Small Talk mit Alexa Müller von der Hurenorganisation Hydra e. V., über das Prostituiertengesetz

»Das Gesetz ist eine Katastrophe«

Das Prostituiertenschutzgesetz verpflichtet alle Sexarbeitenden, sich bis zum 31. Dezember anzumelden und ab 2018 während der Arbeit eine Bescheinigung (»Hurenpass«) mit sich zu führen. Unter Prostituierten Widerstand gegen das Gesetz. Mit einer Massenregistrierung auf das Pseudonym Alice Schwarzer ­wollen einige Sexarbeitende auf ihre Forderungen aufmerksam machen. Alexa Müller von der Hurenorganisation Hydra e. V. im Gespräch über die Protestaktion gesprochen.
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STDer Gesetzgeber will etwas gegen die miserablen Arbeitsbe­dingungen vieler Prostituierter tun. Weshalb lehnen Sie die verpflichtende Registrierung ab?

Das Gesetz ist eine Katastrophe für die gesamte Branche. In den Bordellen wird den Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern mitgeteilt, dass sie dort ohne Registrierung nicht mehr arbeiten können. In Berlin wurde noch nicht einmal ein Amt für eine solche Registrierung eingerichtet. Für die Anmeldung müssen wir uns als Huren outen. Das ist für viele eine hohe Hürde. Oft wissen weder Familie noch Freunde über die Tätigkeit Bescheid. Es gibt Vorurteile und eine Stigmatisierung der Sexarbeiter. Wenn ich morgens einer ­Pflegetätigkeit mit Kindern nachgehe und abends sexuelle Dienstleistungen erbringe, ist das miteinander vereinbar. In der Gesellschaft wird das häufig anders gesehen.

 

Bietet das Prostituiertenschutzgesetz nicht dennoch einen Schutz?

Es wurde festgelegt, dass Kondome, Gleitgel und Handschuhe im Bordell ausliegen müssen. Damit sind schon alle Vorteile genannt. Der Versuch ist also eine Farce. Wir werden in zwei Klassen eingeteilt: angemeldet und nicht angemeldet. Aus Angst vor einem ­Outing werden sich einige Prostituierte einer Anmeldung verweigern. Es erfolgt eine Kriminalisierung. Die Gefahr steigt, dass die Betroffenen sich dann an zwielichtige Personen wenden. Wer nicht registriert ist, kann nicht mehr in einem vernünftigen Bordell ­arbeiten.

 

Aber Zwangsprostitution, Menschenhandel und sexueller Missbrauch sind Realität. Wie, außer durch stärkere Kontrollen, können solche Verhältnisse bekämpft werden?

Sexarbeit wird von außen häufig mit diesen Problemen assoziiert. Diese betreffen jedoch nur den kleinsten Teil der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Selbstverständlich ist jede Person, die so etwas erlebt, eine zu viel. Wir arbeiten mit Menschen zusammen, die das erlebt haben. Was diese Menschen jedoch nicht brauchen, ist ein Gesetz, das Zwang vermittelt und das stigmatisiert. Gelder sollten zur Förderung von peer-to-peer-Hilfsangeboten verwendet werden – Sexarbeitende bieten Seminare und Fortbildungen für andere Sexarbeitende an. Dabei wird über die eigenen Rechte aufgeklärt und es werden Erfahrungen mitein­ander geteilt. Wichtig ist, dass diese Gespräche in einer Sprache geführt werden, die alle verstehen. Sonst haben sie keinen Nutzen.

 

Alice Schwarzer ist wohl Deutschlands bekannteste Feministin und vielen Anfeindungen ausgesetzt. Warum nutzen Sie ihren Namen als Pseudonym?

Mit ihren Argumenten hat sie zu einer gesellschaftlichen Stimmung beigetragen, die Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen das Leben schwermacht. Sie ist für die Stigmatisierung mitverantwortlich. Wir wollen nicht als Opfer dargestellt werden, wir sind starke ­Menschen. Wenn auf dem Ausweis ihr Name steht, so kann ich wenigstens darüber schmunzeln.