Vom unerwarteten Segen der Sowjetmacht – auch für ihre Gegner

Es rettet uns kein höheres Wesen

100 Jahre nachdem die Bolschewiki die Macht erobert haben, wollen die größten Nutznießer dieses historischen Ereignisses von ihrem Glück nichts mehr wissen. Dabei hätten sie zurzeit mehr Grund denn je, dem Staat des Roten Oktober nachzutrauern.

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Man muss schon in recht einzigartigen Ecken der Welt unterwegs sein, um noch echte Enthusiasten der Oktoberrevolution zu finden. Zum Beispiel auf der Insel Ikaria in der griechischen Ägäis. An den Felswänden über den kurvenreichen Serpentinenstraßen entlang der Inselküste prangen noch heute meterhohe Hammer-und-Sichel-Malereien in roter Farbe. Durch eine Verkettung sonderbarer historischer Entwicklungen – und nicht zuletzt wegen der Abgelegenheit der Insel – erhielt die Kommunistische Partei Griechenlands hier bei den Parlamentswahlen 2015 ein Drittel der abgegebenen Stimmen, noch mehr als Syriza. Die Regierungspartei ist auf der Insel mit immerhin einem Viertel der Stimmen zweitstärkste Kraft. In bester ikarischer Gelassenheit wiegt Herr Fakaros, ein großväterlich wirkender vormaliger Kölner Arbeitsmigrant, an der Kasse seines Minimarkts ein Stück Fetakäse ab.

Dass die Russische Revolution für westliche Sozialdemokraten ein unerhörter Glücksfall war, scheinen sie nie so richtig begriffen zu haben.

Währenddessen erklärt er in nahezu akzent­freiem Deutsch, was das internationale Proletariat von der Großen Oktober­revolution hatte: »Sie hat uns den Kapitalismus erträglich gemacht und den Faschismus zerschlagen. Kaum eine Generation ohne Sowjetunion – und guck mal, wie die Welt heute aussieht!« Bei der Erinnerung an Deutschland unter Willy Brandt überkommt Fakaros sichtlich Nostalgie. Es sei doch allen so gut gegangen. Und jetzt? Globale Wirtschaftskrise, Löhne im Keller, Sozialstaaten zerschlagen und in ganz Europa faschistische Parteien im Aufwind – erst die Goldene Morgenröte in Griechenland und »jetzt auch noch die AfD in Deutschland«. Fakaros sagt kopfschüttelnd: »Begreifen die Leute in Deutschland denn nicht, was gut für sie ist?«

Der Durchmarsch des Faschismus scheiterte nicht an den Selbst­verteidigungskräften bürgerlicher Demokratien.

Gänzlich neu ist die These nicht, dass die europäische Bourgeoisie erst beim Anblick bewaffneter Rotarmisten vor dem Winterpalais in Petersburg auf die Idee kam, einige das grassierende Elend des Proletariats lindernde Maßnahmen zu ergreifen. Dazu gehörte, wie der Historiker Eric Hobsbawm in seinem Werk »Jahrhundert der Extreme« argumentiert, vor allem die Integration der Sozialdemokratie in das po­litische System. Zwischen 1917 und 1918 geschah dies erstmals in Schweden, Finnland, Deutschland, Österreich und Belgien. Unter der Bedingung, die Sache mit der Revolution endgültig aus dem Programm zu nehmen, stieg die Sozialdemokratie in den Club der Mitmacher auf.

Diese gänzlich un-, ja antirevolutionären Trittbrettfahrer der Oktober­revolution brachten den bürgerlichen Demokratien Tarifpartnerschaft, Sozialstaat und Achtstundentag  – dem Pro­letariat also eine Verschnaufpause. Der liberale Kapitalismus erhielt dafür einen verlässlichen politischen Sachverwalter. Von der Bedeutung und dem Einfluss, den die verschiedenen Formen der Sozialdemokratie in den Staaten des Westens gerade zum Höhepunkt der sowjetischen Macht nach dem Zweiten Weltkrieg hatten, können sie auch in Deutschland heutzutage nur träumen. Kaum brach der Realsozialismus zusammen, standen sie in erster Reihe, als es darum ging, ihr eigenes Vermächtnis und damit die Grundlage ihrer Beliebtheit bei der Bevölkerung zu zerstören. Dass die Russische Revolution für westliche Sozialdemokraten ein unerhörter Glücksfall war, scheinen sie nie so richtig begriffen zu haben. Daher wird auch dieses Jahr am 7. November, dem Jahrestag der bolschewistischen Machtübernahme, am Berliner Willy-Brandt-Haus keine Hammer-und-Sichel-Fahne hängen.

Es war nicht nur die Sozialdemokratie, deren Entwicklung durch die Oktoberrevolution eine glückliche Wendung erfuhr, die von den Führern des Umsturzes so gar nicht beabsichtigt war. Zwei weitere bevorzugte Hassobjekte der kommunistischen Revolutionäre hätten derzeit allen Grund, die ­Sowjetunion in guter Erinnerung zu behalten: das multinationale russische Imperium, das gerade dank seiner Fortführung unter staatssozialistischen Vorzeichen dem Schicksal des Osmanischen Reichs und Österreich-Ungarns entging, vor allem aber die Weltordnung des liberalen Kapitalismus. In Russland, wo man gern von der alten Größe träumt, ist die Revolution heutzutage nicht der Rede wert. Auf dem Roten Platz in Moskau, wo schon zu Sowjet­zeiten der 9. Mai den Jahrestag der ­Revolution bei der Inszenierung imperialer Größe ersetzte, wird es still sein dieses Jahr.

Bliebe noch der liberale Kapitalismus, Lenins Lieblingsfeind. Unfreiwillig schuf der Berufsrevolutionär die Mittel zur Bewältigung von dessen beiden größten existentiellen Krisen. Hätten die liberaldemokratischen Staaten des Westens während der ersten Krise, der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise, nicht an der Sowjetunion die Vorteile einer gesteuerten Wirtschaft studieren können – ihre zweite existentielle Bedrohung, der europäische Faschismus, hätte ihrer politischen Vorbild- und Vormachtsfunktion ein brutales Ende bereitet. Auch dessen Durchmarsch wurde nicht von den Selbstverteidigungskräften bürgerlicher Demokratien aufgehalten, die angeblich auch heutzutage den aufkeimenden Faschismus niederhalten sollen. Er erlag auch nicht dem Widerstand der Arbeiterbewegung, der in Deutschland binnen Monaten gebrochen war. Er scheiterte vor Stalingrad. Mindestens 27 Millionen Sowjetbürgerinnen und -bürger starben, bevor der freie Westen freier Westen bleiben konnte. Oder im Falle Westdeutschlands werden durfte.

In den abgeschmackten und zumeist sterbenslangweiligen Grabreden auf den Kommunismus, die in den vergangenen Wochen in den großen liberalen und linksliberalen Zeitungen Deutschlands abgedruckt wurden, vermisst man jegliches Gespür für jene Leistungen, die der Minimarktbetreiber auf Ikaria frei heraus auf den Punkt bringt. Der geläuterte ehemalige Maoist Gerd Koenen verdreht hingegen in der Zeit den Beitrag der Sowjetunion zum Sieg über den Faschismus so lange, bis die »unerhörten Kräfte«, die der Kommunismus dabei entfaltete, nur noch als »fragwürdige Resultate« erscheinen. Hitler habe Stalin »zur Statur eines Vaters des Vaterlandes und Befreiers der Menschheit« verholfen und der Faschismus »den Kommunisten aller Länder als Wegbereiter und Brandbeschleuniger gedient«. Tasächlich mögen damals die antikommunistischen USA dem Arbeiter- und Bauernstaat als Exilort für kritische Intellektuelle um Längen vorzuziehen gewesen sein. Angesichts der Lage, in der sich solche Intellektuelle in der Zukunft wieder befinden könnten, fällt allerdings auf: Kein Staat könnte derzeit die Rolle der Sowjetunion im Kampf gegen den Faschismus einnehmen.

In einer der wenigen lesenswerten aktuellen Auseinandersetzungen mit der Russischen Revolution untersucht Bini Adamzcak den Umgang mit der Ehe in der frühen Sowjetunion. Sie kommt dabei zu dem Schluss, diese sei »in Sachen Queerfeminismus nicht nur ihrer Zeit voraus« gewesen, »sondern auch unserer«. Die Sowjetunion barg in ihrer Frühphase, ­allen immensen Widrigkeiten und Widersprüchen zum Trotz, durchaus noch viele Elemente eines utopischen Versprechens – geschenkt. Die schwanden schon nach wenigen Jahren zusammen mit den weltrevolutionären Ambitionen. Weil jene deutschen Sozialdemokraten, die so nachhaltig von der Revolution profitierten, sie während der deutschen Novemberrevolution von 1918 ebenso nachhaltig verrieten, blieb die Revolution die Russische. Der Rest ist Geschichte. Die ­Sowjetunion entwickelte ihre eigentliche weltgeschichtliche Bedeutung nicht als revolutionäre, sondern ironischerweise als konservierende, als ­katechontische Kraft.

Die Figur des Katechon (altgriech. »Aufhalter«) stammt aus dem zweiten Paulusbrief an die Thessaloniker und wurde im frühen Christentum so interpretiert, dass eine bestimmte weltliche Macht, in diesem Fall das Römische Reich, das Kommen des Antichrist und damit das Ende der Welt aufhalte. Für die frühen Christen war das unerquicklich, denn dieses Ende ersehnten sie herbei. Als das Christentum Staatsreligion wurde, hatten es die Theologen mit dem Weltuntergang nicht mehr so eilig und der Katechon, der nun in der katholischen Kirche identifiziert wurde, galt als eine positive Figur. Der Kron­jurist der Nazis, Carl Schmitt, griff die Idee wieder auf und sah im Zweiten Weltkrieg die Sowjetunion in der Rolle des Antichristen – und Hitler in der des Aufhalters und Retters der ­Zivilisation. Aus der Perspektive der menschlichen Emanzipation muss man festhalten: Es war genau anders herum. Und bei aller Kritik am liberalen Kapitalismus – seine Rettung durch die Rote Armee war selbstverständlich besser als das Weiterbestehen der faschistischen Alternative.

Da diese sich zurzeit wieder im Aufwind befindet, kann man den Sorgen von Herrn Fakaros nur beipflichten. Es sei doch eindeutig Zeit, dass wieder etwas passiere, sagt er, während er den beiden Besuchern aus Germanía die rote Tüte mit Wein und Fetakäse überreicht. »Oder?« fragt er rhetorisch. Das ist es wohl. Nur die Sowjetunion kann diesmal nichts mehr retten.