Missbrauchskandal im österreichischen Skisport

Das Schweigen ist vorbei

Jahrzehntelang wurden im österreichischen Skisport aktive Jungen und Mädchen missbraucht, erniedrigt und belästigt.
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Im Jahr 1981 starb ein 21jähriger österreichischer Tischler an einer Überdosis Heroin. Der junge Mann war zuvor ein vielversprechendes Nachwuchstalent im Skisport gewesen. Seine Karriere war vorbei, ehe sie richtig beginnen konnte, nachdem man ihn im Skigymnasium Stams beim Kiffen erwischt hatte. Es folgten: Rausschmiss in Schimpf und Schande, Drogensucht, Tod.

Als 35 Jahre später ein Missbrauchsskandal nach dem anderen ruchbar wurde, wandte sich die Mutter des Verstorbenen an die Medien. Ihr Sohn, so sagte sie, sei im Internat Skihauptschule Neustift regelmäßig vom Heimleiter sexuell missbraucht worden. Andere ehemalige Schüler sowie ein Trainer bestätigten die Vorwürfe gegenüber der Tageszeitung Der Standard. Erst als der Schulleiter, der bis Mitte der siebziger Jahre mehrere Jungen missbraucht haben soll, sich auch am Sohn eines Prominenten vergangen hatte, war er seines Postens enthoben worden, verblieb aber als Lehrer im Schuldienst. Rechtliche Konsequenzen gab es keine, die Sache wurde vertuscht. Skisport war Nationalsport. Österreich wollte stolz auf seine Rolle als Großmacht im Wintersport sein. Debatten über Kindesmissbrauch hätten da nur gestört.

 

Bis 50 Fälle bisher bekannt

40 Jahre nach diesen Vorfällen berichtete kürzlich die ehemalige Abfahrerin Nicola Werdenigg-Spieß von schweren sexuellen Übergriffen bis hin zu Vergewaltigungen durch Trainer, Mannschaftskollegen, Funktionäre und Manager. Nicht nur sie selbst sei betroffen, sagte die 59jährige. 40 bis 50 Fälle seien ihr bekannt, viele davon aus den siebziger und achtziger Jahren, einige aber auch aus den vergangenen zehn Jahren.

Vier Stunden lang sagte die nunmehrige Bloggerin und Therapeutin am Donnerstag vorvergangener Woche vor Beamten der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft Tirol aus. Der ehemalige Skirennfahrer Armin Assinger, mittlerweile Fernsehmoderator und Aufsichtsrat der österreichischen Bundes-Sport-GmbH, reagierte auf Werdeniggs Aussagen in einem Interview mit dem Kurier: »Die derzeitige Diskussion schadet natürlich dem Sport.« Ihm selbst, der seit 35 Jahren in den »Skizirkus involviert« sei, sei niemals »auch nur das Geringste über eine sexuelle Belästigung einer Rennläuferin oder eines Rennläufers, geschweige denn eine Vergewaltigung, zu Ohren gekommen«. Peter Schröcksnadel, der Präsident des Österreichischen Skiverbands, reagierte zunächst mit einer Klagedrohung gegen Werdenigg-Spieß, die er jedoch umgehend zurückzog. Als aber Toni Innauer, ein ehemaliger Olympiasieger im Skispringen, in einem Gastkommentar auf einem Nachrichtenportal Werdenigg-Spieß unterstützte, bezeichnete Schröcksnadel ihn als »Opportunisten und Pharisäer«.

Während die Sportfunktionäre weiterhin glauben, die Vorwürfe aussitzen zu können, werden laufend neue Details bekannt. Die ehemalige Rennläuferin und jetzige Journalistin Helen Scott-Smith berichtete von österreichischen Trainern, die das britische Frauenteam betreuten. Schon am ersten Tag im Trainingslager habe einer der Österreicher die damals 16jährige in sein Zimmer eingeladen. »Die Trainer haben sich die 15- bis 20jährigen Mädchen aufgeteilt. ›Fresh meat‹ haben sie sie genannt«, erinnerte sich Scott-Smith im Gespräch mit dem Journalisten Fritz Neumann. In Österreich sagten zudem ehemalige Absolventen von Sportgymnasien und ehemalige Bewohnerinnen von Sportinternaten, dass sie nicht nur sexualisierter Gewalt ausgesetzt gewesen seien, sondern auch demütigenden Aufnahmeritualen. Allen Aussagen gemein ist die Beschreibung eines Gefühls der Machtlosigkeit, des Ausgeliefertseins. Wer sich beschwerte, galt als Querulant, der, so der höhnische Vorwurf, nur »die Skination Österreich in den Schmutz ziehen« wolle.

 

Ein System der Gewalt

Die Missbrauchsvorwürfe, die nun den Sport in Österreich erschüttern, sind freilich nur Teil eines Systems aus Gewalt, Autoritarismus und Brutalität gegen Wehrlose, das das Leben in österreichischen Waisenhäusern, Internaten, Psychiatrien und Pflegeheimen zu einer Hölle aus Folter und Zwang machte. In Klagenfurt etwa leitete der Kinderpsychiater Franz Wurst zwischen Ende der sechziger und Mitte der achtziger Jahre die Kinder- und Jugendabteilung der psychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses. Wurst, der im privaten Umfeld gerne damit prahlte, »der jüngste Arzt des Dritten Reichs« gewesen zu sein, arbeitete eng mit Otto Scrinzi zusammen, dem Chefarzt der psychiatrischen Erwachsenenabteilung, ausgebildet am Innsbrucker »Institut für Erb- und Rassenbiologie«. Er habe »schon in der NSDAP als besonders rechts« gegolten, pflegte Scrinzi seine eigene Weltanschauung zu beschreiben. Beide Männer waren auch vielbeschäftigte gerichtliche Gutachter.

Wurst nutzte seine Stellung dazu, mindestens 38 ihm völlig ausgelieferte Kinder sexuell zu missbrauchen. Anzeigen gegen ihn verliefen sämtlich im Sande – es stand schließlich das Wort psychisch kranker Kinder gegen jenes eines berühmten Arztes und vorgeblichen Wohltäters. Erst nachdem der gesellschaftlich höchst geachtete und politisch bestens vernetzte Wurst im Jahr 2000 seinen 60 Jahre jüngeren Liebhaber dazu angestiftet hatte, Wursts Gattin zu erschlagen, brach das Schweigekartell in sich zusammen. Der anklagende Staatsanwalt ging davon aus, dass Wurst neben den bestätigten 38 Fällen 200 weitere Kinder missbraucht habe. Während des Prozesses formierte sich eine Gruppe von Unterstützern Wursts, bestehend aus Krankenpflegern und -pflegerinnen, die ihn weiterhin ehrfürchtig »Herr Professor« und sogar »Gott« nannten. Nach einem langwierigen Gerichtsverfahren, in dessen Verlauf weitere Details über eine Kinderpsychiatrie in der Tradition der Nationalsozialisten bekannt wurden, verurteilte ein Schwurgericht den Arzt zu 17 Jahren Haft. Nach nur vier Jahren wurde er entlassen.

Im Wiener Kinderheim Wilhelminenberg wurden in den fünfziger und sechziger Jahren Hunderte Kinder zu Opfern systematischer sexueller Gewalt, Vergewaltigung, Misshandlung und Vernachlässigung. Eine Expertenkommission der Stadt Wien bestätigte die Vorwürfe ehemaliger Heiminsassen und veranlasste Entschädigungszahlungen. Ein 2016 angestrengtes Gerichtsverfahren gegen mehr als zehn ehemalige Erzieher und Pflegerinnen wurde jedoch eingestellt. Die Taten seien teils verjährt, teils seien die Täter unauffindbar oder verstorben, so die Staatsanwaltschaft.

So leicht werden sich die Vorwürfe gegen österreichische Skitrainer und -lehrer nicht aus der Welt schaffen lassen. Ein ehemaliger Spitzensportler, der allerdings anonym bleiben wollte, bestätigte dem Standard beispielsweise, dass brutal-demütigende Initationsrituale im Internat Stams an der Tagesordnung waren. »Die Aussage ›Wer bei uns in Stams abschließt, steht besonders stabil und erfolgreich im Leben‹ finde ich zum Kotzen. Viele müssen die erlebten Härten ein Leben lang aufarbeiten, Hilfe kriegen die wenigsten«, sagte er und fügte hinzu: »Das ist kein netter Initiationsritus, sondern da wurde ganzen Generationen mit Gewalt von mehreren meist älteren und stärkeren Sportlern die Hose heruntergerissen.«

Das Land Tirol hat mittlerweile eine Anlaufstelle für diejenigen eingerichtet, die an den drei Skiinternaten des Landes Opfer sexualisierter Gewalt wurden. Zudem gab das Sportministerium eine Studie in Auftrag, die als Grundlage von Präventionsmaßnahmen dienen soll.