Schildkröten müssen nicht ins Pflegeheim

71 Euro

Bitte nicht füttern Von Ivo Bozic
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BnFSie finden 38 Euro Warmmiete im Monat für den Quadratmeter sei ein ganz schön happiger Preis? Sie sagen, das würden Sie nie bezahlen? Falsch! Das bezahlen Sie bereits, und: Das ist ein ganz normaler Preis, zumindest in den Pflegeheimen in Nordrhein-Westfalen; woanders ist es nicht viel günstiger. Wir reden hier nicht von einer Luxusseniorenresidenz, sondern von ganz durchschnittlich miesen Pflegeheimen mit PVC-Boden ohne jeden Komfort. Und wir reden hier von der Quadratmetermiete pro Person im Doppelzimmer. Wenn Sie ein Einzelzimmer wollen, können locker nochmal 200 Euro im Monat dazukommen. Und eigentlich ist das noch nicht einmal die Warmmiete, denn die »Investitionskosten«, also Instandhaltung des Gebäudes, Rücklagen kommen noch hinzu. Das sind etwa 500 Euro im Monat. Rechnet man diese dazu, ist man – bei durchschnittlich 15 Quadratmetern Eigenanteil an der Wohnfläche im Doppelzimmer – schon bei monatlich 1 070 Euro, das ist ein Mietpreis von 71,33 Euro pro Quadratmeter.

Da selbstverständlich kaum jemand solche Kosten alleine lange tragen kann, zahlt das schließlich der Staat, also Sie. Wie gesagt, das sind nur die Wohnkosten, die Kosten für die Pflege selbst sowie die Verpflegung und so weiter sind noch nicht dabei. Jedenfalls sind das also 35 Euro pro Tag nur fürs Hausen im Heim. Im Vier-Sterne-Rummana-Boutique-Resort in Koh Samui kann man eine Villa direkt am Strand für 37 Euro die Nacht buchen, und da sind Frühstück, Fernsehgerät und W-Lan inklusive.

Übrigens altern nur wenige Lebewesen so wie der Mensch. Bei der Kalifornischen Gopherschildkröte nimmt die Wahrscheinlichkeit zu sterben mit dem Alter sogar ab. Anders gesagt: Je älter sie wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie ihren nächsten Geburtstag erlebt. Allerdings verbringt sie dafür auch 95 Prozent ihres Lebens unter der Erde in einer Wohnhöhle, die sie selbst gegraben hat. Müsste sie Miete zahlen in einem Heim, wäre das selbstverständlich nicht möglich. Dass die Unterbringungskosten kaum ein Thema sind, wenn es um Reformen in der Pflege geht, liegt daran, dass alles selbstverständlich viel komplizierter ist als in obiger Rechnung. Der Pflegeimmobilienmarkt ist ein komplexer Geschäftszweig mit enormen Renditen. Googelt man »Pflegeheim« und »Investment« oder »Profit«, stößt man auf zahlreiche Tipps für Anleger und Spekulanten. Der Heimbetreiber etwa ist nicht zwangsläufig der Eigentümer der Immobilie, sondern zahlt oftmals Pacht, so dass es schwierig ist, allgemeine Aussagen darüber zu treffen, wer von der Mietabzocke profitiert. Eines ist sicher: nicht die Pflegebedürftigen, nicht die Sozialkassen und auch nicht die miserabel bezahlten Pflegekräfte.