Der Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde München im Jahr 1970

Mord ohne Mörder

Der Anschlag auf das Altenheim der Israelitische Kultusgemeinde München mit sieben Toten im Jahr 1970 bleibt unaufgeklärt. Die Generalbundes­anwaltschaft hat die wiederaufgenommenen Ermittlungen nach vier Jahren ergebnislos eingestellt.
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Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Generalbundesanwaltschaft ihre Ermittlungen zum Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde München im Jahr 1970 kürzlich eingestellt. Damit bleibt einer der schwersten antisemitischen Anschläge in der Bundesrepublik Deutschland wohl endgültig ohne juristische Aufklärung. In ihrer Pressemitteilung vom 23. November begründet der Generalbundesanwalt den Schritt damit, dass »die wiederaufgenommenen Ermittlungen keine Aufklärung der Tat erbracht« hätten.

Am 13. Februar 1970 hatten Unbekannte im Wohnheim der Israelitischen Kultusgemeinde München Feuer gelegt. Sieben Bewohnerinnen und Bewohner des Heims, Überlebende der Shoah, kamen in den Flammen ums Leben. Im Jahr 2013 nahm die Generalbundesanwaltschaft erneut die Ermittlungen auf, nachdem sich der alte Verdacht offenbar erhärtet hatte, den Anschlag hätten Mitglieder der Münchner linksradikalen Szene zu verantworten.

Der Bundesanwaltschaft ging es aber vor allem um einen anderen Brandanschlag auf einen Richter in München zehn Tage nach dem auf das Altenheim. Der Focus berichtete 2013 unter der Überschrift »Damit muss ich leben«, ein anonymer Zeuge habe über 40 Jahre nach den Ereignissen seine Beteiligung an dem Anschlag auf den Richter gestanden und zwei Mittäter benannt. Einer der beiden trägt einen berühmten Namen: Ulrich Enzensberger, der Bruder des prominenten Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger. Gegen diesen Vorwurf verwahrte sich der Beschuldigte sogleich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Er sei weder beteiligt gewesen noch kenne er die Täter.

Für den Historiker Wolfgang Kraushaar gehört der Anschlag in München untrennbar zur Geschichte der Achtundsechziger. Dennoch dürfe man »nicht den Fehler begehen, gleich die Bewegung der Achtundsechziger für alles in Haftung zu nehmen, was terroristische Sekten wie die ›Tupamaros West-Berlin‹, die RAF, die ›Bewegung 2. Juni‹ und die ›Revolutionären Zellen‹ taten.«

Ein Mitglied der Tupamaros West-Berlin/Schwarze Ratten hatte 1969 eine Bombe im Jüdischen Gemeinhaus Berlin deponiert, die zum Glück nicht explodierte. Die Tupamaros West-Berlin bekannten sich in der Szenezeitung Agit 883 zu dem Attentat. 2005 hat Albert Fichter die Tat gestanden.

In München gründete sich kurz nach dem gescheiterten Anschlag in Berlin eine weitere Tupamaros-Gruppe. Doch gibt es für den Brandanschlag in München bislang keinen geständigen Täter. Die Tupamaros München schrieben kurz nach dem Anschlag in einer Pressemitteilung, dass die Öffentlichkeit versuche, ihnen »auch den Altersheimbrand in die Schuhe zu schieben«. Sie verlautbarten zudem: »Lasst euch gesagt sein: Wir treffen keine Unschuldigen!« Zugleich hatten die Tupamaros für die Tat eine Verschwörungstheorie zur Hand: »Diesen neuen Reichstagsbrand im Altersheim können nur Leute gelegt haben, die daran interessiert sind, die Hexenjagd auf die Feinde des US-zionistischen Imperialismus zu eröffnen.«

Der Generalbundesanwalt ist also zu dem Schluss gekommen, dass es keinen Beweis für die These gebe, militante Linke hätten das Leben von sieben Jüdinnen und Juden auf dem Gewissen. Freilich kommen für einen siebenfachen antisemitischen Mord auch Nazis in Frage. Bereits Ende der sechziger Jahre traten in Bayern Neonazis um Karl-Heinz Hoffmann, der 1973 seine rechtsextreme »Wehrsportgruppe« gründete, öffentlich auf. 1980 erschoss eines ihrer Mitglieder in Erlangen den Rabbiner Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke. Der mutmaßliche Täter beging Selbstmord. Weitere Hintermänner wurden nie ermittelt. Es scheint, als bleibe es auch im Fall des Anschlags in München so.