Streit bei den letzten Anthroposophen in der Schweiz

Der letzte Kampf der Anthroposophen

Derzeit streiten Anthroposophen in der Schweiz um das politische Erbe der esoterischen Glaubensgemeinschaft. In Basel versuchen Steiner-Anhänger, sich mit Verschwörungsprominenz zu schmücken.

Rudolf Steiners Reformprojekte sind ein Welterfolg. Seine Ideologie kommt dagegen mit der wachsenden gesellschaftlichen Integration ihrer Institutionen aus der Mode. Eine Intellektuellenreligion aus dem Kaiserreich hat in Zeiten der therapeutischen Selbsthilfeesoterik so langsam ausgedient. Auch an den erfolgsträchtigen Waldorfschulen werden traditionelle anthroposophische Lehrkräfte knapp.

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Die »Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft« (AAG) mit Sitz im Schweizerischen Dornach hat seit den achtziger Jahren rückläufige Mitgliederzahlen und längst große Probleme. Zu denen zählt das Zentrum der Bewegung, das Dornacher »Goetheanum«: ein monumentaler expressionistischer Betonbau, dessen Instandhaltung eine bedeutende finanzielle Belastung dieser Bewegung darstellen dürfte. Von der Überalterung der organisierten Anthroposophie sind vielleicht die lokalen sogenannten Zweige am stärksten betroffen, wo man sich mittwochs Steiner in der leinen­gebundenen Gesamtausgabe, der »GA«, vorlas.

Besser sieht die Lage wohl in Basel aus, nah am Dornacher Religionszentrum. Man ist in der lokalen Politik engagiert, charmante Einrichtungen wie das ­»Unternehmen Mitte«, das »Philosophicum im Ackermannshof« und das »Scala« sind öffentliche Kulturveranstaltungsorte der Bewegung. Für den 3. März hat der Basler »Paracelsus-Zweig« im »Scala« die Tagung »Terror, Lüge und Wahrheit« angekündigt. Mitveranstalterin ist die Zeitschrift Der Europäer, die im Perseus-Verlag Basel erscheint und von den anthroposophischen Periodika seit langem am obsessivsten Verschwörungstheoretiker bedient.

Als Redner sind neben dem enthusiastischen Antizionisten Elias Davidsson der Schweizer 9/11-»Friedens­forscher« Daniele Ganser und der Europäer-Chefredakteur Thomas Meyer angekündigt. Der bekannte Verschwörungsideologe Ken Jebsen soll moderieren. Dem Programm zufolge soll ein »kritischer Blick auf unsere Zeitgeschichte« geworfen werden – beziehungsweise auf George W. Bush und den »Krieg gegen den ­Terror«, den die Beteiligten freilich für einen Trick der einen oder anderen geheimen Weltregierung halten.

Solche Affinitäten sind nichts Neues. Seit längerem jubeln Anthroposophen Jebsen und Ganser zu, die beide ehemalige Waldorfschüler sind. Bereits Steiner raunte über »die geistigen Hintergründe des Ersten Weltkriegs«: Die »äußeren Politiker« seien »zuweilen Strohmänner« und »die wahren Führer der angelsächsischen Rasse« überzeugt, »dass der angelsächsischen Rasse durch gewisse Weltentwickelungskräfte die Mission zufallen müsse, für die ­Gegenwart und die Zukunft vieler Jahrhunderte (…) eine wirkliche Weltherrschaft auszuüben«. Das könne man vergleichen »mit den inneren Impulsen, welche einstmals das alt-jüdische Volk von seiner Weltmission hatte«.
Insofern ist es irreführend, wenn die Aargauer Zeitung einen durchaus ­informativen Bericht zu der Basler Tagung mit der Zeile »Verschwörungsmystiker wie der Basler Daniele Ganser kapern Rudolf-Steiner-Bewegung« übertitelt. Niemand muss hier gekapert werden. Eher versucht umgekehrt ein bestimmter Flügel der Anhängerschaft Steiners, bei der zeitgenössischen »Verschwörungsmystik« mitzumischen.

Die Vorstellungen Thomas Meyers lassen dabei Ganser und Jebsen alt ­aussehen. In der Vergangenheit hofierte er etwa Barbro Karlén, die sich für die wiedergeborene Anne Frank hält. Ein andermal legte sein Perseus-Verlag ­einen antisemitischen Klassiker wieder auf: »Das Rätsel des Judentums« (1931) des Wiener Anthroposophen Ludwig Thieben, der versuchte – frei nach Steiner und Otto Weininger –, seine eigene jüdische Abstammung spirituell zu »überwinden«. Die Neuauflage von 1991 enthielt ein Nachwort mit Meyers Ansichten über die »Menschheitsvölker« Deutsche und Juden. Letztere hätten Christus physisch hervorgebracht, aber tragischerweise geistig verkannt. »Von ähnlicher Größe und Tragik« könne »auch bei den Deutschen gesprochen werden«, die Christus geistig hervorbringen sollten, aber leider stattdessen die Juden ermordeten. Trotz allem sei Christus in den dreißiger Jahren übersinnlich wiedergekehrt, wofür vielleicht »durch die Leiden des Holocaust – innerhalb des Judentums immer mehr Menschen die Augen aufgehen«. Dann »könnte es gerade der beste, sich fortentwickelnde Teil des Judentums sein, der dem Deutschtum in Zukunft bei der Verwirklichung seiner wahren Aufgabe beisteht«.

Viele Anthroposophen halten diskret Abstand zu Meyer und seiner Zeitschrift. Die Bedürfnisse der zarteren Gemüter befriedigt eher Markus Oster­rieder, der 2014 eine umfangreiche Monographie über den Ersten Weltkrieg vorlegte und darin Steiners Kriegsmythen mit Quellen aus über einem ­Dutzend Sprachen garnierte. Als Beleg für die »okkulten Logen«, die Steiner hinter »Angloamerika« wähnte, präsentiert Osterrieder die Existenz okkultistischer und esoterischer Gruppierungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Es ist verblüffend, welchen Aufwand Anthroposophen seit ihrer ersten Stunde betrieben haben, um den Mythos von der okkulten Beeinflussung des Ersten Weltkriegs am Leben zu halten, der ­erfunden wurde, um Bewegungen wie die ihre zu denunzieren.

Eine entgegengesetzte Position bezieht die Frankfurter Zeitschrift Info3, die sich verschiedentlich von Verschwörungstheorien und Antisemitismus distanziert hat und auch mit ­einer gewissen Regelmäßigkeit von rechten Anthroposophie-Sympathisanten angegriffen wird. Angesichts des ­sozialkonstruktivistischen Geschlechterbilds des Chefredakteurs Jens Heisterkamp würde Steiner sich »im Grab umdrehen« respektive »in der Astralwelt rotieren«, ließ etwa der AfD-Philosoph Marc Jongen verlauten. Auf dem Blog der rechtsextremen Zeitschrift Sezession konnte man 2017 lesen, Info3 habe »den Weltgeist verraten und verkauft«, weil Heisterkamp diesen als kosmo­politisch definierte. Die Verfasserin dieser Replik, Caroline Sommerfeld-­Lethen, war bis vor einem Jahr an einer Wiener Waldorfschule als Köchin beschäftigt und wurde wegen ihrer Texte für die Sezession suspendiert.

Denn die tonangebenden Waldorf-Aktivisten haben sich seit 2015 gegen solche Tendenzen gestellt . Es erscheinen Broschüren ­gegen Reichsbürger oder zu Waldorfschulen im Nationalsozialismus. Viele rechte Mitarbeiter hat das organizistische Schulsystem in den vergangenen Jahren öffentlichkeitswirksam ausrangiert. An den Waldorfschulen Minden und Rendsburg wurden aber auch nazikritische Stimmen als unkonstruktive Nörgler ausgegrenzt. Der Waldorf-»Bund« als Arbeitgeberverband sorgte für den möglichst reibungslosen Erhalt der Schulen.

Die dauernden Feindprojektionen, Lagerbildungen und Flügelkämpfe der anthroposophischen Geschichte sind weniger schrill als früher und die Reihen lichter. Neues hat hier seit 100 Jahren fast niemand gelernt. AAG und Waldorf-»Bund« verwalten hilflos ihren spiri­tuellen Stillstand. Offen bleibt, welche der pro- oder antiwestlichen Fraktionen sich mittelfristig behaupten können – oder ob die Bewegung in ihre ­Bestandteile zerfällt.