über dem Boden. Der Waldweg führt zu Stapeln von gefällten Baumstämmen – die Plattform soll diesen Weg versperren. Um drei Uhr kommt die nächste Gruppe und errichtet das zweite Modul der Blockade. Aus einem Auto rollen die Beteiligten zwei 350 Kilo schwere Betonfässer und richten sie auf dem Waldweg auf. An diese Fässer können sie sich anketten. Über den Fässern ist eine Plane gespannt, die die Blockierer vor Regen schützen soll.

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Veganes Essen und die Liebe zum Wald vereinen die Bewohner des Camps

Bild:
Lukas Latz (2)

Dann geschieht: nichts. Gegen sieben Uhr morgens kommt ein Förster vorbei und ist wütend wegen der Blockade. Er schimpft etwa zehn Minuten lang, dann fährt er wieder weg. Zwei LKW, die gerne die blockierte Stelle passiert hätten, fahren an eine andere Stelle, an der sie Holz aufladen können. Polizisten nehmen die Personalien der Blockierer auf. Der Förster sagt noch: »Statt euch zu räumen, sollte man euch einfach so lange im Wald stehen lassen, bis ihr euch langweilt. Dann werdet ihr schon von selbst gehen.« »Sie haben es genau verstanden«, erwidert ein Umweltschützer. Und so kommt es. Statt sich gegen eine Räumungseinheit der Polizei zu wehren, kämpfen die Blockierer den ganzen Tag gegen die Langeweile.

Der Koordinator der Blockadetruppe ist Jakub Rok, 29 Jahre alt, ein Geographielehrer aus Warschau. Er ist eigens für die Blockade aus Warschau angereist, hat aber bereits den ganzen Sommer im Camp verbracht. »Schon vor anderthalb Jahren begannen wir, im Wald zu patrouillieren, um zu schauen, wie krass die Abholzungen sind. Im Februar wurde uns langsam klar, dass wir mehr machen müssen und wir begannen, das Protestcamp zu planen.« Wie viele Umweltschützerinnen und -schützer an Ort und Stelle hatte auch Rok zuvor an von der deutschen Gruppe »Ende Gelände« organisierten Blockaden gegen den Braunkohletagebau teilgenommen. Im Januar 2016 war er auf der griechischen Insel Lesbos und half dabei, Suppenküchen für Flüchtlinge zu organisieren.

»Die Abholzungen wirklich zu blockieren, ist schwierig. Die Arbeiten sind ja nicht zentral. Aus allen möglichen Teilen des Walds nehmen sie Holz und man müsste eigentlich überall gleichzeitig blockieren können«, sagt er. Vor zehn Jahren sei alles noch einfacher gewesen.

Damals feiert die polnische Umweltbewegung einen ihrer größten Erfolge: Im Rospuda-Tal, etwa 150 Kilometer nördlich des Białowieża-Walds, sollte eine Umgehungsstraße durch ein Naturschutzgebiet gebaut werden. »Bei so einem Projekt kann man entlang der geplanten Trasse blockieren«, sagt Rok. Wie derzeit auch gab es damals Druck von EU-Kommission, Wissenschaftlern und Umweltschützern. Eingestellt wurde das Projekt, nachdem die Regierung von Ministerpräsident Jarosław Kaczyński 2007 abgelöst worden war. Nicht nur ist Kaczyński mittlerweile wieder der starke Mann in Polen, auch der Umweltminister ist wieder derselbe. »Wir gehen davon aus, dass Szyszko auch deswegen so eine kompromisslose Linie fährt, weil 2007 schon einmal Aktivisten eines seiner Projekte verhindert haben«, sagt Rok. »Er will nicht, dass das noch einmal passiert.«

Blockiertes Verständnis
Im Laufe des Tages wird die Blockade immer mehr zu einem Informationsstand. Ein halbes Dutzend Touristen kommt vorbei. Sie können schnell für die Anliegen der Umweltschützer gewonnen werden. Deutlich schwieriger ist es mit den Einheimischen. Etwa 100 Meter von der Blockade entfernt hält eine ältere Frau mit ihrem Fahrrad, um Pilze zu sammeln. Rok geht auf sie zu. »Kann ich Ihnen helfen?« fragt er und beginnt ebenfalls zu sammeln. »Was machen Sie denn mit den Pilzen?« fragt er weiter. »Marmelade.« »Marmelade! Tatsächlich? Wie genau machen Sie das denn?« »Das war ein Scherz. Ich mache doch keine Marmelade aus Pilzen.« Im weiteren Verlauf der Diskussion sagt die Radfahrerin, dass man die Blockierer »abschießen« sollte.
Da die Blockade nicht geräumt wird, bauen die Mitglieder des Camps sie in der nächsten Nacht aus. Mehrere Wochen halten sie dort in Schichten die Stellung. Rund um die Uhr.

Die Pilzsammlerin ist in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber den Waldschützern nicht allein. Rok erzählt, auf das Gelände des Camps sei eines Tages ein betrunkener Dorfbewohner gekommen, der zwei Hakenkreuze auf den Hals tätowiert hatte. Er habe gehört, dass der rechtsextreme Verein »Narodowa Hajnówka« das Camp angreifen wolle. »Ein einziges Mal sind bei einer Blockade Nationalisten vorbeigekommen«, sagt Rok, »die haben uns aber nicht wirklich angegriffen, die wollten uns nur Angst einjagen.«

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Waldmaschinen dringen tief in den Urwald vor

Bild:
Reuters / Kacper Pempel

Ein Ehepaar, das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, sagt, es erlebe die Waldschützer als »sehr arrogant«. Beide kommen ursprünglich aus der zentralpolnischen Stadt Kutno und wohnen jetzt in Czerlonka. In das kleine Dorf seien sie vor 40 Jahren gezogen, weil sie dort ohne Wartezeit eine Wohnung bekamen. Es ist eine Dreizimmerwohnung in einem Vierparteienhaus, das in dieser Ausführung ein halbes Dutzend Mal im Dorf gebaut wurde. Der Mann arbeitete hier als Förster, die Frau in einer Baumschule. »Seit 40 Jahren leben wir hier. Wir sehen genau, wie sich der Wald verändert. Die Borkenkäferplage ist wirklich schrecklich, es gibt ja fast überhaupt keine Fichten mehr. Es ist logisch, dass man etwas dagegen tun muss«, sagt die Frau.

Sie hat eine andere Meinung als die Protestierenden, die sie ebenso vehement vertritt. Sie zeigt eine etwa 50 mal 50 Meter große Lichtung im Wald, in der etliche kranke Bäume und tote Baumstämme stehen. »Eigentlich sind wir ja auch Ökos. Im Winter kümmere ich mich öfter um kranke Tiere«, erzählt sie. Hinter ihrer Wohnung pflanzt sie in ihrem Garten Gemüse an. »Trotzdem halten die Aktivisten uns für blöd. Sie machten einmal eine Blockade ganz in der Nähe von Czerlonka. Als ich da vorbeikam, haben sie mich totgeredet. Ich bin ja gar nicht zu Wort gekommen. Wir haben keine Stimme in diesem Konflikt.« Eine an der Blockade beteiligte Umweltschützerin habe ein Fahrrad nach ihr geworfen, behauptet die Anwohnerin. »Zum Glück kann ich noch schnell genug weglaufen.« Im Protestcamp kann sich niemand an einen solchen Vorfall erinnern.

Aktivismus wirkt verdächtig
Wie etliche Einheimische in der Gegend ist auch dieses Ehepaar davon überzeugt, die Waldschützerinnen und -schützer würden bezahlt. »Im Sommer bekommen sie einen Tagessatz von 500 Złoty, jetzt für den Winter wurde das auf 750 Złoty erhöht«, sagt die Anwohnerin. Letzteres sind umgerechnet knapp 177 Euro. »Sie werden von den großen Medien bezahlt, der Gazeta Wyborcza, Polsat und TVN«, behauptet sie. Woher sie diese Information habe? »Überall im Internet kann man das nachlesen.« Bei den Parlamentswahlen vor zwei Jahren hätten sie und ihr Mann die rechte Partei PiS gewählt und seien bislang »sehr zufrieden« mit der Regierung. Besonders profitiert hätten sie von einer Rentenerhöhung. Die Frau gibt an, dass ihre Rente von 600 auf 800 Złoty erhöht worden sei, also umgerechnet um etwa 50 Euro. Entsprechend hoch ist auch ihr Vertrauen in Umweltminister Szyszko, den sie einen »sehr gebildeten Mann« nennt.
In einer Gegend, in der kaum jemand mehr als 500 Euro im Monat verdient, versteht man den Aktivismus nicht. »Ich bin 45 Jahre lang Waldarbeiter gewesen. Das waren auch schon mein Vater und mein Großvater«, sagt ein Mann, der in Hajnówka auf einem Soldatenfriedhof Haselnüsse sammelt, »vor der Rentenerhöhung hatte ich 950 Złoty, jetzt habe ich 1 100 Złoty.« Es falle ihm schwer, sich vorzustellen, dass gut ausgebildete Akademiker es sich leisten können, unvergütet ein paar Wochen oder Monate in ­einem Protestcamp zu verbringen und sich mit den Behörden anzulegen. Zumal auch er findet: »Was der Borkenkäfer hier anrichtet, ist eine Tragödie.«

Anders als in Hajnówka können in Białowieża, einer Gemeinde mit 1 800 Einwohnern, einige Menschen vom Tourismus leben. So auch Sławomir Droń. Der Biologe hat hier Ferienwohnungen, einen Fahrradverleih und ein kleines Café. Als die Abholzungen im Urwald vor dem Europäischen Gerichtshof verhandelt wurden, veranstaltete er ein Public Viewing der Anhörung. Droń hat einen Verein mitgegründet, in dem sich Einheimische gegen die Abholzungen einsetzen. Mittlerweile zählt er 80 Mitglieder. Ob­wohl er nicht in dem Camp wohnt, fragten seine Nachbarn auch ihn immer wieder, wer ihn bezahle.

Schwierig sei auch der Umgang mit dem staatlichen Fernsehsender TVP. Kurz nachdem die Partei PiS an die Regierung kam, wurde TVP zu einem hohe Verluste generierenden Propagandasender. »Die Nachrichtensendung von TVP hat einmal ein Interview mit mir gemacht«, erzählt Droń. »Ich sprach davon, dass die Abholzungen fatal seien, dass sie auch der lokalen Tourismuswirtschaft schadeten, was ich eben immer sage. Ganz am Ende sagte ich noch, dass ich trotzdem zu einer Reise in den Białowieża-Wald rate. In dem Beitrag haben sie nur meine Einladung gezeigt. Der restliche Teil des Beitrags wirkte so, als gebe es hier keine Abholzungen. Seitdem trete ich dort nur noch live auf.«

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Kahlschlag. Polen widersetzt sich dem Abholzungsverbot im Białowieża-Urwald. Der Wald ist Unesco-Weltnaturerbe und Biospärenreservat

Bild:
Jacek Karczmarz / CC BY-SA 3.0

»Wir haben eigentlich alle wichtigen Akteure auf unserer Seite: Wissenschaftler, NGOs, die EU-Kommission, den Europäischen Gerichtshof. Wenn wir jetzt noch die Einheimischen für uns gewinnen können, werden wir gewinnen. Aber das ist schwierig«, sagt Droń. »Fast jeder hier hat jemanden in der Familie, dessen Arbeitsplatz von der Bewirtschaftung des Waldes abhängt. Die höchsten Gehälter in der Region haben die Förster.«

Auch die Protestcamper wissen das. »Wie wäre es, wenn wir für die Dorfbewohner kochen und so versuchen, sie zu unseren nützlichen Idioten zu machen?« fragt einer im Plenum. Eine andere schlägt vor: »Wir könnten hier Filmabende machen. Da müssen wir aber nationalistische Tragödienfilme zeigen wie ›Smoleńsk‹ oder ›Miasto 44‹.« Beide Ideen werden teils als Scherz, teils als ernst gemeinte Vorschläge verstanden. Zwar haben sich die Waldschützer seit Mai viel Expertise im Blockieren von Maschinen und Waldwegen angeeignet und zeigen einen beeindruckenden Kampfgeist. Um die Einheimischen zu erreichen, bräuchten sie aber noch andere Tugenden.