50 Jahre nach dem Attentat – was bleibt von Rudi Dutschke?

Dutschke und das Attentat

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Dutschke – der Name zieht noch ­immer, wenn auch eher die älteren ­Semester. Im Januar 2018 lud Rudi Dutschkes Witwe Gretchen in einen Club in Berlin-Kreuzberg zu einer ­Lesung. Der Altersdurchschnitt im Raum ließ sich an der hohen Anzahl an Digitalkameras ablesen, Smartphones scheinen bei Vertretern dieser Jahr­gänge noch nicht sehr verbreitet zu sein. Gretchen Dutschke hat ein neues Buch im Gepäck: »1968. Worauf wir stolz sein dürfen«. Die Lesung wird immer wieder von einer Band unter­brochen, die Bewegungsklassiker wie »Sag mir, wo du stehst« und »Roter Wedding« spielt. Irgendwann gibt Gretchen Dutschke die Antwort auf die in ihrem Buchtitel gestellte Frage: Im linken Lager sei es wegen der national­sozialistischen Vergangenheit tabu, stolz auf Deutschland zu sein. Doch andersrum werde ein Schuh draus: »Gerade weil in den letzten 50 Jahren über Hitler, den Holocaust und die Deutschen so erbittert und ausdauernd diskutiert wurde, konnten diese Schrecken der Vergangenheit zum Ausgangspunkt einer umfassenden Demokratisierung der Gesellschaft werden. Eine Leistung, an der die 68er großen Anteil haben. Und darauf darf man selbst­redend stolz sein.«

Damit schreibt Gretchen Dutschke fort, was ihr Mann Rudi schon in den siebziger Jahren dachte. Nachdem er sich von dem Attentat erholt hatte, ­beklagte er in einer Artikelserie, dass die westdeutsche Linke die »nationale Frage« vernachlässige. Im Deutschen ­Allgemeinen Sonntagsblatt schrieb Dutschke 1977: »Unter solchen Bedingungen fängt der linke Deutsche an, sich mit allem möglichen zu identifizieren, aber einen Grundzug des kommunistischen Manifestes zu ignorieren: Der Klassenkampf ist international, in seiner Form aber national.«

Frühere Mitstreiter Dutschkes in der APO wie Bernd Rabehl, Horst Mahler oder Reinhold Oberlercher sind mittlerweile seit Jahren in neonazistischen Kreisen aktiv. Ob Dutschke am Ende einen ähnlichen Weg eingeschlagen ­hätte oder der »Genscher der Grünen«  geworden wäre, muss Spekulation bleiben. 1979 starb er an den Spätfolgen des Attentats, heute wäre er 78 Jahre alt.

Nach der Lesung signierte Gretchen Dutschke einige Bücher, der Verkauf lief gut. Der Jungle World sagte sie, die Schauplätze von 1968 hätten für sie nur noch historische Bedeutung. Aus dem Kurfürstendamm mache sie sich sonst nichts. Sie wohne in einem ­Frauenwohnprojekt in Friedrichshain, im ehemaligen Ostteil der Stadt. Am Ende stand sie mit einem Alt-Hippie neben der Bühne und plauderte. Der Hippie will eine neue APO gründen. Gretchen Dutschke fand die Idee gut, wirkte aber erschöpft. Der Abend in Kreuzberg war lang.

Besuch am Springer-Hochhaus, ein halbes Jahrhundert nach dem Attentat. Mittlerweile heißt die Kochstraße an dieser Stelle anders: Rudi-Dutschke-Straße. Die Tageszeitung Taz, im ­weitesten Sinne eine publizistische Nachfolgerin von Studentenbewegung und APO, hatte die Umbenennung ­vorgeschlagen, der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg den Vorschlag auf­gegriffen. Die CDU war schwer empört und der Springer-Konzern klagte da­gegen. Doch kurz nach dem 40. Jahrestag des Attentats wurde das neue ­Straßenschild angebracht. Seither kreuzen sich Rudi-Dutschke- und Axel-Springer-Straße an der Ecke des Springer-Hochhauses. Eine Kreuzung von hohem symbolischen Wert – nicht nur, weil die Rudi-Dutschke-Straße Vorfahrt hat. Vor dem Gebäude stehen Büsten von Helmut Kohl, George Bush ­senior und Michail Gorbatschow, um sie für ihre Verdienste um die deutsche Wiedervereinigung zu ehren. Dutschke passt da auf seine Art gut dazu. Zeit seines Lebens lehnte er die Teilung Deutschlands ab. Schon 1961 versuchte er eigenhändig, ein Teilstück der Ber­liner Mauer einzureißen.