Dovid Katz, Linguist, über die Gleichsetzung von Shoah und sowjetischer Besatzung im Baltikum und in Osteuropa

»Ein systematischer Versuch, die Geschichte umzuschreiben«

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Was treibt den litauischen Revisionismus an?
Einige im ultranationalistischen Establishment hängen Ideen der ethnischen Reinheit an. Im Grunde muss man nicht sehr tief kratzen, um eine bleibende Bewunderung für den Hitlerismus zu finden und den spezifisch osteuropäischen Antisemitismus.

Aber vor allem wird eine antisowjetische nationale Geschichtsdeutung propagiert, die die dunkleren ­Flecken der Geschichte verschleiert. Fast alle osteuropäischen Holocaust-Täter waren antisowjetisch. Wenn man davon ausgeht, dass jeder, der 1941 gegen die Sowjets kämpfte, am glorreichen Freiheitskampf für das Vaterland beteiligt war, dann waren all die Mörder große Patrioten, nach denen man Straßen benennen sollte.

Glauben Sie, im Westen ist man sich der Bedeutung des Revisionismus in Osteuropa ausreichend bewusst?
Es werden viele Ressourcen darauf verwendet, dass es den Menschen dort nicht bewusst wird. Die osteuropäischen Regierungen fördern Konferenzen, sie laden Historiker und führende jüdische Persönlichkeiten ein, geben ihnen ­Medaillen, Preise, Förderungen für ihre Forschung – alles, um ihre eigene Interpretation der Geschichte international zu legitimieren. Selbst Israel, das die diplomatische Unterstützung der osteuropäischen und der baltischen Staaten braucht, zum Beispiel bei den Vereinten Nationen, macht da mit.

Welche Rolle spielen Geopolitik und der Konflikt mit Russland?
Neokonservative aus den USA etwa unterstützen diese Geschichtspolitik, weil sie darin eine Waffe gegen Russlands Revanchismus sehen. Argumentiert wird, die Sowjetunion und Nazi-Deutschland seien Verbrecherstaaten gewesen, aber Deutschland habe diese Verbrechen anerkannt und Reparationen gezahlt, Russland hingegen nicht. Putins Russland feiert die imperiale sowjetische Geschichte sogar.

Doch es war die sowjetische Armee, die mit den Alliierten den Faschismus besiegt hat. Ohne die Sowjetunion hätte kein Jude in Osteuropa den Krieg überlebt. Viele sagen, Wladimir Putin instrumentalisiere diese Geschichte heute als Teil seiner Propaganda. Ich bin auch der Meinung, dass wir uns gegen die heutige russische Regierung stellen müssen. Aber man bekämpft nicht dieses Übel, indem man ein historisches Übel leugnet, oder sogar ultranationalistische Ideologien rehabilitiert, die in der Nato und der EU keinen Platz haben sollten.

Es ist sehr schmerzhaft, dass die US-Botschaft in Vilnius seit etwa 2010 unsere Gruppe systematisch als Putinisten diffamiert und versucht, unsere Arbeit zu sabotieren, als würde unsere kleine Bewegung von Kämpfern für die Wahrheit über den Holocaust US-Interessen gefährden. Seit Jahren schon unterstützt die Botschaft Veranstaltungen der litauischen Regierung, die der Gleichsetzung der »roten und braunen« Verbrechen dienen.

Russland und seine Medien wenden ebenfalls den Vorwurf des Revisionismus gegen die baltischen Staaten und die Nato, etwa anlässlich der Veröffentlichung eines Nato-Videos im Sommer 2017, das an litauische antisowjetische Partisanen erinnerte.
Ich verstehe das Problem. Trotzdem: Von Putins unethischer, quasisowjetischer Propagandamaschine erwarte ich nicht viel. Aber vom Westen und den Ländern, die unserer Allianz beitraten, weil sie unsere Werte teilen, erwarte ich mehr. In einem Video Partisanen zu ehren, ohne zu erwähnen, dass viele von ihnen Holocaust-Mörder und Kämpfer für Hitler, Rassisten und Antisemiten waren, ist ein Rückschlag für die Werte der Nato.

Instrumentalisieren viele dieser jungen Nationen ihre Geschichte, um eine ideologische Grundlage für  eine antirussische nationale Identität zu sschaffen?
Ja, aber das ist vor allem eine Agenda der Führungsschichten, sei es an der Regierung, in den Universitäten, den Medien, der Kulturwelt. Die litauische Bevölkerung, die ich zu lieben gelernt habe, braucht das nicht. Ich bin überzeugt, dass die Historiker der Zukunft schreiben werden, dass es nicht nur ­Armut war, die Hunderttausende gut gebildete junge Menschen in die ­Emigration getrieben hat. Die jungen ­Litauer von heute wollen in einer ­offenen Gesellschaft leben, die Meinungsfreiheit wertschätzt – und auch Minderheiten.

Sie haben die Versuche beschrieben – auch über die EU – in Westeuropa ein»Doppelvölkermord«-­Narrativ zu etablieren. Welche Rolle spielt Deutschland dabei?
Es ist ein bisschen enttäuschend, dass Deutschland sich nicht mehr gegen die Doppelvölkermord-Ideologie ausspricht. Das weckt eine gewisse Furcht, dass es einigen deutschen Politikern und Akademikern insgeheim sehr recht ist, dass der Holocaust von anderen ­herabgestuft wird – dass der Historikerstreit in Europas Osten sozusagen ­immer noch nicht entschieden worden ist.
Zur deutschen Botschaft hatten wir bis vor kurzem noch eine gute Beziehung. Vielleicht liegt es am neuen kalten Krieg mit Russland, dass sie sich jetzt zurückgezogen hat.

Wie äußert sich das?
In ihrem Schweigen. Im Jahr 2018 soll der Anführer einer pronazistischen Miliz geehrt werden. Was wäre denn so schlimm daran, wenn die deutsche Botschaft sagen würde, »als wahre Freunde Litauens können wir diese Entscheidung nicht unterstützen«?
Dadurch, dass Deutschland zusieht, wie die Nationalisten in Osteuropa die Doppelvölkermord-These benutzen, um den Holocaust zu verharmlosen, lässt Deutschland auch eine Verharmlosung seiner eigenen Geschichte zu.