Welche Rolle spielte Max Traeger in der NS-Zeit? Darüber ist ein Streit in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft entbrannt

Der Namensgeber und die Nazis

In der GEW wird über den Namens­geber der hauseigenen Stiftung gestritten. Denn Wissen­schaftler bewerten Max Traegers Rolle während der NS-Zeit höchst unterschiedlich.

Was derzeit in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) heftig und kontrovers diskutiert wird, führt zu einer grundsätzlichen Frage: Wie geht man in Deutschland in Zukunft mit den Namen von Straßen, Plätzen, Stiftungen und Vereinen um, die nach Personen benannt sind, die während der Nazizeit öffentlich tätig waren – und zwar nicht als hohe Entscheidungsträger, nicht in der SS, nicht als unmittelbare Täter der NS-Verbrechen? »Ganz normale Deutsche«, die während des Nationalsozialismus ihrer Arbeit nachgingen und sich nach 1945 um den Aufbau der Demokratie verdient gemacht haben. Die sogenannten Mitläufer eben – oder handelt es sich nicht einmal um Mitläufer?

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Über Max Traeger weiß man sicher, dass der 1887 geborene Lehrer nie Mitglied der ­NSDAP war. Auch über eine Mitgliedschaft in der SS oder der SA ist nichts bekannt. Gesichert ist allerdings, dass er im NS-Lehrerbund (NSLB) organisiert war. Die Stiftung der GEW ist nach ihm benannt – jedoch nicht wegen seines Wirkens während der Nazidiktatur. Als Traeger 1960 starb, galt er als demokratische Instanz, als Integrationsfigur der Gewerkschaft, deren erster Vorsitzender er 1947 wurde. Unbelastet und ein lupenreiner Demokrat sei er gewesen, hieß es lange.

Da der Lehrer und Gewerkschafter aus Hamburg kam, entbrannte dort der Streit über den Stiftungsnamen in der GEW am heftigsten. Zuerst hatten studentische Mitglieder der GEW vor etwa zwei Jahren auf den Namensgeber der Stiftung und seine Mitgliedschaft im NSLB aufmerksam gemacht und die Prüfung einer Umbenennung gefordert. Im Juni vergangenen Jahres erschien dann eine Biographie von Hans-Peter de Lorent im Beltz-Verlag, in der dieser zu dem Ergebnis kam, dass Traeger »sich während der zwölf Jahre der NS-Herrschaft mit anderen Nazigegnern regelmäßig konspirativ« getroffen habe. Diese positive Einschätzung befeuerte den Streit nochmals erheblich. Neben der Feststellung de Lorents, Traeger sei Mitglied eines oppositionellen Untergrundvorstands und somit Teil des Widerstands gegen die Nazis gewesen, konzentrierte sich die Auseinandersetzung vor allem auf Traegers Rolle in der Hamburger Bürgerschaft und bei der Gleichschaltung der Bildungsgewerkschaften sowie seine Mitgliedschaft im NSLB. Die Erziehungswissenschaftler Benjamin Ortmeyer und Micha Brumlik gaben daraufhin ebenfalls im Beltz-Verlag das Buch »Max Traeger – kein Vorbild. Person, Funktion und Handeln im NS-Lehrerbund und die Geschichte der GEW« heraus.

»Ich sehe in den vorhandenen Dokumenten kein einziges, das für die These eines Untergrundvorstands spricht. Ich glaube, dass de Lorent Traeger hier zum NS-Gegner erklärt, ohne Hinweise dafür zu haben. Solche Treffen gab es häufiger in bürgerlichen Kreisen. Man hat sich mit denen getroffen, mit denen man vor 1933 befreundet war. Mit Widerstand hat das nichts zu tun. Für mich ist Traeger eher jemand, der mitgemacht und geschwiegen hat«, sagt Stefan Romey der Jungle World. Er hat zusammen mit Bernhard Nette den Hauptaufsatz in Ortmeyers und Brumliks Band verfasst und verweist darauf, dass der einzige Hinweis auf einen Untergrundvorstand von einem Kollegen Traegers stamme, der nach 1945 Anekdoten erzählt habe. Weitere stichhaltige Belege lassen sich demnach in den Quellen nicht finden.

Doch dass Traeger nicht am Widerstand beteiligt war, lässt aus ihm noch keinen willfährigen Mitläufer oder gar Nazi werden. Als Nazi tituliert ihn ohnehin niemand. Aber was war Traeger dann? Ein umtriebiger oder ein eher passiver Mitläufer? Oder vollkommen unbescholten?

Traeger saß in der Weimarer Zeit für die linksliberale Deutsche Demokratische Partei in der Hamburger Bürgerschaft, die sich 1930 in Deutsche Staatspartei (DStP) umbenannte. Nach der Machtübernahme der Nazis im ­Januar 1933 war er als Bürgerschaftsabgeordneter Mitglied einer von der ­NSDAP geführten Koalition und blieb dies bis zur endgültigen Auflösung der Bürgerschaft im Oktober desselben Jahres. »Das war eine vergleichsweise kurze Zeit. Es gab bis zur Auflösung noch drei Bürgerschaftssitzungen. Es gibt Dokumente, die belegen, dass Max Traeger nach kurzer Zeit gesehen hat, wohin die Reise führt. Dass er sein Mandat wahrgenommen hat, halte ich nicht für verkehrt. Aus meiner Sicht ist es völlig unstrittig, dass Traeger ein Nazigegner war«, sagt de Lorent im Gespräch mit der Jungle World. »Die DStP wurde gedrängt, in der Regierung zu bleiben, um ein Mindestmaß an ­Sicherheit und Kontinuität in der Verwaltung Hamburgs zu gewährleisten. Es gab die weitverbreitete Meinung, dass die Nazis sich nach kurzer Zeit blamieren und nicht mehr weiterregieren würden. Ein Trugschluss, wie man heute weiß – aber damals wusste man es noch nicht.«

Romey sieht dies anders: »Traeger teilte wie viele Politiker der damaligen Zeit die Ansicht, dass man durch Mitmachen etwas verändern könne. Die Geschichte hat bewiesen, dass das nicht funktioniert hat. Aber ihn im Nachhinein zu jemandem zu stilisieren, der dagegen oder gar Opfer war – das halte ich für falsch.« Romey verweist auf andere Mitglieder der Bürgerschaft, die nach der Machtübernahme ihr Mandat niederlegten. Zudem seien in der Zeit, in der Traeger sein Mandat noch wahrgenommen habe, die Abgeordneten der KPD und SPD längst verhaftet gewesen.

Zudem finden sich Belege aus dem Jahr 1933 für die aktive Mitwirkung Traegers bei der Gleichschaltung des demokratischen Lehrervereins »Ge­sellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens« und dessen Eingliederung in den NSLB. Doch was war die Motivation? »Der Prozess der Gleichschaltung war kompliziert. Die Lehrergewerkschaften versuchten 1933, dass Curio-Haus in Hamburg und die sozialen Kassen zu retten. Darum hat die alte ›Gesellschaft der Freunde‹ Max Traeger und zwei andere Kollegen beauftragt, mit dem NSLB zu verhandeln. Traeger hat für die ›Gesellschaft der Freunde‹ gehandelt und für mich ist es sein Verdienst, dass zumindest bis 1937 das Curio-Haus und die sozialen Kassen gerettet wurden. Und Traeger ist nicht aktiv in den NSLB eingetreten. Er wurde übernommen«, sagt de Lorent.

Diese Argumentaion ist für die Kritiker nicht nachvollziehbar. Ihnen zufolge war das Curio-Gewerkschaftshaus bereits ab 1933 einzig und allein die Wirkungsstätte des NSLB. Auch von einem unschuldigen »Übernommenwerden« in den NSLB sind sie nicht überzeugt. »Auf die sozialen Kassen konnten nur Mitglieder des NSLB zugreifen. Juden beispielsweise war der Zugriff nach ihrem Ausschluss nicht mehr möglich. Traeger trägt ein gerüttelt Maß Schuld daran, dass es so gekommen ist. Er hat alle Pläne der Nationalsozialisten zur Umgestaltung der Gewerkschaften mitgetragen und ist insofern mitverantwortlich«, sagt ­Romey.

Für die Zeit nach 1933 lässt sich Traegers Wirken nicht schlüssig rekonstruieren. Es gibt keinerlei gesicherte Erkenntnisse darüber, wie und wo er die zwölf Jahre der Nazidiktatur lebte und arbeitete. Er war höchstwahrscheinlich weiterhin als einfacher Lehrer im Dienst, doch finden sich keine Hinweise mehr auf eine Funktionärstätigkeit.

Der Streit über Traeger und die Frage nach der Bewertung seiner Rolle während der NS-Zeit weisen weit über die GEW hinaus. Denn es stellt sich allgemein die Frage, ab welchem Grad der Einbindung in NS-Organisationen, ab welchem organisatorischen Rang und mit welcher Art Tätigkeit eine Person dazu beigetragen hat, die NS-Herrschaft und ihren Apparat zu stabilisieren. Die GEW hat Historiker mit der weiteren Erforschung von Traegers Vita beauftragt. Das abschließende Urteil könnte auch für andere Namensgebungen in Deutschland richtungsweisend sein.