Der letzte linke Kleingärtner betreibt fröhliche Tauschgeschäfte

Grünkohl gegen Bayern-Tickets

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 30
Krauts und Rüben Von

KRAls ich neulich im Hühnerstall war, landete ich postwendend beim Fußball. Gedanklich zumindest. »Unser« Andi Brehme – das ist der, der »uns« 1990 mit seinem Elfmetertor gegen die Ausländer aus Argentinien zum Weltmeister machte – sagte mal in einem Interview: »Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.« Wo er recht hat, hat er recht.

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Zwar sind die Hühner putzige Tierchen, fressen alles und legen Eier. So weit, so gut. Aber wie alle anderen Tiere scheißen sie. Solange sie das in meinem Garten machen, handelt es sich um wunderbaren Dünger. Machen sie es jedoch im Hühnerstall, führt das zu Konflikten. Spätestens dann, wenn ich in die Ausscheidungen hineintrete und über die blöden Hühner fluche. Wenn man denen nur beibringen könnte, sich zu einer bestimmten Tageszeit zu entleeren, und ihnen dafür einen bestimmten Ort zuweisen könnte. So, wie es ist, ist es im doppelten Sinne Mist. Damit sich die Nummer mit der Scheiße in Grenzen hält, säubere ich regelmäßig den Hühnerstall und bringe die zusammengekehrte Einstreu inklusive Hühnermist auf den Komposthaufen, der ein Jahr später zur Bodenverbesserung in den Garten kommt. Wenn es dumm läuft, handele ich mir mit dem Mist an den Schuhen noch häuslichen Mist ein, sprich Streiterei und Unfrieden. Kleingärtner haben die weit verbreitete Angewohnheit – ich bin da keine Ausnahme –, beim Gang in den Garten oder in den Hühnerstall, »mal gerade« auf das Anziehen von Arbeitsschuhen zu verzichten, weil sie ja nur »mal eben kurz« nach draußen gehen. Und dann nehmen die Dinge ihren Lauf: Die Hühnerkacke krallt sich an den Schuhen fest und fällt erst in der Wohnung wieder ab. Das familiäre Geschrei lässt nicht lange auf sich warten. Mist, wieder dumm gelaufen. Wobei eigentlich die Hühner schuld sind. Ich bin nur ihr Betreuer. Aber es ist, wie es ist: Unsereinen als Kleingärtner trifft regelmäßig die zivilisatorische Wut unserer Mitmenschen, die viel Frust im Alltag schieben. Ein bisschen Mist in der Wohnung hat früher auch nicht gestört. Früher war eh alles besser.
Kleingärtner sind nicht nur begabte Networker – Eier und Gemüse verschenken sie für gute Kontakte –, sie sind ebenso gute Dealer für Tauschgeschäfte ohne Geld. Seit zwei Jahren tausche ich im November oder Dezember immer Grünkohl gegen Karten für Fußballspiele des FC Bayern München. Da dort viele Spiele ausverkauft sind, muss man sich etwas einfallen lassen, wenn man beispielsweise zu einem Bayernspiel gegen Borussia Dortmund möchte, was sogar mehr als ausverkauft ist. Entweder kennt man einen Spieler, einen Unsympathen wie den Herrn Hoeneß oder man hat Kontakte zu einem Sponsor. Nichts davon kann ich als Kleingärtner bieten, da ich als solcher zu den Marginalisierten gehöre und den Opfermythos

sozusagen in mir trage.
Aber ich kann Grünkohl anbieten. Grünkohl gegen Bayern-Tickets. Nein, liebe Städter, bleibt ruhig: Ich latsche beileibe nicht mit einem Büschel Grünkohl zum Ticketschalter und fädele das Tauschgeschäft ein. Als Kleingärtner kennt man immer jemanden, der einen kennt. Zum Beispiel einen Bayern-Fan, der Mitglied in diesem Verein ist und »immer schon« eine Dauerkarte hat. Wenn dieser jemand zum einen seine Dauerkarte nicht immer nutzt und zum anderen ein Feinschmecker ist, der gerne Grünkohl futtert, dann ist das Tauschgeschäft so gut wie über die Bühne. Und alle Welt staunt Bauklötze, wie der dumme Kleingärtner das wieder hinbekommen hat, wenn er Wochen später triumphierend die zwei Tickets für Bayern gegen Dortmund in die Höhe hält und dafür keine Mondpreise auf dem Schwarzmarkt bezahlt hat. Und weil ich als Kleingärtner großzügig bin, durften Familienmitglieder die hart erarbeiteten Bayern-Tickets nutzen. Wegen des Mists und der Sache mit den Arbeitsschuhen. Alles wieder friedlich.

Ansonsten gehen die Dinge im Garten ihren geordneten Gang. Im Hintergrund führt mit unsichtbarer Hand nicht der Markt, sondern der Plan die Regie – kein Kleingärtner arbeitet ohne Zwei-, Drei- oder Vierjahresplan. Mehrere Portionen Endiviensalat freuen sich noch auf die Salatschüssel und können auch nach leichten Minusgraden geerntet werden. Der Mangold hat unter der ersten Kälte gelitten, ist aber zumindest zu Teilen noch erntefähig und damit essbar. Die leicht nussig schmeckende Rucola ist erstaunlicherweise weiterhin gut im Rennen. Normalerweise ist dieses Kraut kälteempfindlicher als Endiviensalat. Ein paar Rote Bete sind noch in der Erde und können geerntet werden. Solange es keinen Frost gibt, sind sie genießbar. Frisch auf dem Teller überraschen sie manche Gäste, die Gemüse nur aus dem Supermarkt kennen. Der Grünkohl, der dem Tauschgeschäft für die Bayern-Karten nicht zum Opfer fällt, kann so lange im Garten stehen, bis er auf den Teller und vorher in den Topf muss. Er ist kälteresistent und verträgt als klassisches Wintergemüse zweistellige Minusgrade.
Und die Hühner laufen, gackern und fressen, als würde sie dies alles nichts angehen. Mir soll es recht sein: Sie sind mit ihrem Mist Teil des gärtnerischen Kosmos, ob sie es kapieren oder nicht.

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