Deutsche Rechte waren und sind von der Sowjetunion fasziniert

Mit Lenin gegen Marx

Von Beginn an war die deutsche Rechte von der Sowjetunion fasziniert. Das Nationale, die Härte der Revolution und der Antiamerikanismus reizten sie.

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Seit dem Zerfall der Sowjetunion deutet sich innerhalb der äußersten Rechten in Deutschland eine merkwürdige Neuinterpretation der Geschichte an. Die jahrzehntelang identitätsstiftende Warnung vor »dem Iwan« ist in den Hintergrund getreten. Die Renaissance nationaler und religiöser Autorität in Osteuropa liefert der äußersten Rechten inzwischen einen attraktiven Gegenentwurf zur westlich-liberalen »Dekadenz«. In bemerkenswerter Dialektik wird das Überwintern dieser Elemente hinter dem Eisernen Vorhang auch den staatssozialistischen Abwehrmechanismen zugute gehalten. Diese hätten zwar eigentlich dem Westen als Klassenfeind gegolten, dabei aber auch Traditionen geschützt. Selbst eingefleischte Antikommunisten loben heutzutage die DDR und UdSSR für den kulturellen Konservatismus, der sich bald nach den stürmischen Aufbruchjahren einstellte.

 

Die Oktoberrevolution als nationales und antiwestliches Ereignis

Dieses Phänomen nahm bald nach dem Fall der Sowjetunion seinen Anfang, als westliche Rechte fasziniert den aufkommenden »Nationalbolschewismus« entdeckten. Russische Autoren wie Eduard Limonow und Alexander Dugin interpretierten die Oktoberrevolution von 1917 rückwirkend als primär nationales und antiwestliches Ereignis. Immerhin habe man sich damit im 20. Jahrhundert die USA vom Leibe gehalten. Um die Jahrtausendwende wurde dies in Deutschland für neurechte Zeitungen und Magazine wie die Junge Freiheit (JF) und die damals noch junge Sezession interessant, da diese nationalbolschewistische Synthese neben einem entschiedenen Antiamerikanismus mit Elementen aus Ernst Jüngers Buch »Der Arbeiter« angereichert war. Der ausgeprägte Nationalismus dieser Sorte Geschichtsschreibung reizte zur Nachahmung. Vor zehn Jahren, anlässlich des 90. Jahrestages der Oktoberrevolution, lobte der revisionistische Historiker Ernst Nolte in einem Gespräch mit der JF, dass die »Vergangenheitsbewältigung« in Osteuropa frei von der »geschichtspolitischen Einwirkung« der USA sei. Heutzutage erfreut sich die Rechte daran, dass nicht nur »fremde« Ideen abgewehrt, sondern auch Menschen an der Einwanderung gehindert wurden. Die Renaissance der »illiberalen Staaten« (Viktor Orbán) auf den Territorien des früheren Staatssozialismus sollte für Linke durchaus Anlass sein, die Geschichte einmal mehr zu hinterfragen. Der extremen Rechten ist sie Grund für eine merkwürdige Nostalgie.

Neben der Widerstandsfähigkeit gegen die Verlockungen des westlichen Liberalismus waren es vor allem die nahezu unbegrenzten Spielräume für staatliches Handeln, die deutsche Rechte neidisch nach Osten blicken ließen. Die Bewunderung für diese »Härte« der Linken setzte sich bis hin zu Armin Mohler fort.

Wirklich neu ist dieser andere Blick auf das ehemalige »Reich des Bösen« indessen nicht. Bereits in frühen russischen Exilkreisen hatte eine kleine »slawophile« Strömung die These vertreten, der Bolschewismus trage eher nationale als kommunistische Züge und sei daher Teil der welthistorischen Mission Russlands. Eine Sicht, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch in nationalistischen Kreisen in der Sowjetunion immer wieder diskutiert wurde. Neben der Widerstandsfähigkeit gegen die Verlockungen des westlichen Liberalismus waren es vor allem die nahezu unbegrenzten Spielräume für staatliches Handeln, die deutsche Rechte neidisch nach Osten blicken ließen. Die Bewunderung für diese »Härte« der Linken setzte sich bis hin zu Armin Mohler fort. Der Vordenker der Neuen Rechten empfahl sie als Vorbild zur Reorganisation der äußersten Rechten. Allerdings unterschlug diese Sicht, dass die Linke diese Härte selbst wiederum erst von ihren Gegnern hatte lernen müssen. Ursache der Unerbittlichkeit der Revolutionäre von 1917/18 war die unmittelbare Erfahrung des Ersten Weltkriegs gewesen.

 

Deutschland und Russland: merkwürdige Annährungen

In diese Zeit reichen auch die historischen Vorläufer dieser merkwürdigen Annäherungen zurück. Während des Ersten Weltkriegs wurde im Kaiserreich der Gedanke an einen Separatfrieden mit dem Zarenreich populär, um Ressourcen für die Westfront frei zu machen. Als dieser nicht erreichbar schien, erhoffte sich die Generalität eine empfindliche Schwächung des östlichen Kriegsgegners durch eine Revolution. Tatsächlich forderte Lenin unmittelbar nach seiner von den Deutschen organisierten Rückkehr aus dem Exil in den »Aprilthesen« das Ende des Kriegs. Die russische Front löste sich auf. Deutschland stärkte seine Verhandlungsposition umgehend mit einem tiefen Vorstoß auf russisches Territorium bis ans Schwarze Meer und erzwang so im März 1918 den Frieden von Brest-Litowsk. Die wochenlangen Verhandlungen der deutschen und russischen Delegationen waren jedoch keineswegs von gegenseitiger Sympathie geprägt. Ungleicher hätten die Partner kaum sein können: Russische Revolutionäre saßen mit meist adeligen Offizieren der Mittelmächte am Tisch. Sie verfolgten jeweils ihre eigenen Ziele. Die Bolschewiki wollten mit dem Ende der Kämpfe ihre Revolution stabilisieren, die deutsche Generalität versprach sich einen schwachen Nachbarn.

Entgegen den Erwartungen blieb die Sowjetherrschaft jedoch kein kurzfristiges Intermezzo. Während der deutschen Niederlage erwies sich die Existenz der Sowjetunion in einer ganz anderen Hinsicht als nützlich. Die bolschewistische Gefahr ließ vor allem Großbritannien auf Frankreich einwirken, sich mit seinen Forderungen gegenüber Deutschland zu mäßigen, da man das Land eventuell noch als Prellbock gegen die Revolution brauche. So kam es zu einer merkwürdigen historischen Konstellation: Die selben Kräfte, die die Revolution innenpolitisch mit allen Mitteln bekämpften, scheuten sich nicht, außenpolitisch Abmachungen mit der Sowjetunion zu treffen. Im Rahmen einer konspirativen Kooperation wurde eine »Schwarze Reichswehr« gegründet, um systematisch die Rüstungsauflagen des Versailler Vertrags zu umgehen. Hatte Lenin nicht in Versailles einen »Raubfrieden« und ein Lehrstück für den Imperialismus der Bourgeoisie gesehen? Doch waren die Interessen der Sowjetunion weniger grundsätzlich als pragmatisch. Sie gelangte im Gegenzug an technisches Know-how. Mit dem 1922 beschlossenen Vertrag von Rapallo wurde die wirtschaftliche Zusammenarbeit noch vertieft. Die gemeinsame Feindschaft gegenüber dem wiedergegründeten Polen bildete eine weitere Brücke mit fatalen Folgen: Das geheime Zusatzprotokoll des von den Außenministern Molotow und Ribbentrop geschlossenen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts 1939 sah die neuerliche Zerschlagung Polens vor.

 

Die Idee eines russischen nationalen Sozialismus, der ohne Marxismus auskommt

Ein Widerspruch zu den umfassenden deutschen Kolonisierungsplänen für Osteuropa waren diese zeitweiligen Bündnisse nicht, sondern stets Mittel zum Zweck. Eine moderne Rechte konnte auch die sowjetische Konsolidierungspolitik durchaus interessiert zur Kenntnis nehmen. Schließlich war diese bestimmt von Freund-Feind-Schemata, die sie selbst verwendete. Der faschistische Staatsrechtler Carl Schmitt zollte in seinen Schriften »Berufsrevolutionären« wie Lenin und Mao Zedong durchaus Respekt dafür, zum Erhalt der politischen Macht die traditionellen Grenzen staatlichen Handelns gesprengt zu haben. Die Rechte liebt es, in den angeblich kriegsentscheidenden Fragen wie »Wer gegen wen?« auf Lenin zurückzugreifen. Selbst ein rabiater Antibolschewist der Weimarer Zeit wie Eduard Stadtler (Deutschnationale Volkspartei, später NSDAP), der für sich beanspruchte, den Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Auftrag gegeben zu haben, zollte der Sowjetunion Respekt für ihre »radikalen Methoden«.

Arthur Moeller van den Bruck, aus dem unmittelbaren Umfeld Stadtlers, pflegte ebenfalls eine eigene Sicht auf die Revolution Lenins. Getreu seiner Losung »Jedes Volk hat seinen eigenen Sozialismus« hatte er sich einen russischen nationalen Sozialismus erhofft. Darunter verstand er allerdings ein volksgemeinschaftliches Modell. Moellers »Sozialismus« sollte ganz ohne Marxismus auskommen. Moeller sah den »Sowjetstaat« durch den Marxismus und die Kommunistische Internationale an die Kette des westlichen Denkens gezwungen. Der Marxismus, führte er 1924 aus, halte die Sowjetunion zugleich »in Abhängigkeit von einem Ostjudentum«, das die »Revolution benutzte, um das russische Volk zu beherrschen«. Diese antisemitische Figur wies keine Differenzen mehr zur nationalsozialistischen Lesart vom »jüdischen Bolschewismus« auf.

Neben blanker Interessenpolitik war es also die Hoffnung, ein von Marx – und »den Juden« – befreiter Bolschewismus könne die Sowjetunion in eine nationalrevolutionäre Kraft verwandeln, die Rechte an der Sowjetunion anziehend fanden. In der nationalistischen Welle in Osteuropa sehen ihre Vertreter heutzutage dafür eine späte Bestätigung.