Die »Wir haben es satt«-Demonstration am Samstag hat zweifelhafte Forderungen

Ein besserer Bauernhof ist nicht käuflich

Seite 2 – Absurder Forderungskatalog

Besonders absurd wird der Forderungskatalog einschlägiger NGOs, wenn es um Wölfe geht. Diese sollen »frei« herumlaufen – so als gäbe es in Deutschland noch eine unberührte ­Natur- und keine von Menschenhand gestaltete Kulturlandschaft. Zu dieser gehören Weiden, auf der nach dem Willen derselben Organi­sationen Kühe und Schafe grasen sollen. Man braucht nicht Biologie oder Landwirtschaft studiert zu haben, um zu wissen, dass ein Wolfsrudel sich eher an der sich behäbig bewegenden Fleischreserve Kuh oder Schaf schadlos hält, als einem Reh hinterherzuhecheln. Der Hinweis, Bauern bekämen doch ge­rissene Tiere ersetzt, greift nicht nur knapp daneben. Zum einen dürfte es manche Bauern hart treffen, ein mit ihrer Hilfe auf die Welt gebrachtes und herangezogenes Kalb zerrissen auf der Weide liegen zu sehen. Zum anderen scheinen solche NGO-Vertreter nicht zu wissen, dass es eine ermüdende und zeitraubende Arbeit für die Bauern ist, einen Antrag auf Schadenersatz zu stellen.

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Diese Konsumideologie und Bauernhofromantik verkennt, dass es den ­Kapitalismus nicht ohne Wachstumszwang gibt. Es ist eben nicht die indi­viduelle Entscheidung von Bauern, Gewinn zu erwirtschaften. Auch Agrar­betriebe müssen wachsen und größer werden, wenn sie wirtschaftlich über­leben ­wollen. Selbstverständlich gibt es gute Gründe, regionale und fair gehandelte Produkte zu kaufen, Tiere artgerecht zu halten und Bauern dabei zu unterstützen, höhere Milchpreise zu erhalten – so wie es sinnvoll ist, Gewerkschaften dabei zu unterstützen, höhere Löhne auszuhandeln. Allein, nichts davon hebt den Wachstumszwang und das sich aus dem Kapitalverhältnis ­ergebende Prinzip der Gewinnmaximierung auf. Es ist ein politisches Ver­sagen einer Mehrheit der Linken, über Fragen der Landwirtschaft und die vermeintlich dummen Bauern die Nase zu rümpfen. So kann sich die Mehrheit des Demonstrationsbündnisses »Wir haben es satt« der notwendigen Debatte über die Landwirtschaft unter den Zwängen des Kapitalismus relativ problemlos entziehen und ­politisch immunisieren.

Roland Röder ist Geschäftsführer der Aktion 3. Welt Saar e. V., kennt den NGO-Zirkus aus verschiedenen Perspektiven und nimmt wie jedes Jahr an der »Wir haben es satt«-Demonstration teil. In der Jungle World schreibt er regelmäßig die Kolumne »Krauts und ­Rüben. Der letzte linke Kleingärtner«.