Platte Buch - Lize Spit: »Und es schmilzt«

Nichts ist vorbei

Kolumne Von

Heimkehren ist mitunter keine leichte Sache. Und man kennt sie ja auch reichlich aus dem Fernsehen, der Literatur, dem Leben: Menschen, die zu ihren Wurzeln zurückkehren, in die alte Dorfgemeinschaft, den »Schoß« der Familie, die einst verlassene Heimat. Dort wieder angekommen, ist nichts mehr wie früher, man fühlt sich umringt von Fremden. Ungelöste Konflikte poppen mit brutaler Macht wieder auf.

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Dass Eva, die Ich-Erzählerin in Lize Spits preisgekröntem Debütroman »Und es schmilzt« heimkehrt nach Bovenmeer, in das Dorf ihrer Kindheit und Jugend, ist mindestens heikel. Möglicherweise auch für die 1988 in Flandern geborene Autorin, die ihren 500 Seiten starken Roman eine »Collage aus Wirklichkeit und Fiktion« nennt, was vermutlich heißt, dass sie ziemlich nah ranmusste an ihre anscheinend nicht sehr lustige Vergangenheit.

Auf einer Autofahrt erinnert sich Eva an den Sommer 2002, einen Sommer überaus schrecklicher Ereignisse, Folgen eines Rätselspiels, das sich Eva gemeinsam mit ihren Freunden Laurens und Pim ausgedacht hatte. Darin geht es um das Aussehen von Mitschülerinnen. Dass dabei Kleidungsstücke fallen, ist nur ein scheinbar harmloser Anfang.

Leicht auszuhalten ist die ebenso detaillierte wie drastische Schilderung sexueller Gewalt nicht, glücklicherweise ist sie nicht pornographisch inszeniert. Leicht auszuhalten ist im Grunde das ganze Buch nicht. Die Figuren – Evas Vater ist suizidal, die kleine Schwester zwangsneurotisch gestört, die Mutter Alkoholikerin – ziehen einen genauso runter wie der katholisch-dörfliche Mief und die Enge der Verhältnisse.  
Die belgische Autorin arbeitet in ihrem Debütroman die heillosen sozialen Dynamiken und emotionalen Desaster psychologisch derart überzeugend heraus und erzählt überdies so spannend – da will man unbedingt dranbleiben. Derweil schmilzt im Kofferraum des Wagens ein großer Eisblock. Eva ist noch nicht fertig mit Bovenmeer.


Lize Spit: Und es schmilzt. S. Fischer, 2017, 512 Seiten, 22 Euro