Der Dokumentarfilm »Machines« begleitet Arbeiter in einer indischen Textilfabrik.

Harter Stoff

Der Dokumentarfilm »Machines« begleitet Arbeiter in einer indischen Textilfabrik.

Anzeige

Die Maschine gibt den Rhythmus der Arbeit vor. Klack, die breite Stoffbahn wird weiter gezogen. Für den Arbeiter ein kurzer Moment, um den Siebdruckrahmen zu justieren und die Stofffarbe mit dem Rakel genannten Holzspachtel gleichmäßig zu verteilen. Klack, weiter. Auf riesigen Rollen werden die anderthalb Meter breiten Bahnen in die Stoffdruckmaschinen gespannt. Dann müssen die fertig bedruckten Bahnen in Behälter geschoben werden. Zwölf Stunden dauert eine Schicht in der Textilfabrik. »Machines« zeigt die schwere Arbeit der Menschen an den Maschinen.

Der Film wurde nahezu komplett mit einer leichten, HD-Digitalkamera ohne Stativ gedreht – mit einer sicheren Kameraführung. Die Kamera folgt den Arbeitern durch die schmalen Gänge zwischen zischenden Maschinenkolben, Farbfässern und Stoffballen bei den Produktionsabläufen. Die Bilder entstanden in einer Textilfabrik im westindischen Surat und zeigen die Hölle industrieller Lohnarbeit als Dante’sches Inferno. Farbdämpfe wabern durch die Luft, als Atemschutz dient bestenfalls ein Tuch vor dem Mund. Gearbeitet wird im Unterhemd, der Schweiß perlt, die Haut ist von einem Farbfilm überzogen. »Wenn ich am Fabriktor ankomme, sagt mir mein Bauchgefühl, dass ich einfach umkehren sollte. Aber es ist nicht gut umzukehren«, erzählt ein junger Arbeiter. Zwischen die kommentarlosen Filmsequenzen, die die Produktion dokumentieren, sind Interviews mit den Arbeitern montiert. Einige wurden in den Fabrikhallen gedreht, andere  entstanden in den Pausen, nach Schichtende oder außerhalb des Werksgeländes.

 

Surat ist die achtgrößte Stadt Indiens und ein wichtiger Standort der indischen Textilindustrie, in der insgesamt etwa 45 Millionen Menschen arbeiten. Der Film zeigt eine Arbeitswelt, in der es keine Arbeitnehmerrechte gibt. Die Arbeitszeit der ausschließlich männlichen Beschäftigten der Fabrik liegt zwischen 70 und 80 Stunden pro Woche, Überstunden werden oft nicht bezahlt. Wer sich beschwert, wird entlassen. Der Verdienst liegt bei umgerechnet 76 bis 127 Euro pro Monat, das Geld reicht kaum zum Überleben für eine kleine Familie. Versuche, Gewerkschaften zu gründen, werden rigoros unterbunden. Nur in weniger als fünf Prozent der indischen Textilfabriken haben Gewerkschaften Zutritt.

»Machines« ist Rahul Jains Abschlussarbeit am US-amerikanischen California Institute of the Arts: »Als Fünfjähriger lief ich oft in der Textilfabrik meines Großvaters in Surat im indischen Bundesstaat Gujarat herum, die heute allerdings geschlossen ist.« Jain nutzte seine Kontakte nach Surat, um mit einem Kameramann in die Fabrik zu gelangen: »Ich möchte diese einfache Perspektive auf Augenhöhe, die wir manchmal bewusst nicht anerkennen wollen, durch die Kamera aufzeigen«, so der Regisseur. Das ist ihm gelungen.

Machines (Indien/Deutschland/Finnland 2016). Buch/Regie: Rahul Jain Filmstart: 9. November 2017