Immer mehr Menschen aus Mittelamerika suchen in Mexiko Zuflucht vor der Gewalt in ihren Herkunftsländern

Vamos a Mexico

Seite 2 – Zuhause diskriminiert

Es gibt eine weitere Migrantengruppe, die besonders von Gewalt betroffen ist. Ein Projekt der Organisation Transgender Europe (TGEU) hat zwischen ­Januar 2008 und Dezember 2016 159 Straftaten gegen Transpersonen in der mittelamerikanischen Region gezählt: Honduras führt die Liste mit 89 Übergriffen an, gefolgt von Guatemala mit 40 und El Salvador mit 30. Solche Statistiken bilden jedoch nicht die Gesamtheit aller tatsächlich begangenen Straftaten ab, da viele Über­griffe nicht zur Anzeige gebracht werden.

»In Zentralamerika wird eine trans­sexuelle Person nicht älter als 35 Jahre«, sagt Patricia. Die transsexuelle Aktivistin kommt ursprünglich aus El Salvador. Sie entschied sich, ihr Land zu verlassen, nachdem sie durch Bandenmitglieder und die Polizei Gewalt erfahren ­hatte. »Jetzt arbeite ich in Tijuana, mit meinem Partner. Ich möchte nach Kanada gehen und versuchen, dort Asyl zu beantragen. Die Comar, die mexikanische Kommission für Flüchtlingshilfe, hat es mir hier in Mexiko verweigert.«

Nach der jüngsten Untersuchung des UN-Flüchtlingskommissariats über »Sexuelle Gewalt aufgrund des Geschlechts an der Südgrenze Mexikos« haben 88 Prozent der LGBTI, die in ­Mexiko Asyl beantragt haben, in ihrem Herkunftsland sexuelle Gewalt aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder ihrer sexuellen Orientierung erfahren. In vielen Fällen fängt diese Gewalt bereits im engsten Kreis, in der Familie, an. Patricia hatte in dieser Hinsicht Glück. »Von meinen Familienangehörigen wurde ich unterstützt und akzeptiert«, sagt sie. »Meine Mutter war eine wichtige Stütze, sehr viele andere hatten nicht dieses Glück. Dennoch ist Gewalt und Diskriminierung ein un­­ausweichliches alltägliches Phänomen.«

 

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»Falls du aus Angst um dein Leben nicht in dein Land zurückkehren willst, beantrage Schutz als Flüchtling in Mexiko«

Bild:
Virginia Negro

 

Besondere Herberge

Die Leitung des Menschenrechtszentrums Fray Matías de Córdova hebt ­hervor, dass die Zahl der Homo-, Bi-, Trans- und Intersexuellen (LGBTI), die nach Mexiko flüchten, in jüngster Zeit gestiegen sei. Diese wachsende Migrantengruppe braucht besondere juristische, gesundheitliche und psychologische Unterstützung. Oft kann diese ­jedoch nicht bereitgestellt werden, da die nötigen Mittel fehlen und Institu­tionen, aber auch zivilgesellschaftliche Organisationen, die im Bereich Migra­tion arbeiten, nicht auf die speziellen Bedürfnisse von LGBTI vorbereitet sind.

Die bislang einzige Migrantenherberge, die zwei Schlafsäle mit insgesamt zwölf Plätzen explizit für Transsexuelle eröffnet hat, ist La72 in Tenosique im südmexikanischen Bundesstaat Tabasco. La72 ist ein umfassendes Projekt für migrantische LGBTI. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen bietet eine spezielle Gesundheitsversorgung, die Organisation Asylum Access juristischen Beistand, der auf die Bedürfnisse jener Migrantengruppe zugeschnitten ist. »Trotz der Gewalt, die viele dieser Menschen erfahren haben, sind es meiner Erfahrung nach Personen, mit denen es viel einfacher ist, zusammenzuarbeiten und sie in die verschiedenen Aktivitäten miteinzubeziehen. Viele sind Aktivisten und obwohl sie sehr jung sind, haben sie bereits ein starkes Bewusstsein davon, wer sie sind und wer sie sein wollen«, erzählt Leticia, die Sozialarbeiterin der Migrantenherberge.

Der italienische Berater Vincenzo Castelli, der seit über zehn Jahren in Mexiko arbeitet, lobt das Projekt, doch sieht er politischen Nachholbedarf: »Obwohl es ein Migrationsgesetz gibt und ein ausgezeichnetes Gesetz zum Schutz von Kindern, reagiert die mexikanische Migrationspolitik in der ­Praxis angesichts der Ausmaße des Phänomens nicht adäquat und respektiert nicht die Menschenrechte.« Es gebe aber auch »positive Erfahrungen der Zivilgesellschaft, wie La72, oder der ­Regierung, wie im Fall der Kinder- und Jugendherberge El Colibri in Villahermosa in Tabasco, wo man neue Modelle bei der Betreuung minderjähriger Migranten ausprobiert«. Die Beispiele ­machen auch woanders Schule. »Zusammen mit der Unicef und der Regierung desBundesstaats Tabasco implementiert die Bundesverwaltung neue politische Maßnahmen und neue Aufnahmestrukturen. Ich arbeite genau daran und es gibt Fortschritte, so dass andere Grenzstaaten wie Chiapas das Modell nachahmen wollen«, so Castelli.

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Für viele nur eine Durchgangsstation. Der kleine Grenzort Paso del Coyote in Mexiko

Bild:
Virginia Negro

Auch die Europäische Union hat angefangen, sich mit den Besonderheiten der Grenzregion Mexikos zu Guatemala und Belize zu beschäftigen. Vergangenes Jahr hat die Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen (AGEG) zusammen mit der Agentur für Internationale Entwicklungskoopera­tion der Extremadura (Agencia Extremeña de Cooperación Internacional para el Desarrollo, AEXCID) ein Kooperationsprojekt der drei Nachbarländer entwickelt. Im Juni 2017 organisierten sie ein internationales Forum in Tapachula, in Zusammenarbeit mit Ecosur, einigen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Regierungen der Bundesstaaten, um Anwohner zu vernetzen und die verschiedenen Probleme der jeweiligen Länder kennenzulernen sowie deren grenzübergreifende Kooperation. Für April oder Mai dieses Jahr ist ein weiteres Treffen geplant, diesmal in Guatemala. Der Schwerpunkt soll dann, von den bisherigen Erfahrungen ausgehend, auf LGBTI liegen, eine der vulnerabelsten Migrantengruppen.