Homestory#50

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Groß war er an dieser Stelle angekündigt worden, und er hat tatsächlich stattgefunden – der glorreiche Redaktions-Subbotnik in den heiligen Hallen der Jungle World. Wie kleine fleißige Ameisen in Mao-Anzügen wuselten zahlreiche Redakteurinnen, Geschäftsführer und Kreative aus dem Layout durch die Räume und bewegten gefühlt mehrere Tonnen Staub, Abfall und Papiermüll (gut, letzterer fiel zugegebenermaßen am stärksten ins Gewicht). Entsorgt wurden auch mehrere Dutzend klebrige alte Tupperboxen, die sich im Laufe der Jahre in der Küche angesammelt hatten.

Klebrig, ja, geradezu spackig war auch das redaktionseigene Mikrowellengerät. Kein Wunder, wurde es doch vor vielen Jahren von einer Redakteurin, die bei der Jungle World mittlerweile fast keiner mehr kennt, aus einer WG-Auflösung angeschleppt. Schon damals soll es nicht mehr ganz taufrisch gewesen sein. Mittlerweile allerdings konnte man die Mikrowelle kaum noch anfassen, ohne klebrige Finger zu bekommen. Klarer Fall – trotz klammer Redaktionskassen musste dringend eine neue Mikrowelle her. Man war sich zwar nicht ganz sicher: Lieber ein einfaches Gerät, bei dem man nichts falsch machen kann? Oder doch lieber die Super-Duper-Hightech-Variante mit integrierter Grillfunktion und Fluxkompensator? Eine Kollegin von der Geschäftsführung nahm sich der Sache an und bestellte flux, … äh flugs, die Luxusausführung.

Es sollte dann nach dem Aufstellen des glänzenden neuen Geräts nur wenige Stunden dauern, bis eine Kollegin ihr Mittagessen erhitzen wollte, den Teller mit dem köstlichen Gericht mit einem Plastikdeckel abdeckte und – Trommelwirbel – versehentlich und unbemerkt die Grillfunktion betätigte. Gerade noch rechtzeitig, bevor das geschmolzene Plastik das gute Stück komplett unbrauchbar gemacht hätte, bemerkten die ersten Spürnasen den Fauxpas. Ein anderer Fauxpas war allerdings schon zuvor passiert: Beim von kühner Entschlossenheit getriebenen Entsorgen der Tupperboxen gerieten wohl auch die Plastikzubehörteile des Smoothiemakers in die Mülltonne. Jedenfalls waren sie nach dem Subbotnik zunächst verschwunden (einige sollen Gerüchten zufolge später in einer herrenlosen Mülltüte im Treppenhaus wieder aufgetaucht sein).

Wir wissen nicht genau, mit welchen Gerätschaften die Küche der Gefängniszelle unseres in der Türkei ohne Anklage einsitzenden Freundes und Mitherausgebers Deniz Yücel ausgestattet ist. Wir ahnen aber, dass eine 4,18 mal 3,10 Meter kleine Zelle auf Dauer ziemlich eng ist. Erst recht, wenn man dort nur deswegen gefangen ist, weil man als Journalist seinen Job gemacht hat. Deniz saß am vergangenen Sonntag 300 Tage in Erdoğans Knast – jeder einzelne dieser 300 Tage ist einer zu viel. Vielleicht sollten wir Erdoğan beim nächsten Subbotnik all unseren klebrigen Plastikmüll in seinen Präsidentenpalast schicken, um ihm zu zeigen, was wir von ihm halten.

Free Deniz! Free Mesale! Free Them All!