Notizen aus Neuschwabenland, Teil 26

Deutscher Anstand

Notizen aus Neuschwabenland, Teil 26: Die Debatte über Uwe Tellkamps Tiraden und eine »gemeinsame Erklärung« rechter Meisterdenker

NSLGeht es um die Bedrohung des »Eigenen«, läuft der deutsche Geist zur Hochform auf. Er glaubt ja, sonst nicht viel zu haben. Das zeigte sich jüngst wieder, als der Dresdner Romancier Uwe Tellkamp vor bürgerlichem Publikum ein wenig den Lutz Bachmann gab und sich von Flüchtlingen und Gutmenschen überrannt fühlte. Groß war die Empörung, als er in den Tagen darauf öffentlich Widerspruch zu erdulden hatte. Nachdem sich der Suhrkamp-Verlag von den Ressentiments seines Autors distanziert hatte, schien gar die Redefreiheit in Gefahr. Das Rechte, wusste man in den Feuilletons, müsse doch in den Diskurs integriert, ausgehalten werden können, ohne gleich als rechts zu gelten. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) wollte seltenes Kulturgut seines Freistaates schützen und sprach von einer »Stigmatisierung« Tellkamps.

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Unmittelbar nach Tellkamps Tiraden hatte sich aus den Sitzreihen des Dresdner Kulturpalastes auch der anwesende Götz Kubitschek zu Wort gemeldet. Dieser leitet den neurechten Antaios-Verlag, und auch mit ihm meinen manche, reden zu müssen, um die Gefahr von rechts zu bannen. Kubitschek freilich bewies erneut, wie egal ihm die Integrationsangebote sind. Er betete sein Mantra von der heilsamen Krise herunter, sprach von einem »Riss« in der Gesellschaft, der noch vertieft werden müsse. Sein Prinzip, so erläuterte er anschließend auf dem Blog seines Magazins Sezession, sei die »Revolte für den Staat, die Revolte für die Ordnung« (Hervorhebung im Original).

Motive, die Tellkamp übrigens vertraut sein müssen. 2005 hatte er für seinen Roman »Der Eisvogel« einen Protagonisten als »konservativen Revolutionär« konstruiert. Umgekehrt kennt Kubitschek die spezifische Dresdner Melange nicht erst seit Pegida. Sein Verlag veröffentlichte 2014 »Hirnhunde«. Der Roman, von dessen Urheber nur das Pseudonym »Thalheim« bekannt ist, griff dem Geschehen fiktiv vor: Dresdner Flüchtlingsabwehr gegen mörderische Gutmenschendiktatur, gepaart mit Selbstmitleid und ostdeutscher Provinzialität. Allerdings ging es in dem Buch noch gegen Roma und nicht gegen Muslime.

Von Tellkamp war an diesem Abend also kein Widerspruch gegen Kubitschek zu erwarten. Seine Fans nahmen zudem jede Gegenrede zum Anlass, über Gesinnungsdiktatur und »Meinungskorridore« zu klagen. Weite Teile des Feuilletons fürchteten, Tellkamps Bücher könnten auf Scheiterhaufen aus differenzierenden Antworten auf dessen Ausfälle verbrannt werden. Also fast wie bei den Nazis. Es galt, die Freiheit des Künstlers zu schützen, nicht von anderen Einschätzungen der Lage behelligt zu werden!

Kurze Zeit später tauchte der Name Tellkamps an der Spitze einer »gemeinsamen Erklärung« auf, die sich mit allen solidarisierte, die »friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird«. Die Liste der Unterzeichner war ein Who’s who der hauptberuflichen »Konsensstörer« des Landes. Neben Tellkamp fand sich das halbe Feuilleton der nationalkonservativen Wochenzeitung Junge Freiheit, mitsamt ihrem Chefideologen Karlheinz Weißmann sowie Chefredakteur und Geschäftsführer Dieter Stein. Hinzu kamen Großdenker wie Thilo Sarrazin, Henryk M. Broder, Cora Stephan, Eva Herman, Jörg Friedrich, Matthias Matussek et cetera. Verantwortlich zeichnete die Ex-Grüne-Ex-CDU-Bundestagabgeordnete Vera Lengsfeld.

Die Website der »Erklärung« zeigt als Titelfoto ein Bild des »Berliner Frauenmarsches« vom Februar, der ein Fanal des rechten Feminismus setzen sollte und passenderweise mehrheitlich von Männern besucht wurde. Auf dem Bild wurde allerdings recht schnell die Neonaziaktivistin Katja Kaiser identifiziert. Kaiser war auch als Unterstützerin der Angeklagten im Prozess gegen die Freitaler Terrorzelle bekannt geworden, was den Begriff der Gewaltfreiheit im Aufruf ein wenig hinterfragbar macht. Unklar blieb indessen, warum der Name von Kubitscheks Ehefrau Ellen Kositza erst auf der Liste auftauchte und kurz darauf wieder verschwand. Eine Intervention von Mitunterzeichnern wäre nicht verwunderlich. Kositza ist schon aufgrund ihrer ätzenden Art auch in den eigenen Reihen nicht nur wohlgelitten. Wie sie selbst einmal schrieb, begann ihre jahrelange Odyssee durch fast jeden Winkel der äußersten Rechten einst mit der Lektüre des NS-Philosophen Alfred Rosenberg.

Ihre offensichtliche Neigung zu Härterem lässt sich mitunter schwer kaschieren. In der Sezession, der Hauszeitschrift ihres Gatten, darf sie über Garten und Kinder schreiben, mitunter dilettiert sie in Literaturkritik. Sie hätte ganz gut in die Liste und unter das Bild gepasst, doch offensichtlich störte sie. Jedenfalls hielt sich ihr Name nur wenige Stunden auf der Website, bis er wieder verschwand. In einem anderen Fall wäre das ein Skandal gewesen, doch diesmal gab es keinen Aufschrei in einem Milieu, das sonst überall Zensur wittert.

Unter der Erklärung fand sich auch der Name Michael Klonovsky. Der frühere Focus-Redakteur und heutige Referent des AfD-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Alexander Gauland hatte erst jüngst unmissverständlich klargemacht, was es hierzulande heißt, ein Rechtsintellektueller zu sein. Als Antwort auf eine Kritik des Journalisten Alan Posener schrieb Klonovsky, man könne »nicht jahrzehntelang Posener heißen und dabei anständig geblieben sein«. Ein launiger Verweis auf die berüchtigte Posener Rede Heinrich Himmlers 1943, in der der »Reichsführer SS« seinen Offizieren attestiert hatte, auch während der Ermordung Tausender Juden noch Haltung bewahrt zu haben: »Dies durchgehalten zu haben und dabei anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht.« Alan Posener, dem Klonovsky hier mit Himmlers »Anstand« zu Leibe rückt, ist Sohn eines 1933 aus Deutschland emigrierten Juden. Der deutsche Geist, er hat tatsächlich nicht viel.