Platte Buch: Sam Knee: Untypical Girls

Punk minus Jungs

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Gegen den Chauvinismus in der Musikbranche, insbesondere im Independent-Bereich, regte sich in den späten Siebzigern Widerstand. Junge Frauen mischten die Szene auf und übernahmen selbst die Kontrolle über ihre musikalische Karriere. Den Pro­tagonistinnen dieses Aufbruchs huldigt der Brite Sam Knee in seinem Fotobuch »Untypical Girls: Styles and Sounds of the Transatlantic Indie Revolution«. Darin versammelt er kaum bekannte Aufnahmen aus dem Underground der damaligen Zeit. Fotografien von gemischten Bands hat Knee bearbeitet, indem er kurzerhand die Jungs rausgeschnitten hat, so dass ausschließlich Frauen zu sehen sind.

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Viv Albertine ist eine dieser jungen Frauen. Mit der Band The Slits spielte sie in der vielleicht relevantesten All-Girl-Group des Punk und war ein Riot Girl, bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Sie war ein »typical girl«, wie auch der Titel ihrer Memoiren lautet, auf den sich Knee in seinem Buchtitel bezieht.

Knee, der sich selbst als Musik-Nerd und vintage clothing aficionado bezeichnet, schreibt im Vorwort: »Mädchen waren schon von Anfang an in Bands und Musik involviert, aber erst mit dem Aufkommen von Punk wurde dieses Engagement mehr als nur an der Oberfläche präsent.« Das gesellschaftliche Klima war vom Thatcherismus und von der reaktionären Politik des US-Präsidenten Ronald Reagan geprägt.

Ästhetisch entschied sich der Punk für eine Feier des Dilettantismus, der postindustrielle Chic protestierte gegen die Modeklischees des gesellschaftlichen Mainstreams. Ausführlich, sachkundig und ziemlich witzig kommentiert der ehemalige Vintage-Klamottenhändler die Outfits der Bands. Kleidung war Teil eines Freiheitskampfes, der sich in der Ästhetik von Post-Punk, Paisley Underground, C86, Shoegaze, College Rock und Grunge fortsetzt, um dann in der Riot-Grrrl-Bewegung seinen Höhepunkt und zugleich sein Ende zu finden.
Was dann kam, wissen die Spice Girls.

Sam Knee: Untypical Girls. Styles and Sounds of the Transatlantic Indie Revolution. Cicada Books, London 2017, 336 Seiten, etwa 21 Euro