Die Royals in Großbritannien modernisieren sich

Eine Woman of Colour auf Schloss Windsor

William und Kate hatten vorehelichen Sex. Jetzt heiratet Prinz Harry eine US-Schauspielerin mit afroamerikanischen Wurzeln. Wie sich die britische Monarchie mit Überschallgeschwindigkeit der Gegenwart nähert erzählt Jacinta Nandi

Es fällt mir schwer, mir eine Familie vorzustellen, die noch moderner ist als die Royals. In früherer Zeit waren königliche Familien nicht ganz so modern wie die Windsors heute. Königsfamilien waren oft altmodisch, altbacken und old school. Heinrich VIII. zum Beispiel hat immer Schwäne gegessen, sah sehr dick aus und ließ seine Frauen enthaupten; Georg III. pflegte die totgeborenen Kinder seiner Mägde aufzuessen und ist deswegen ein bisschen plemplem geworden. Aber die Windsors, unsere neue, moderne, zeitgenössische, totally up-to-date ­königliche Familie, sind so modern, dass sie mir fast wie Science-Fiction vorkommen. Sie essen keine Schwäne! Sie haben schon lange niemanden mehr enthaupten lassen! Angeblich soll die Queen sogar mal mit einem Kugelschreiber geschrieben haben! Und jedes Jahr werden sie noch ­moderner! Bald werden sie so modern sein, dass man sie durch Roboter ­ersetzen kann.

Anzeige

Der Weg in die Moderne war allerdings lang. In den achtziger Jahren hat die Prinzessin von Wales damit begonnen, die königliche Familie zu modernisieren: mit ihrer ­Lockerheit, ihrer Nähe zum Volk und natürlich mit ihrer Neigung zu Essstörungen. Das hat halbwegs funktioniert, aber dann ging alles schief in einem Tunnel in Paris. Dianas Leben endete dort – doch die Modernisierung der Familie war nicht mehr aufzuhalten. Dianas ältester Sohn William hat tatsächlich schon vor der Hochzeit mit seiner Kate gevögelt. Außerdem haben sie miteinander gelebt! Und wahrscheinlich haben sie Möbel bei Ikea gekauft! Kate trägt manchmal sogar normale Kleider und Schminke. Sie hat eine Jeans­hose, die sie zu einer Jacke trägt. Mein Gehirn kann sich keine Kleidungskombination vorstellen, die noch moderner und lässiger ist als diese.

Was wird passieren, wenn Harrys zukünftige Kinder schwul sind? Oder queer? Oder poly? Wenn sie nicht heiraten wollen? Wenn sie links werden? Wenn sie Scientologen werden wollen? Oder zum Islam ­konvertieren? Was würde passieren, wenn diese Kinder frei sein wollten?

Und jetzt mündet die lange Reise in die Modernität in ein perfektes Happy End: Harry, Dianas jüngster Sohn, heiratet eine Ausländerin! And not just any Ausländerin but, wait for it: eine Amerikanerin! And not just any Amerikanerin but, wait for it: eine woman of ­colour! And not just any woman of colour but, wait for it: eine Schauspielerin! Mein Kopf explodiert bei so viel Modernität.

Ironie beiseite: Meghan Markle ist süß. Ich mag sie gern und gönne dem jungen Paar sein Glück.

Fast bewundere ich Harry, dass er sich ­tatsächlich verliebt hat und Meghan vor allen rassistischen Anfeindungen schützt. Die rassistischen Reaktionen haben mich allerdings überrascht. Ich dachte, dass Großbritannien weniger rassistisch sei.

Aber wie modern kann eine Ehe sein, die auf Staatskosten geschlossen wird? Wie anachronistisch ist das denn? Nach der Hochzeit mit dem Prinzen wird Frau Markle nicht mehr arbeiten gehen. Ihren Twitter-Account hat sie schon gelöscht. Noch unmoderner werden die zukünftigen Kinder des Paares aufwachsen: Sie werden nie twittern dürfen. Sie werden nie wählen ­dürfen. Sie werden sich nie ihre Religion aussuchen dürfen. Sie werden nie frei leben können.

Trotz des Geldes muss ich sagen, dass mir die Royals leid tun, denn das Leben, das sie haben, ist das Gegenteil von modern oder frei. Vom Tag seiner Geburt an ist Harry ein Sklave des Landes gewesen oder eine Art von Maskottchen. Er war bei der Beerdigung seiner Mama zwölf Jahre alt und musste hinter dem Sarg laufen. Das ganze Land, die ganze Welt, guckte diesem Kind beim Trauern zu. Seine »Arbeit« als Hubschrauber­pilot war keine richtige Arbeit. Die Leser dieses Artikels wissen das, ich weiß es, Prince Harry weiß es auch. Die »Jobs« der königlichen Familienmitglieder sind Alibijobs, damit das Volk darüber jubeln kann, wie modern die königliche Familie heutzutage lebt.