Das Ende der Homolobby. Eine Dystopie

Beste für Deutschland

Wenn rechte und religiöse Spinner in Deutschland das Sagen hätten, sähe es schlecht aus für alle, die sich der Heteronorm nicht unterwerfen. Ein düsterer Blick in die Zukunft.

Die JVA Torgau, das Jahr 2047. Ich erwache nervös vom Schrillen des Weckers. Das Wachpersonal ist zu beschäftigt mit den neuen Sicherheitsrobotern, um uns morgens persön­lich zu schikanieren. Mein Rücken schmerzt vom stundenlangen Schrubben der Abwasserrohre und den blauen Flecken, die ein launischer Wächter hinterlassen hat. »Morgen« – als ich mich zur Seite drehe, freue ich mich über Rosarios Gesicht. Es ist so voll hier drin, dass wir uns ein Bett teilen müssen. Absurd eigentlich. Weder entspricht das der strengen Geschlechterteilung, noch würden wir ein »funktionstüchtiges« Heteropaar abgeben.

Anzeige

Draußen erinnert sich heute kaum noch jemand an das legendäre Urteil des Verfassungsgerichts vor 30 Jahren zum »Dritten Geschlecht«. Die daraus resultierten Gesetze wurden nach der Machtübernahme des herrschenden rechtspopulistischen Regimes umgehend revidiert. Vor knapp 25 Jahren hatte sich die regierende AfD aufgrund eines Streits über den Parteiverbleib der nicht mit der Verschärfung des »Gesetzes gegen Genderwahn« konform gehenden Alice Weidel gespalten und sich in »Beste für Deutschland« umbenannt. Rigorios verfolgt das Regime seitdem die Mitglieder der »Homo-Lobby«, wie sich die queere Widerstandsbewegung in ironischer Aneignung des rechtspopulistischen Jargons selbst bezeichnet.

Im Knast ist die Stimmung angespannt. Alle warten auf die Nachrichten. Wird das Jubiläum, wie vor fünf Jahren, als Anlass zu Anschlägen auf das Ministerium für Familie und Innere Sicherheit genutzt? Gründe dafür gäbe es genug. Unter dem Regime der AfD/BfD wurde ein strammer Rückschritt zur institutionalisierten heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit mit verordneter Zweikindminimumpolitik durchgesetzt. Sie soll dem propagandistisch beschworenen Volkstod vorbeugen, den das Regime wegen einer geringen Geburtenquote, aber auch durch genetische »Verunreinigungung« und adoptierte »asoziale« Kinder fürchtet. ­Abweichungen werden mit strenger Repression und kruden Disziplinierungsmaßnahmen verfolgt.

Nach und nach ist sämtliche noch bestehende und nicht technisierte Niedriglohnarbeit auf Queers und Eingewanderte verteilt worden. Der pädagogische Effekt der Knäste besteht dem Wahlprogramm zufolge maßgeblich in »geschlechtskonformem Arbeitszwang« – was aber häufig an der Überforderung bei der psychologischen Einzelfalluntersuchung scheitert. Die einzige Möglichkeit, dem Knast zu entkommen, sind ausbeuterische Arbeitsverhältnisse im Pflegebereich. Auch ich war lange dort tätig und vermisse mein Dasein unter dem Deckmantel des unfruchtbaren Single-Manns kaum. Es ist erfrischend, nicht mehr bei den drei alten Säcken arbeiten zu müssen, deren Wohnungen voll von Relikten der Identitären Bewegung aus den zwanziger Jahren sind und bei denen ich trotz ihrer Demenz paranoid jedes Wort abwägte. Da mein Fall der überlasteten Knastpsychologin viel zu kompliziert war – ob ich nun »männlich und homo« sei und welcher der Aspekte leichter transformierbar wäre und in welche Richtung das »unterstützt« werden solle – wurde ich ziemlich beliebig zugeteilt.

Wären nicht das krasse Arbeitspensum und die omnipräsente Angst vor Strafen, würde ich mich fühlen wie auf einem riesigen »Homo-Lobby and Friends«-Treffen. Noch nie zuvor habe ich von so vielen internationalen Untergruppen gehört und so viele Leute mit unterschiedlichsten Gender-, Geschlechter- und Sexualitätsgeschichten an einem Ort gesehen.

Eigentlich würde ich diesen Tag am liebsten feiern. Es waren Urteile wie das vor 30 Jahren, die maßgeblich zum Anwachsen der Homo-Lobby beigetragen haben. Erst in diesem Zuge konnte sich rasant die Anzahl an nicht operierten, bewussten und selbstbewussten Interpersonen vermehren, gefolgt von einer zunehmenden Zahl und Vielfalt an Translebenswegen, Gender­varianz und -freiheit. Als wären meine Gedanken lesbar, knufft mich Mishu auf dem Weg zur Sammeldesinfektion in die Seite und zwinkert: »Keine Zeit zum Feiern.« Soeben hat uns die Nachricht von der griechischen Homo-Lobby erreicht. Die Unterwanderung der deutschen Sicherheitsroboterfabrik in Patras scheint erfolgreich verlaufen zu sein. An uns soll nun die erste manipulierte Ladung Roboter geliefert werden. Das lässt uns drei Tage Zeit, um einen Plan zu schmieden, wie wir unauffällig die Funktionsfähigkeit ihrer Software-Änderungen testen können. Auch wenn ich übermüdet und abgearbeitet bin, bleibt mir ein Fünkchen Mut. Die gleichen Sicherheitsroboter bewachen auch das Ministerium.