Verónica Gago, Sozialwissenschaftlerin, im Gespräch über Feminismus in Argentinien

»Der 8. März 2017 war eine Zäsur«

Das feministische Organisationskollektiv »Ni una menos« (Keine Frau weniger) setzt sich gegen Frauenmorde und sexualisierte Gewalt in Argentinie ein. Die Publizistin Verónica Gago ist Mitglied des Kollektivs und hat mit »Jungle World« über feministische Kämpfe in Argentinien gesprochen.
Interview Von

Unter dem Motto »Nosotras Paramos« (Wir halten an) – mit gleich­namigem Hashtag – rufen Frauen in Argentinien und anderen la­teinamerikanischen Ländern zu einem Streik am Internationalen Frauentag am 8. März auf. Im vergangenen Jahr haben an der Demonstration in Buenos Aires rund eine halbe Million Frauen teilgenommen. Ist das überhaupt noch zu toppen?
Die Demonstration im vergangenen Jahr war wirklich sehr beeindruckend. Der 8. März 2017 war eine Zäsur für die feministische Bewegung und ihre Mobilisierungskraft. In über 50 anderen Ländern gab es Aktionen. Aber in Argentinien begann mit diesem Streik der Frauen auch eine verstärkte staatliche Repression. Viele Demonstrant­innen wurden an diesem Tag willkürlich von der Polizei festgenommen. Die letzten Verfahren gegen sie wurden erst vor wenigen Wochen ein­gestellt.

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Hat die Regierung des rechtskonservativen Präsidenten Mauricio Macri nicht auch bei anderen Gelegenheiten im vergangenen Jahr versucht, soziale Proteste zu unterdrücken und zu kriminalisieren?
Ja, wir sind deshalb natürlich sehr besorgt und werden alle Vorsichtsmaßnahmen für die Teilnehmerinnen treffen. Aber die Einschüchterung beschränkt sich nicht auf repressive Gewalt. Seit einigen Wochen ist die Plaza de Mayo, der Platz vor dem Regierungsgebäude, eingezäunt – zunächst vollständig, seit einiger Zeit nur noch teilweise. Begründet wird das mit dringenden Renovierungsarbeiten. Wie lange die dauern werden, ist völlig offen. Dieses Vorhaben hat höchstwahrscheinlich eine politische Intention, denn große Demonstrationen wie die unsere gehen oft vom Kongressgebäude zur Plaza de Mayo. Wir halten an dieser Route fest.

Wie hat sich die feministische Bewegung insgesamt in Argentinien im vergangenen Jahr entwickelt?
Vom 8. März 2017 bis heute stand nichts still. »Ni una menos« und andere feministische Gruppen waren an verschiedenen Orten im ganzen Land aktiv und haben sich in gesellschaftliche Auseinandersetzungen eingemischt. Wir haben uns zum Beispiel mit den entlassenen Arbeiterinnen der Pepsi-Fabrik solidarisiert, die vor dem Kongressgebäude ein Protestcamp errichtet hatten. Es gab ein Treffen in der Stadt El Bolsón im Süden des Landes, um der Kriminalisierung der sozialen Proteste der indigenen Mapuche entgegenzutreten. Und wir sind nach Jujuy gereist, in den Norden des Landes, um dort für die Freilassung Milagro Salas, einer politischen Gefangenen, einzutreten. (Die Anführerin der Selbsthilfe­organisation Tupac Amaru und gewählte Abgeordnete des internationalen Parlaments des Mercosur war im Januar 2016 wegen angeblichen Betrugs, krimineller Verschwörung und Unterschlagung verhaftet worden, Anm. d. Red.)

 

»Widerstand kommt vor allem von ­Seiten der katholischen Kirche, die in Lateinamerika weiterhin sehr präsent ist. Sie warnt vor den Gefahren der "Gender-Ideologie". Diese Position schlägt sich etwa bei Kampagnen gegen die Sexualerziehung in Peru ­nieder, in der die konservative Rechte unter dem Motto "Nicht mit meinen Kindern" mobilmacht.«

 

Das lässt sich alles unter dem Dach des Feminismus verbinden?
Dem Feminismus in Argentinien ist es gelungen, ein Netz an Verbindungen herzustellen – weil er sich selbst verändert hat. Feminismus ist nicht mehr, wie er es viele Jahre lang war, ein thematisch eher begrenzter Aktivismus, der sich vor allem in der Mittelschicht und in akademischen Kreisen artikuliert, sondern er hat es geschafft, diese Begrenzung aufzubrechen und zu einer übergreifenden Angelegenheit zu werden – was die sozialen Klassen betrifft, die Organisationen und Einzelpersonen, die darin involviert sind. Er ist auch generationenübergreifend. Junge Frauen machen hier ihre ersten politischen Erfahrungen, und gleichzeitig sind gestandene Frauen beteiligt, die seit vielen Jahren politisch organisiert sind und jetzt im Feminismus politische Orientierung und ein besseres Verständnis ihrer eigenen Lebensrealität finden.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Feministische Kämpfe haben sich eng mit den Anliegen der Menschenrechtsbewegung verknüpft: bei den Protesten gegen das Gerichtsurteil, wonach Strafen von Tätern der Militärdiktatur unter bestimmten Umständen verkürzt werden sollten; als im August der Menschenrechtler Santiago Maldonado nach Auseinandersetzungen zwischen Polizei und indigenen Mapuche verschwand; und wenige Monate später, als der junge Rafael Nahuel, der sich für die Rechte der Mapuche einsetzte, bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde. In diesen neuen Kämpfen für Gerechtigkeit spielt der Feminismus eine entscheidende Rolle. Es gab sehr bewegende Szenen. Nora Cortiñas, eine der Madres de la Plaza de Mayo (Frauen, die sich für die Aufarbeitung der Verbrechen der Militärdiktatur einsetzen, Anm. d. Red.) der ersten Stunde, sagte zum Beispiel: Jetzt endlich bin ich Feministin geworden.

Geht es Ihnen da ähnlich? Sie waren ja in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in verschiedene soziale Bewegungen involviert. Waren Sie immer schon zu allererst Feministin?
Ich hatte zwar immer viel mit kollektiven Formen der Organisation zu tun, mit sozialen Bewegungen, aber der Feminismus war darin nicht sehr präsent, obwohl ich mich natürlich mit Geschlechterfragen auseinandergesetzt habe. Aber das eher auf theoretischer Ebene, in Form von Texten und in Diskussionen. Das erste Mal, dass ich dem auch eine gesellschaftsverändernde Kraft zugesprochen habe, war beim Encuentro Nacional de Mujeres – dem Nationalen Frauentreffen. Diese Veranstaltung gibt es bereits seit über 30 Jahren und sie war ein wichtiger Vorläufer der Bewegung von heute. Ab dem Jahr 2003 nahmen an diesen Treffen auch Piqueteras teil, also Frauen aus der Arbeitslosenbewegung. Von da an veränderte sich die soziale Zusammensetzung stark und die Frauentreffen bildeten den Ausgangspunkt für ein Netzwerk von Frauen aus verschiedenen Bewegungen.

Beim Nationalen Frauentreffen im Oktober 2016 in der Stadt Rosario wurde dann auch der erste Frauen­streik beschlossen?
Ja, nämlich als parallel zum Treffen eine Frau in Mar del Plata brutal ermordet wurde. Bei einer Versammlung haben wir unserer Trauer und Wut Luft gemacht und beschlossen: Jetzt reichts, am 19. Oktober wird gestreikt! Viele Compañeras, die nicht in Rosario dabei waren, haben uns für verrückt erklärt, einen Streik innerhalb von nur einer Woche organisieren zu wollen. Aber wir waren überzeugt davon, dass das machbar ist, wenn wir alle Hebel in ­Bewegung setzen. Tatsächlich haben sich innerhalb kürzester Zeit Gewerkschaften und verschiedene gesellschaftliche Gruppen zusammengeschlossen – und der Streik wurde nicht nur in Argentinien, sondern auch in vielen anderen Ländern umgesetzt. Das war ein qualitativer Sprung in der Bewegung »Ni una menos«. Denn wir haben gezeigt, dass wir nicht nur Opfer sind, die über ermordete Frauen trauern. Wir haben auch eine Strategie.

Heute ist »Ni una menos« Teil einer sehr erfolgreichen weltweiten feministischen Bewegung. Sie streitet für das Recht von Frauen auf körperliche Unversehrtheit, kämpft gegen Frauenmorde und für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Welche gesellschaftlichen Kräfte lehnen Ihre Forderungen ab?
Widerstand kommt vor allem von ­Seiten der katholischen Kirche, die in Lateinamerika weiterhin sehr präsent ist. Sie warnt vor den Gefahren der »Gender-Ideologie«. Diese Position schlägt sich etwa bei Kampagnen gegen die Sexualerziehung in Peru ­nieder, in der die konservative Rechte unter dem Motto »Nicht mit meinen Kindern« mobilmacht.

Also heißt es: Weiter streiken, auf die Straße gehen und für die Rechte der Frauen kämpfen?
Genau! Dabei wird der Feminismus überall in Bezug gesetzt zu aktuellen lokalen Konflikten. In Argentinien wird sicherlich die Arbeits- und Rentenreform eine Rolle spielen, von der Frauen besonders betroffen sind, da sie öfter prekär oder informell arbeiten. In Bolivien ist es der Protest gegen Minen und extraktivistische Großprojekte. Einer der Orte, der mich besonders beeindruckt, ist Paraguay. Hier sind vor allem Kleinbäuerinnen in die Organisation involviert. Sie protestieren auch gegen die Agrarindustrie, etwa Konzerne wie Monsanto, die ihre Lebensgrundlagen ruinieren.

Was machen eigentlich die Männer am 8. März?
Unser Rat an sie ist, an diesem Tag reproduktive Tätigkeiten zu übernehmen, sich um Hausarbeit, Kinder und bedürftige Angehörige kümmern. Denn der 8. März gehört den Frauen, Lesben, Transpersonen. Alle Männer sollten ihr Möglichstes tun, damit die Frauen diesen Tag vorbereiten und streiken können.