Neonazis organisieren Kampfsportevents

Deutschland haut sich aufs Maul

Kampfsportveranstaltungen haben sich in den vergangenen Jahren zu wichtigen Treffen für das Nazimilieu entwickelt. Auch in diesem Jahr planen Rechtsextreme Wettkämpfe.

Das Angebot am Zentrum für Hochschulsport der Universität Potsdam ist groß. So können Studentinnen und Studenten dort unter anderem Kickboxen trainieren. Tom F. leitet dort jeden Dienstag und Freitag Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Wie die Gruppe Antifaschistische Recherche Potsdam Anfang Januar öffentlich machte, betätigt sich der Philosophiestudent und Kickboxtrainer auch politisch. Er betreute die kampfsportliche »Weiterbildung« während eines Zelt­lagers des »Stützpunkts Mittelmark (Havel)« der neonazistischen Kleinstpartei »Der III. Weg«. Bei diesem Training im August 2016 lernten die Teilnehmer beispielsweise, wie Pratzen gehalten werden, wie man Sparring betreibt und wie »Selbstverteidigungsmaßnahmen, die aus Schlag-, Tritt- und Grifftechniken bestanden«, richtig angewendet werden, wie auf der Website von »Der III. Weg« zu lesen ist. Die Antifaschistische Recherche Potsdam geht davon aus, dass F. als Trainer im Universitätssport »nicht lediglich sportliche Inhalte vermittelt, sondern auch versucht«, sein »ideologisches Framing subtil einfließen zu lassen«. Mit F. sei einer »potentiell hochgefährlichen Person« der Umgang mit Studenten anvertraut worden. F. sei zumdem zum »Repräsentanten für den Hochschulsport und die Universität« geworden.

Die Kampagne »Runter von der Matte – Kein Handshake mit Nazis« klärt seit vorigem Jahr über Rechtsextreme im Kampfsport auf.


Dass Nazis Kampfsport betreiben und auch bei Wettkämpfen antreten, ist nicht ungewöhnlich.

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Organisierten Rechtsextreme in den vergangenen Jahrzehnten hauptsächlich konspirative Konzerte, die als kulturelle und so­ziale Höhepunkte in ihrem Milieu galten, so erfüllten in den vergangenen Jahren immer öfter auch Kampfsportveranstaltungen diesen Zweck. Die antifaschistische Kampagne »Runter von der Matte – Kein Hand­shake mit Nazis« klärt deshalb seit vergangenem Jahr über Rechtsextreme im Kampf­sport auf.

Vor allem sächsische und brandenburgische Neonazis setzten früh auf die Teilnahme an Wettkämpfen. Markus W., einer ihrer erfolgreichsten Kämpfer, wurde 2011 deutscher Meister im Kickboxen. Sogar der damalige Cottbusser Oberbürgermeister Frank Szymanski (SPD) gratulierte ihm zum ­Titel. 2014 verurteilte das Landgericht Cottbus W. zu fünf Jahren Gefängnis, weil er im Jahr zuvor gemeinsam mit zwei weiteren Männern in der Cottbusser Innenstadt einen Hells-Angels-­Rocker mit Schlägen, Tritten und einem Dutzend Messerstichen lebensgefährlich verletzt hatte.

In Leipzig gilt die seit 2014 veranstaltete »Imperium Fighting Champion­ship« (IFC) als Kampfsportwettbewerb für Hooligans und Neonazis. Die Universität Leipzig weigerte sich deshalb in der Vergangenheit, eine Halle auf dem Sportcampus an die Veranstalter zu vermieten. Vorläufer der IFC war die Veranstaltung »Sachsen kämpft«, die in den Jahren 2012 und 2013 in Schildau stattgefunden hatte, organisiert von den bekannten Neonazis Benjamin Brinsa und Christopher Henze. Schon 2009 hatte die »Widerstandsbewegung in Südbrandenburg« die »Nationalen Kampfsporttage« veranstaltet, die 2012 von etwa 200 Personen besucht worden waren.

Die bisher größte von Rechtsextremen eigenständig organisierte Kampf­sportveranstaltung in Deutschland fand im Oktober 2017 im Sauerland statt. Zwischen 500 und 600 Teilnehmer und Zuschauer aus ganz Europa kamen zum »Kampf der Nibelungen« (KDN) in die Schützenhalle Kirchhundem. Von einer »belächelten Hinterhofveranstaltung« habe sich der KDN innerhalb von fünf Jahren zu einer »festen Größe« entwickelt, kommentierten die Organisatoren in verschiedenen sozialen Netzwerken. Sie sprachen von der »größten nationalen Kampfsportveranstaltung in Europa«, die dem Anspruch gerecht geworden sei, »eine Gegenkultur zu erschaffen, einen eigenen Freiraum für unseren geliebten Sport zu ermöglichen«. Mit der Vermittlung von »Mannestugend, Respekt und Disziplin« hätten sie bei der Jugend »einen Nerv getroffen«. Diese interessiere sich nicht mehr für »Musik und Suff«, sondern begebe sich »in Fitnessstudios und Kampfsportschulen«, um sich auf »das Kommende gefasst zu machen«, so die Veranstalter des KDN.

Tatsächlich ist die Zahl der Besucher und Kämpfer solcher Veranstaltungen in den vergangenen Jahren gestiegen und die Organisatoren haben die Auftritte professionalisiert. Ausschlag­gebend dafür waren auch internationale Kontakte, vor allem nach Russland. Seit sieben Jahren organisiert der Neonazi und Hooligan Denis Nikitin Kampfsportturniere in Russland. Dort gelangten die Kämpfe schnell aus den Hinterhöfen in die Sportarenen. Nikitin versuchte frühzeitig, Gleichgesinnte in Deutschland dazu zu bewegen, hierzulande Kampfsportveranstaltungen zu organisieren. Mehrere Auftritte deutscher Kämpfer in Russland folgten. Ende Oktober 2013 ging dort beispielsweise der Neonazi Timo Kersting für den »Boxclub Dortmund« in den Ring. Ein Jahr später meldete dieser Boxclub den zweiten »Kampf der Nibelungen« in einer Arena im rheinland-pfälzischen Vettelschoß an.

Auch in diesem Jahr laden Neonazis zu Kampfsportveranstaltungen. Der stellvertretende Vorsitzende der NPD, Thorsten Heise, plant zum Beispiel für das Wochenende nach Adolf Hitlers Geburtstag am 20. April in der sächsischen Provinz, in Ostritz in der Oberlausitz, das zweitägige Festival »Schild und Schwert«. Dort soll neben den ­üblichen Rechtsrockbands und Rednern auch ein »Kampf der Nibelungen« zu sehen sein. Im Gegensatz zu den ebenfalls von Heise organisierten »Eichsfeldtagen« wird »Schild und Schwert« umfangreich beworben. So findet sich die Ankündigung unter anderem auf der zentralen Homepage der Nazior­ganisation »Blood & Honour« aus Großbritannien.

Den Organisatoren des KDN fiel die Zusage zu einem Auftritt auf dem Festival nach eigenen Angaben »nicht leicht«. In einer Stellungnahme auf der Website von »Schild und Schwert« merken sie an, dass es schwierig sei, »Besucher, die zu einem Konzert wollen, mit unserer Idee zu vereinbaren«. Zudem betonen sie, »partei- und auch gruppenübergreifend zu arbeiten«. Der Hinweis auf Überparteilichkeit dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass das Festival von der NPD und der Partei »Die Rechte« dominiert wird, die Partei »Der III. Weg« hingegen außen vor bleibt.

Auf der Rednerliste stehen bisher der NPD-Europaabgeordnete Udo Voigt, der NPD-Bundesorganisations­leiter Sebastian Schmidtke, das NPD-Bundesvorstandsmitglied Tobias Schulz, Ricarda Riefling vom »Ring Nationaler Frauen« sowie Michael Brück und Sascha Krolzig von »Die Rechte«. Die Veranstalter des KDN wollen sich offenbar aus Parteirivalitäten heraushalten und bemühen zur Begründung die hinlänglich bekannte Ideologie: »Aber wir glauben, eine Volksgemeinschaft kann nur funktionieren, wenn wir alle zusammenstehen.« Dass man sich letztlich doch für den Auftritt entschieden hat, könnte jedoch banale Gründe haben: Alexander Deptolla, ­einer der KDN-Organisatoren und ehemaliges Führungsmitglied des verbotenen »Nationalen Widerstands Dortmund«, pflegt beste Kontakte zu Michael Brück und weiteren Dortmunder Funktionären der Partei »Die Rechte«.