Der französische Rechtsextreme Claude Hermant verkaufte Pistolen und Gewehre unter anderem an Islamisten

Waffen für den Jihad

In Frankreich wurde der Rechtsextreme Claude Hermant wegen Waffenhandels zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er hatte auch Waffen geliefert, die für einen islamistischen Anschlag benutzt wurden – und war Informant des Nachrichtendienstes. Wie andere gewaltbereite Rechtsextreme hatte er Verbindungen zum Front National.

Anzeige

Informant zu sein, schützt nicht immer vor Strafe. Am 9. Oktober verurteilte ein Strafgericht im nordfranzösischen Lille unter dem Vorsitz von Marc Trévidic, einem dorthin versetzten früheren Pariser Untersuchungsrichter für Ter­rorismusfälle, den früheren Boxer und Berufssoldaten Claude Hermant wegen Waffenhandels zu sieben Jahren Haft und 30 000 Euro Geldstrafe. Bei Anrechnung seiner Untersuchungshaft dürfte er allerdings ungefähr die Hälfte seiner Strafe bereits abgesessen haben. Hermants Lebensgefährtin, Aurore J., muss für fünf Jahre in Haft und ebenfalls 30 000 Euro Geldstrafe zahlen.

Hermant war Informant des Nachrichtendienstes. Der 54jährige wurde verhaftet, kurz nachdem der Jihadist Amedy Coulibaly am 9. Januar 2015 den jüdischen Supermarkt Hyper Cacher überfallen, vier Menschen erschossen und Geiseln genommen hatte, zwei Tage nach dem Massaker der Brüder Chérif und Said Kouachi in der Redaktion von Charlie Hebdo. Coulibaly hatte dabei mehrere Waffen benutzt, die Hermant verkauft hatte. Sechs Feuerwaffen ­waren über den Mittelsmann Samir Ladjali in Coulibalys Besitz gelangt. Ladjali wurde in Lille zu fünf Jahren Haft verurteilt.

 

Interesse an einer Strategie der Spannung

Es ist nicht nachgewiesen, ob Hermant gewusst hat, wofür diese Waffen benutzt werden sollten. Gestört hätte es ihn wahrscheinlich nicht, ist die gewalttätige Fraktion der extremen Rechten doch an einer Strategie der Spannung interessiert. Anschläge von Jihadisten sollen eine Stimmung schaffen, die sich schließlich gegen alle Muslime richtet und rassistische Gewalt legitimiert.

Hermant war jahrelang in einen Handel mit Feuerwaffen in hoher Stückzahl aus Ost- und Südosteuropa verwickelt. Die Waffen wurden entschärft nach Frankreich transportiert, dort aber umgerüstet und nachträglich wieder brauchbar gemacht. Das Geschäft wurde über die Slowakei abge­wickelt.

Hermant bezog ein Einkommen aus diesem illegalen Handel, sein Wissen über die Milieus der Käufer haben jedoch auch staatliche Dienste abgeschöpft. Von 2013 bis 2015 bezahlte ihn nachweislich die nachrichtendienst­liche Abteilung der Gendarmerie – eine polizeiähnliche Einheit, die dem fran­zösischen Verteidigungsministerium untersteht.

Besonders brisant ist die Anbindung Hermants an staatliche Dienste wegen seiner herausgehobenen Position im rechtsextremen Milieu. Er war einer der Gründer des Vlaams Huis (Flämisches Haus), einer früheren Zentrale der »Identitären Bewegung« in Lille, sowie einer der Sprecher des »Front ­populaire solidariste« (Solidaristische Volksfront), eines mehrere Jahre lang in Nordfrankreich aktiven Zusammenschlusses verschiedener rechtsextremer Strömungen, unter anderem der Identitären und der gewalttätigen Gruppe »Troisième Voie« (Dritter Weg), die 2013 verboten wurde, nachdem ­eines ihrer Mitglieder den 18jährigen Antifaschisten Clément Méric zu Tode geprügelt hatte. Ferner behauptete die Internetzeitung Mediapart im März 2017 auf einem ihrer Blogs, Hermant sei in der Vergangenheit auch beim Ordnerdienst des Front National (FN) tätig gewesen und habe dort »Techniken zur Infiltration und Manipulation von Menschenmengen« unterrichtet.

Mit der Verurteilung Hermants hat sich jedoch das Problem der gewalt­tätigen und sich bewaffnenden extremen Rechten in Frankreich keinesfalls erledigt. Am 28. Juni wurde in Südfrankreich ein rechtsterroristischer Verdächtiger im Alter von 21 Jahren festgenommen: Logan Alexandre N. Seinen Aussagen bei der Polizei zufolge hatte er geplant, Dealer, Migranten und Jihadisten zu töten. Im Internet rief der als Leih­arbeiter tätige junge Mann dazu auf, sich ihm anzuschließen: »Wir haben geschworen, sie zu töten!«

N. war Mitglied in mehreren politischen Kleingruppen. Zunächst war er in den Jahren 2012 und 2013 etwa ein Jahr lang bei den »Jeunesses Nationalistes« (JN) aktiv, einer ausgesprochen gewalttätigen Jugendorganisation, deren Anführer Alexandre Gabriac 2010 vom FN ausgeschlossen worden war, weil er den Hitlergruß gezeigt ­hatte. Die JN wurden im Juli 2013 verboten. Danach gehörte N. für längere Zeit dem Mouvement populaire pour une nouvelle aurore (Volksbewegung für eine neue Morgenröte, MPNA) an, einer neonazistischen Splittergruppe, die die griechische Partei »Goldene Morgenröte« zum Vorbild hatte. In der Öffentlichkeit machte diese Gruppe vor allem im Januar 2015 von sich reden. Damals fand in Marseille ein Prozess gegen mehrere Mitglieder statt, die ein Monument zum Gedenken an Missak Manouchian, einen 1944 unter der Nazibesatzung hingerichteten französischen Widerstandskämpfer armenischer Herkunft, geschändet hatten. Die überführten Täter wurden zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Daraufhin er­klärte die Gruppe ihre Selbstauflösung.

Am Dienstag vergangener Woche wurden im Zusammenhang mit N.s Umtrieben im Raum Marseille zehn weitere Personen festgenommen, neun junge Männer im Alter zwischen 17 und 25 Jahren sowie N.s Mutter. Dabei wurde bekannt, dass die Gruppe um N. enge Kontakte zu der nationalistisch-monarchistischen Organisation ­»Action Française« (AF) pflegte. Diese ist nur noch eine Splittergruppe, vergleichbar mit den »Reichsbürgern« in Deutschland, war jedoch in den zwanziger und dreißiger Jahren unter Charles Maurras (1868–1952) eine Massenorganisation der französischen nationalis­tischen Rechten, bevor das faschistische Modell sich dort durchzusetzen begann.

Nach der Auflösung der MPNA war N. anderthalb Jahre lang bei der AF aktiv, die im Raum Marseille gerade in jüngerer Zeit einige Gewalttaten gegen politische Gegner vor allem an den Universitäten verübt hat. Über die AF gibt es wiederum Verbindungen zum FN. Die Sprecherin der AF Provence, die 25jährige Ana Bizu, war früher Mit­arbeiterin der FN-Politikerin Marion-Maréchal Le Pen, die von 2012 bis 2017 Mitglied der Nationalversammlung war.

Die Tageszeitung Le Monde berichtete am Donnerstag vergangener Woche zudem, N. sei noch im März von einem Parteikader des FN angeboten worden, die Leitung einer Jugendgruppe der Partei in Marignane, einer Vorstadt von Marseille, zu übernehmen. N. habe dieses Angebot ausgeschlagen, engagierte sich jedoch zeitweilig im Wahlkampf von Marine Le Pen. Deren unerwartet deutliche Niederlage in der Stichwahl am 7. Mai habe zu seiner weiteren ­Radikalisierung beigetragen. Dabei handelt es sich offenbar um ein unter Rechtsextremen verbreitetes Phänomen – die Enttäuschung über den Wahlausgang motiviert sie zu Gewalttaten.