Ein Besuch in Sarajevo und Tuzla, wo Hochschulabsolventinnen auf Arbeit in Deutschland hoffen

Hoffen auf Genesung

In Bosnien-Herzegowina sehen viele Menschen, auch junge und gut ausgebildete, keine Zukunft für sich. Sie verlassen das Land, um etwa im deutschen Gesundheitssektor zu arbeiten.
Reportage Von
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Selma Puzić ist sichtlich erschöpft. Die 30jährige arbeitet in der Kundenbetreuung eines US-amerikanischen Technologieunternehmens. Sie beginnt ihre Schichten gleichzeitig mit den Kolleginnen und Kollegen in Übersee und arbeitet vom späten Nachmittag bis in die Nacht. Etwa 10 000 Kilometer und sieben Stunden Zeitunterschied trennen sie hier im bosnischen Tuzla vom Silicon Valley in den USA. In Puzićs Stadtteil sieht es auch nicht aus wie im kalifornischen IT-Zentrum. Miladije wurde in den fünfziger Jahren um ein Industriegebiet herum errichtet, das mittlerweile zerfallen ist. Die Busse holpern über die Schlaglöcher im Asphalt. Die Fassaden sind heruntergekommen, viele Balkone haben kein Geländer.

Puzić hat Jura studiert. Nach dem Abschluss ihres Studiums bewarb sie sich auf viele Stellenausschreibungen, bekam aber immer dieselbe Antwort: »Wir warten auf jemand anderen.« Arbeitsplätze bekommt man in Bosnien-Herzegowina selten wegen einer Qualifikation, sondern meist über Kontakte oder das richtige Parteibuch. Beides hat sie nicht: »Bei uns ist alles korrupt. Ich würde mich schmutzig fühlen, wenn ich in dieses System einsteige. Hier kann man nur überleben, nicht leben.« Weil sie diesen Strukturen entfliehen will, investiert sie ihr Gehalt in ihre Ausbildung: »In Deutschland suchen sie dringend Pflegekräfte. Das ist die realistischste Chance, die ich für mich sehe, um eine Arbeit zu finden.« Wirklich glücklich wirkt sie damit nicht. »Ich habe Depressionen. Es ist hart, wenn man ein Jurastudium absolviert und damit nichts finden kann.«

Sie lebt noch bei ihren Eltern. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, schlafen die bereits. So wie ihre Freundinnen und Freunde auch. Viel Freizeit und soziale Kontakte bleiben ihr wegen ihrer Arbeitszeiten als Kundenbetreuerin und der Ausbildung zur Krankenpflegerin nicht. Eigentlich würde sie gerne bei ihrer Familie in Tuzla bleiben. Doch hier mangelt es an Perspektiven. »Ich beende die Ausbildung und wenn es hier nicht besser wird, dann gehe ich nach Deutschland«, sagt sie. Es klingt, als sei Deutschland ihr Plan B. Als habe sie immer noch einen Funken Hoffnung, eine angemessene Stelle in Bosnien-Herzegowina zu finden.

Puzićs Mutter arbeitet als Krankenpflegerin im Krankenhaus von Tuzla. Sie hofft, dass ihre Tochter nach Deutschland geht und dort die gleiche Arbeit unter besseren Bedingungen machen kann. Selmas jüngere Schwester Belma ist bereits dort. Auf dem Personalkärtchen auf dem Schwesternkittel der Mutter ist kein Foto von ihr selbst, sondern eines der deutschen Bundeskanzlerin: »Ich möchte Angela Merkel gerne persönlich treffen und ihr dafür danken, dass Deutschland meine Tochter aufgenommen hat und hoffentlich auch meine zweite Tochter aufnehmen wird.«

Belma und ihr Mann arbeiten in Deutschland als Krankenpfleger. Selma Puzić öffnet die Facebook-Profile der beiden und zeigt deren Fotos vom Strandurlaub. Fotos von einem besseren Leben. Sie selbst war seit vielen Jahren nicht mehr am Strand. »Die Menschen gehen nach Deutschland, weil sie sich dort ein Leben aufbauen können, das wir uns hier nicht aufbauen können.«

 

In der Warteschlange

Arnesa Mašić blickt optimistisch in die Zukunft. An einem sonnigen Herbstmorgen steht die 26jährige in der Warteschlange vor den hohen, weißen Gittern des Eingangs zur deutschen Botschaft in Sarajevo. Sie lächelt ihre Unsicherheit weg. In ihren Händen hält sie eine rote Mappe mit einem dicken Stapel Papier: Arbeitserlaubnis, Sprachzertifikat des Goethe-Instituts, Ausweispapiere und ihr Visumsantrag. Alle Dokumente in zweifacher Kopie. Sie tippt nervös auf dem Ordner herum. »Ich hatte den gesamten Abend ein Flattern im Bauch. Hoffentlich fehlen keine Unterlagen.« Seit fünf Monaten versucht sie bereits, ein Arbeitsvisum zu bekommen. Mašić ist Ärztin und will bald in einer Klinik im bayerischen Ochsenfurt in ihrem Beruf arbeiten.
Für den Termin bei der Botschaft musste sie knapp drei Stunden aus der ostbosnischen Stadt Tuzla nach Sarajevo fahren. Ein Beamter öffnet um Punkt acht Uhr das Tor. In der Schlange stehen ungefähr 20 Menschen. Die meisten wollen ein Arbeitsvisum. Die deutsche Botschaft ist mit den vielen Anfragen überfordert. Oft muss man Monate auf einen Termin warten.
Nach einer Stunde kommt Mašić wieder aus der Botschaft. Es fehlt ein wichtiges Dokument, der Bescheid über ihr zukünftiges Gehalt in Deutschland. Die Klinik soll es per E-Mail nachreichen. »Ich hoffe, es klappt alles und ich kann in zwei Wochen in Deutschland sein. Die Klinik wartet schon lange auf mich.« Sie ruft ihre Mutter an. »Das wird schon in ein paar Tagen erledigt sein«, erzählt sie ihr am Telefon. Was sagen ihre Eltern dazu, dass sie aus Bosnien-Herzegowina weggeht? »Meine Eltern freuen sich, weil sie wissen, dass ich hier wirklich keine Zukunft habe«, sagt sie und fügt fast entschuldigend hinzu: »Ich habe sechs Jahre lang studiert und kann hier einfach keine angemessene Arbeit finden. Deswegen freuen wir uns alle, dass ich bald endlich in Deutschland anfangen kann.«

 

Die neuen Gastarbeiterinnen

Am 2. Oktober erschien in der Welt ein Artikel mit der Überschrift: »Die neuen Gastarbeiter kommen aus dem Westbalkan.« In den ersten acht Monaten dieses Jahres habe die Bundesagentur für Arbeit 63 000 Menschen aus dem Westbalkan über eine neue Regelung eine Arbeitserlaubnis erteilt, heißt es darin. Davon seien allerdings nur 3,4 Prozent Akademiker und Spezialisten. Knapp die Hälfte arbeitet im Baugewerbe. Carola Burkert, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), weist darauf hin, dass die niedrige Akademikerquote nicht repräsentativ sei: »Es handelt sich nur um diejenigen, die über die neue Westbalkanregelung nach Deutschland kommen. Akademiker kommen aber meistens über Blue Cards oder bilaterale Abkommen ins Land.«

Die Westbalkanregelung war das Ergebnis einer Abmachung zwischen dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) und der Bundesregierung. Kretschmann erklärte sich bereit, im Bundesrat dafür zu stimmen, weitere Westbalkanländer zu sicheren Drittstaaten zu erklären; im Gegenzug sollten Menschen aus der Region einen erleichterten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erhalten. Besonders viele Arbeitsmigranten aus dem Westbalkan hat es nach Baden-Württemberg verschlagen, wo Unternehmen Probleme haben, Menschen zu finden, die bereit sind, sich für niedrige Löhne ausbeuten zu lassen. Zusammengefasst bedeutete die Abmachung also: Verfolgten Roma will man keinen Schutz gewähren, Menschen, die Schwerstarbeit auf dem Bau verrichten, können aber gerne kommen.

Davon gibt es viele. Die Arbeitslosenquote in Bosnien-Herzegowina liegt offiziell bei etwa 40 Prozent. Es ist die zweithöchste in Europa. Auch die Demographie macht dem Land zu schaffen. Vor allem in ländlichen Gebieten sieht man kaum noch junge Menschen. Vor dem Krieg 1992 hatte Bosnien-Herzegowina 4,5 Millionen Einwohner, heutzutage sind es 3,5 Millionen. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass es im Jahr 2050 nur noch drei Millionen sein werden. Auswanderung und die niedrigste Geburtenrate Europas (1,31 Kinder pro Frau) führen zu einer starken Überalterung.

In Tuzla im Nordosten des Landes merkt man davon noch nichts. Die Wahrzeichen der Universitätsstadt sind ein Salzsee und die sechs Kühltürme eines Kohlekraftwerks, aus denen pausenlos Dampfwolken steigen. Tuzla wirkt jünger als die Hauptstadt Sarajevo. Arnesa Mašić läuft mit Valentina Mitrović und Alma Jahić durch die medizinische Fakultät. Die drei leben in einer Wohngemeinschaft und haben zusammen die Universität abgeschlossen – und sie wollen alle nach Deutschland. Die 25jährige Mitrović als Ärztin, die 24jährige Jahić als Pharmazeutin. Dafür lernen die beiden gerade Deutsch.

 

Schlecht versorgt

Ginge es nach Sahra Wagenknecht, dann sollten Arnesa Mašić und ihre Mitbewohnerinnen wohl in ihrem Heimatland bleiben und nicht nach Deutschland kommen. In einem Interview mit der Welt sagte die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei: »Es gibt im Medizinstudium jedes Jahr 43 000 Bewerbungen, von denen wegen des Numerus Clausus allerdings nur 9 000 einen Studienplatz bekommen. Um die Versorgungslücke zu schließen, holen wir uns dann Ärzte aus dem Irak, Syrien, dem Niger oder anderen armen Ländern – zynischer geht’s nicht.« Zynisch ist vor allem Wagenknecht selbst. Eine Nachfrage der Jungle World bei der Bundesagentur für Arbeit ergab, dass in Deutschland im Bereich der Human- und Zahnmedizin zusammengenommen im März 2017 2 600 syrische und 245 irakische Staatsbürger tätig waren. Die Anzahl ist in den vergangenen Jahren tatsächlich gestiegen, allerdings nicht, weil die deutsche Regierung diese Menschen »geholt« hat, sondern weil auch Ärztinnen und Ärzte aus den Kriegsgebieten in Syrien und dem Irak fliehen.

Ein tatsächlich drängendes Problem hat Wagenknecht hingegen nicht angesprochen: dass in vielen Ländern Osteuropas wegen des enormen brain drain Fachkräfte im medizinischen Bereich fehlen. Nach Daten der Bundesagentur für Arbeit steigt die Zahl der im deutschen Gesundheitssektor tätigen Bosnierinnen und Bosnier seit 2013 deutlich an. Offiziell arbeiten in Deutschland etwa 7 000 bosnische Staatsbürger im Gesundheitssektor, davon 360 als Ärzte. Tatsächlich dürften es aber mehr sein, weil viele Menschen aus Bosnien-Herzegowina einen kroatischen EU-Pass oder einen serbischen Pass haben, mit dem sie sich in Deutschland melden. Bosnische Berufsverbände warnen, dass die Gesundheitsversorgung im Land selbst immer schlechter wird. Der bosnische Staat investiert viel Geld in die Ausbildung von Menschen, die danach ins Ausland gehen. In Bosnien-Herzegowina kommen auf 100 000 Einwohner nur noch 190 Ärzte. Im EU-Durchschnitt sind es fast doppelt so viele.

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Suchen vielleicht auch bald im Ausland eine Arbeit. Ehemalige Beschäftigte des Unternehmens Sodaso in Tuzla

Bild:
Haris Husarić

Das Gesundheitssystem ist schlecht und droht zu kollabieren.

An der Wand im Eingangsraum der medizinischen Fakultät in Tuzla hängen Fotos der Absolventen des vergangenen Jahrgangs. Mašić deutet mit dem Finger darauf und sagt: »Von zehn wollen acht oder neun ins Ausland, die meisten davon nach Deutschland.« Die Zahl der Studienplätze für Medizin wurde in Tuzla erhöht. Mašić ist nicht auf den Fotos, weil sie im Jahr davor fertig geworden ist. Seit ihrem Abschluss konnte sie keine angemessene Stelle finden. »Das war eine schwere Zeit mit vielen Tränen«, sagt sie. Sie wollte eigentlich in Bosnien-Herzegowina bleiben, aber sie sieht im Land keine Perspektive für sich. Ungefähr 100 Bewerbungen an deutsche Kliniken habe sie geschrieben. Die meisten habe sie nach Bayern geschickt, dort sei es für bosnische Staatsbürger mit der Approbation leichter. Deutschland war Mašićs erste Wahl, weil sie dort als Kind während des Bosnienkriegs vier Jahre lang gelebt hat. Sie erinnert sich noch an Weihnachten in Deutschland und freut sich darauf: »Ich möchte Ärztin werden, seit ich denken kann, und möchte jetzt endlich das tun, worauf ich mich mein ganzes Leben lang vorbereitet habe.«