Organisationen von Betroffenen helfen Opfern von Säureattentaten in Kolumbien

Das Gesicht zurückgewinnen

Säureattentate wurden in Kolumbien von der Politik lange ignoriert. Stiftungen von Betroffenen wollen ein größeres Bewusstsein für das Problem schaffen und den Opfern helfen.
Reportage Von

Das Eckhaus von Gina Potes befindet sich ganz in der Nähe der 72. Straße in Mandalay, einem Arbeiterviertel im Süden Bogotás. Die 72. Straße markiert die unsichtbare Grenze zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden in Kolumbiens Hauptstadt. »Das wurde in den vergangenen Jahren zwar etwas aufgeweicht, denn auch in einigen Stadtteilen des Südens lässt sich gut leben, aber strukturell ist Bogotá eine zweigeteilte Stadt«, sagt Potes mit einem ­bitteren Lachen.

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Sie ist im Süden Bogotás aufgewachsen. Dort wurde sie vor 21 Jahren auch angegriffen. Es klopfte an der Tür ihres Elternhauses und als sie öffnete, schleuderte ihr ein Mann mit den Worten »So schön wie du darf niemand sein« Schwefelsäure ins Gesicht. »Es waren bestialische Schmerzen. Ich hatte das Gefühl, die Säure schneidet mir die Haut aus meinem Gesicht. Ich fühlte, wie meine Gesichtszüge ins Rutschen kamen«, erinnert sie sich. Die Verbrennungen prägen das Leben der heute 41jährigen. Sie wurde in Kolumbien als erstes Opfer eines Säureattentats registriert, denn sie hatte den Mut, die Tat anzuzeigen.

Mittlerweile sitzt Potes beinahe täglich in ihrem kleinen Büro in der ­Calle 3b in Mandalay, pflegt die Website ihrer Stiftung »Reconstruyendo Rostros« (Gesichter wiederherstellen), betreibt den Facebook-Account und bereitet neue Projekte vor. Ihre vor acht Jahren gegründete Stiftung berät Opfer, vermittelt und hilft. »Wir holen Frauen wie Männer aus der Isolation, aus der Einsamkeit heraus. Dahin treiben sie die fürchterlichen Verletzungen oftmals«, sagt Potes. Sie kennt die Depressionen, die Schmerzen, die Hilf- und Hoffnungslosigkeit, die Säureangriffen folgen. Die schlanke Frau mit den optimistisch funkelnden braunen Augen und der dichten, halblangen Mähne hat das alles selbst durchgemacht, sich irgendwann davon befreit und begonnen, für sich und andere Säureopfer zu kämpfen. Sie hat die Scheu vor öffentlichen Auftritten mit der Zeit abgelegt, gelernt zu reden, zu insistieren, Projekte zu entwickeln und zu vertreten.

»Wir holen Frauen wie Männer aus der Isolation, aus der Einsamkeit heraus. Dahin treiben sie die fürchterlichen Verletzungen oftmals.« Gina Potes von der Stiftung »Reconstruyendo Rostros«

Das alles geschieht von ihrem Büro in Mandalay aus. Drei Stühle, zwei Computer und zwei Räume. Der größere davon dient als Ausstellungsfläche, wo große Poster mit Fotos der Mitglieder von »Reconstruyendo Rostros« hängen. Der kleinere Raum ist Büro, Treff- und Anlaufpunkt in einem und nur durch eine Tür von Potes’ Wohnung getrennt. Für die Poster haben Nubia Patricia Espitia, Consuelo del ­Socorro, Gina Potes und weitere Mitglieder der Stiftung ihren ganzen Mut zusammengenommen, um sich von Profi­fotografen ablichten zu lassen. Sie zeigen, wie sie mit ihren Wunden leben, wie solidarisch sie untereinander sind und wie sie gemeinsam für ihre Rückkehr ins Leben kämpfen.

 

Teure Narben

Für das Schicksal von Säureopfern hat sich lange niemand interessiert in Kolumbien, denn sie kamen vorwiegend aus Armenvierteln. Sie waren auf sich allein gestellt; erst seit der Gründung von »Reconstruyendo Rostros« gibt es einen Anlaufpunkt für Menschen wie Consuelo del Socorro. Die 48jährige Frau aus dem Chocó, einem an der Grenze zu Panama liegenden Verwaltungsbezirk, wurde vor 18 Jahren von ihrem damaligen Freund mit Säure verätzt. Ein Eifersuchtsdelikt, das del Socorro für sechs Monate in stationäre Behandlung brachte, wo die Verätzungen behandelt wurden. 61 Operationen hat sie hinter sich, längst nicht alle wurden von der Krankenversicherung bezahlt. »Auch für die Medikamente, Antibiotika, Salben und Cremes ist die Versicherung nicht aufgekommen. Das musste ich selbst zahlen und das ist nicht einfach«, klagt del Socorro. Sie lebt mittlerweile in Bogotá, weil für derart komplexe Verletzungen in Regionen wie dem Chocó schlicht keine Gesundheitsversorgung zur Verfügung steht. Regelmäßig arbeitet sie in dem kleinen Büro mit Potes und Espitia, die drei bilden die Stammbesetzung. Die Arbeit mit anderen Säureopfern hat del Socorro nach eigener Aussage geholfen, mit der Zeit die Maske abzulegen, die sie trug, um ihr entstelltes Gesicht zu verbergen.

Dass Behandlungskosten nicht übernommen werden, sei kein Einzelfall, so Potes. Sie wirft den staatlichen Institutionen vor, zu wenig für die Opfer von Säureattentaten zu tun. Zwar ist seit Mitte 2013 die Übernahme der Behandlungskosten für Säureopfer in Kolumbien gesetzlich geregelt, in der Praxis wird dieses Gesetz aber immer wieder unterlaufen. »Viele Patienten kommen aus einfachen Verhältnissen. Da fehlt es manchmal am Geld für den Bus, um zur Klinik zu gelangen«, sagt Jorge Luis Gaviria. Der plastische Chirurg arbeitet an der Klinik Simón Bolívar im Norden Bogotás und weiß, dass die Opfer ihr Recht auf die notwendigen Operationen oft einklagen müssen. Er hat die prominenteste Pa­tientin des Landes 2014 und 2015 behandelt: Natalia Ponce de León. Die zum Tatzeitpunkt 35jährige Frau war das erste Opfer aus Bogotás gut situiertem Norden. Sie machte den Angriff auf der Facebook-Seite »Todos con Natalia Ponce de León« publik und sorgte so dafür, dass sich Kolumbiens Gesellschaft erstmals mit den schrecklichen Säureattentaten beschäftigte. Über ihren Fall berichteten sehr viele Medien. Das mag auch ein Grund dafür gewesen sein, dass die Krankenversicherung all ihre Kosten anstandslos über­nommen hat. Ärmeren Opfern ergeht es da anders. Sie müssten für die Therapie kämpfen, und so etwas wie eine staatliche Rente für Opfer von Säureanschlägen gebe es nicht, kritisieren Gaviria und sein Vorgesetzter Rafael ­Jiménez Osorio.

Viele Patienten kommen aus einfachen Verhältnissen. Da fehlt es manchmal am Geld für den Bus, um zur Klinik zu gelangen.« Jorge Luis Gaviria, plastischer Chirurg

Diese Ungleichbehandlung kritisiert auch die Stiftung »Natalia Ponce de León«, die 2015 entstand, um Opfern von Säureattentaten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Neben »Reconstruyendo Rostros« wurde sie schnell zu ­einer zentralen Stimme im gesellschaftlichen Diskurs über Säureangriffe. Ungefähr 1 000 Fälle von Verätzungen und Verbrennungen nach Angriffen mit Chemikalien hat die Gerichtsmedizin zwischen 2004 und dem Frühjahr 2015 registriert. Männer sind fast genauso häufig betroffen wie Frauen. Die Motive und Folgen der Angriffe unterscheiden sich jedoch deutlich. »Während bei Männern Verätzungen fast immer im Zusammenhang mit Raubdelikten und an Armen und Beine auftreten, ist bei Frauen fast immer das Gesicht betroffen«, so Potes. Wie auch in anderen Ländern werden Frauen meist aus Besitzdenken, Eifersucht, und Misogynie angegriffen; von aktuellen oder ehemaligen Partnern oder verschmähten Verehrern. Das belegen auch die Unterlagen der Station für Brandopfer des Krankenhauses Simón Bolívar, der einzigen Spezialklinik für Säureopfer in Kolumbien.

 

Unentgeltliche Hilfe

Dort im Norden Bogotás, in der 164. Straße, wurden auch Potes und ­Espitia ­behandelt. Letztere hat bereits 28 Operationen hinter sich und wird noch ­etliche weitere benötigen, bis die Augenpartie und die Nase rekonstruiert sind. Dafür begibt sie sich an diesem Tag in die Hände von Alan González. Der plastische Chirurg, der seine Praxis in der 124. Straße hat– ebenfalls in Bogotás Norden – , kooperiert seit einigen Jahren mit »Reconstruyendo Rostros« und führt unentgeltlich plastische Operationen aus.

Die Fortschritte sind nicht nur bei Potes und Espitia, sondern auch bei anderen Mitgliedern der Stiftung zu sehen. Das Gesicht wird graduell rekonstruiert, dazu gehören unter anderem die Augenbrauen. Espitia lässt nun immer öfter die einst obligatorische Sonnenbrille sinken. Sie hat gute Erfahrungen mit Eugenio Cabrera, einem Augenspezialisten, gemacht; auch der Zahnarzt Ciro Garnica hilft »Recons­truyendo Rostros« unentgeltlich. Die Rekonstruktionen haben Espitia nach eigenen Angaben weitergeholfen, auch die tägliche Arbeit mit Potes sei heilsam. »Wir haben gelernt, dass wir etwas ­bewirken können, dass unsere Stimme gehört wird. Das zeigt nicht nur un­serer Auftritt im Senat, sondern das zeigen auch Kooperationsprojekte mit Schulen, wo es um Prävention geht«, sagt die 39jährige.

Am 25. November 2016, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, waren Potes und Espitia in das Parlamentsgebäude im Zentrum Bogotás geladen worden, um über ihre Arbeit und die Situation von Säureopfern in Kolumbien zu informieren. Solche Auftritte machen die Stiftung bekannter und sollen zudem den Abgeordneten zeigen, dass Säureangriffe auf Frauen direkte Folgen der patriachalen Verhältnisse in Kolumbien sind. »Der Gedanke ›Wenn ich sie nicht haben kann, soll sie auch kein anderer haben‹ scheint viele Männer in Kolumbien anzutreiben«, sagt Potes. »Hier werden Frauen gern als Trophäen betrachtet, als Objekte. Ich bin aber ein Subjekt, habe Rechte, die ich einfordere«, betont sie. Sie spricht schnell und ist erregt, da sie auch für andere spricht und Verantwortung trägt.

Zum Beispiel für Alva, die von ihrem Ex-Mann attackiert wurde. Aus dem Gefängnis heraus bedroht er sie nun am Telefon. Alva führt ein Leben in ständiger Angst davor, dass sich der Säureangriff wiederholen könnte. Das Gros der Säureanschläge, die in Kolumbien registriert werden, wird nicht aufgeklärt, die wenigsten Anzeigen führen zu einem Urteil. »Die Straflosigkeit ist Teil unseres Alltags. Trotz meiner Anzeige ist die Staatsanwaltschaft nie bei mir vorstellig geworden«, schildert Potes ihre eigene Erfahrung.

 

Nubia Patricia Espitia

 Gina Potes und Nubia Patricia Espitia sind stolz auf ihre Arbeit

Bild:
Knut Henkel

 

Die Straflosigkeit beenden

Die Kritik der Opfer hat dafür gesorgt, dass die Politik in Kolumbien zumindest die Gesetze verschärft hat. Seit dem 18. Januar 2016 ist das Gesetz 1773, das in den kolumbianischen Medien gern als »Gesetz Natalia Ponce de León« tituliert wird, rechtskräftig. Es weitet die Haftstrafen für Angriffe mit Säure auf bis zu 50 Jahre aus. Potes begrüßt das Gesetz, doch ohne den Angriff auf Ponce de León wäre es vielleicht nie verabschiedet worden. »Ihr Fall hat die Säureangriffe erst landesweit sichtbar gemacht. Sie treten deutlich öfter in den Armenvierteln auf als in den Vierteln der Besserverdienenden«, sagt Potes und verweist auf die unsichtbare Mauer zwischen Nord und Süd, Arm und Reich – die 72. Straße Bogotás. 2016 waren es 38 Angriffe, in diesem Jahr wurden bis Anfang Dezember 40 Fälle registriert, die meisten davon in ärmeren Stadtvierteln.

Die Ermittlungserfolge hielten sich in engen Grenzen, sagt Potes. Daran hat auch das neue Gesetz nichts geändert, denn bisher gibt es kaum einen Säureangriff, der nach neuem Recht verhandelt wurde. Für ihr Engagement wird Potes bedroht. In Bogotá bewegt sie sich meist mit zwei Personenschützern in einem gepanzerten Wagen der Unidad Nacional de Protección (UNP), der nationalen Schutzeinheit. Täter, ­deren Opfer bei »Reconstruyendo Rostros« neuen Lebensmut schöpfen und die Staatsanwaltschaft drängen zu ermitteln, könnten hinter den Drohungen stecken. Genaueres weiß Potes nicht. Sie plädiert dafür, nicht nur auf Abschreckung zu setzen: »Wir müssen wieder lernen, den anderen und die andere zu respektieren, müssen mehr Wert auf Bildung, auf Inklusion statt Exklusion legen.« Deshalb bietet die Stiftung ­Besuche an Schulen, Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen an, um die heranwachsende Generation zu sensibilisieren. Im Zuge der Implementierung des Friedensabkommens mit der ehemaligen Guerilla Farc erscheint das noch einmal besonders sinnvoll, um die Gewalt zu beenden.

Potes’ persönlicher Antrieb ist ihre 13jährige Tochter. Ihr will sie ein besseres Leben in einer friedlicheren Gesellschaft ermöglichen und deshalb soll »Reconstruyendo Rostros« wachsen. 45 Helfer, darunter fünf Männer, hat die Stiftung derzeit; über kurz oder lang will Potes eine Anlaufstation mit Rechtsberatung und angeschlossener Herberge aufbauen. Für diese Pläne steht derzeit kein Geld zur Verfügung. »Doch das kann sich ja ändern«, sagt sie mit einem optimistischen Lächeln.