Der neue Roman von Dennis Cooper: »God Jr.«

Virtuelle Gewalt

Der Autor Dennis Cooper machte in den Neunzigern Furore mit seinen Romanen über Sex und Gewalt. Sein neues Buch behandelt die Trauer eines Vaters um seinen toten Sohn und die virtuellen Welten von Computerspielen.

»Ich bin nicht der Sprecher der Gay Community, ich bin ein Mensch, ein menschliches Wesen. Ich bin ein Künstler, ich erzähle Geschichten.« Das erklärte Bob Mould, Sänger und Gitarrist von Hüsker Dü, Dennis Cooper in einem Interview. Diese Sichtweise gilt auch für den 1953 in Kalifornien geborenen Cooper, der sich ebenfalls nie dazu berufen fühlte, für irgendeine Gruppe zu sprechen. Anders als Bob Mould, dessen Songtexte weniger von offenem homosexuellem Begehren als zurückhaltenden Andeutungen geprägt waren und der sich erst spät als schwul outete, aus Angst vor den Reaktionen der in Teilen homophoben Punkszene, ist Cooper von Beginn an offensiv mit seiner Homosexualität umgegangen. Die Art und Weise jedoch, in der er sie in Kunst übersetzt hat, sorgte immer wieder für Kontroversen. Die Geschichten seiner Romane sind geprägt von drastischer Sexualität, Gewaltphantasien, Drogen und Obsessionen; seine Protagonisten, meist jugendlichen Alters und männlich, sehen sich diesen Dingen ausgesetzt. Wie in »Dreier« etwa, einem 1994 erschienenen Roman voller Anspielungen auf Hüsker-Dü-Songs, der zwei Tage aus dem Leben des Jugendlichen Ziggy erzählt, ein Adoptivsohn zweier sexuell übergriffiger schwuler Väter, der sich in eine Welt aus Punk und Drogen und das Verfassen eines Fanzines über sexuellen Missbrauch rettet.

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»Dreier« ist Teil eines fünfbändigen Romanzyklus, der Cooper berühmt gemacht hat: Die in 17 Sprachen übersetzte Romanreihe »George Miles«. Ausgangspunkt der Bücher war der Selbstmord eines Liebhabers von Cooper, jenem George Miles, mit dem er bereits seit seiner Jugend befreundet war. Eine bipolare Störung, unter der Miles litt, führte die Beziehung der beiden in zahlreiche Abgründe, und eben solche Abgründe stehen im Mittelpunkt der fünf Romane, die trotz der Inspiration aus der realen Welt und dem Protagonisten mit Namen Dennis nicht als reine Autobiographie gelesen werden können. »Sprung«, der zweite Band der Reihe, hat dabei wohl die meisten Kontroversen ausgelöst. Cooper erzählt darin die Adoleszenz seines Protagonisten Dennis, der als Jugendlicher eine sexuelle Obsession für eine Reihe von pornographischen Fotografien entwickelt, die einen vergewaltigten und ermordeten jungen Mann zeigen, eine Obsession, die ihn dazu treibt, eigene sexuelle Gewaltphantasien zu entwerfen, die er in Briefen aus den Niederlanden, wohin er schließlich – wie auch Cooper selbst in dieser Zeit – auswandert, Freunden schildert und die große Teile des Buches einnehmen. Trotz dieser Drastik gibt es wohl kaum einen Roman, der intensiver die Einsamkeit des Menschen in Worte gefasst hat. Die jungen Figuren bei Cooper tun sich schwer, sich zu artikulieren, ihre Gefühle entladen sich oft in Gewalt – reale wie herbeiphantasierte –, ihre Sprache ist reduziert auf ein Murmeln und Stottern, ein Sprechen in Zitaten und abgebrochenen Sätzen. Als »verdichtet und klar wie Punksongs« hat Clemens Setz die Romane Coopers einmal treffend beschrieben; und unter noch einem anderen Aspekt sind die Bücher geprägt von der Skepsis des Punk: Sexualität wird bei Cooper anders als bei der Hippie-Generation nicht mehr als Akt der Befreiung verstanden, sondern als Ort der Gewalt, der Machtverhältnisse und der Verwundbarkeit.

 

»God Jr.« behandelt ähnliche Themen wie die meisten anderen Werke Coopers: Der Roman ist eine ergreifende Studie über Tod und Verlust, über Einsamkeit und Trauer.

 

Ins Deutsche waren lange Zeit lediglich die fünf Romane des »George Miles«-Zyklus übersetzt, die bereits seit vielen Jahren vergriffen sind; ins Gespräch geriet Cooper allerdings auch hierzulande noch einmal kurzzeitig im Sommer 2016, als sein über zehn Jahre gewachsener Blog DC’s ohne Vorwarnung von Google vollständig gelöscht wurde und alle Daten – online veröffentlichte Romane, Gastbeiträge, Fotos – dem Urheber nicht ausgehändigt wurden. Nach einem langen Rechtsstreit hat Cooper die Daten mittlerweile zurückerhalten und lädt sie nun nach und nach auf einem neuen Blog wieder hoch. DC’s war wegen angeblichem kinderpornographischen Material gemeldet worden, wie Cooper schließlich erfuhr. Scharf wies er dies zurück und vermutete, dass vielen die Drastik seiner Literatur und die offene Schilderung von Sexualität jugendlicher Homosexueller aufgestoßen sei.

Wenige Jahre vor dieser Kontroverse hat sich Cooper bereits literarisch mit der Frage auseinandergesetzt, was die virtuelle Welt erinnert, wenn ein Mensch aus der realen Welt verschwindet. Während es für die Daten von Coopers Blog lange Zeit so aussah, als seien sie tatsächlich ohne Spuren zu hinterlassen aus der Welt verschwunden, findet der Protagonist des Romans »God Jr.« in der virtuellen Welt Spuren seines Sohnes, der ums Leben gekommen ist. Der Wiener Luftschacht-Verlag hat sich Coopers angenommen und »God Jr.« als ersten von mehreren zur Veröffentlichung geplanten Romanen des mittlerweile in Paris lebenden Autoren ins Deutsche übersetzt. Ein auf den ersten Blick irreführender Einstieg in Coopers Werk, zeichnet sich der Roman doch durch die Abwesenheit von Sex und Gewalt aus, und noch nicht mal schwul sind seine Protagonisten. Und doch behandelt »God Jr.« ähnliche Themen wie die meisten anderen Werke Coopers: Der Roman ist eine ergreifende Studie über Tod und Verlust, über Einsamkeit und Trauer. Und über hilflose Strategien, diesem Zustand zu entkommen, sei es durch Drogen oder Welthass. Die sonst bei Cooper so omnipräsente Sexualität stellt in »God Jr.« noch nicht einmal mehr eine Fluchtmöglichkeit dar, wenn die Protagonisten mal einen Gedanken auf sie verschwenden, so meist nur um zu konstatieren, dass sie keinen Sex haben, haben wollen oder haben können.

Tommy, der Sohn von Jim und Bette, ist in jungen Jahren bei einem Autounfall gestorben, Jim seither von den Beinen abwärts gelähmt. »Ich war zwischen einigen Wrackteilen eingequetscht. Tommy flog durch die Windschutzscheibe. Ich bin so oft an dieser Stelle vorbeigefahren, dass er beinahe ausgelöscht worden ist. Bald wird sein Tod der Bilder entbehren oder auch des größeren Teils einer Geschichte.« Jim war der Fahrer des Wagens, er fühlt sich schuldig und kompensiert diese Schuld damit, dass er auf seinem Grundstück ein riesiges Denkmal bauen lässt, ein Monument, dessen Entwurf er in Skizzen seines Sohnes gefunden hat. Als er realisiert, dass das Bauwerk nicht der Phantasie seines Sohnes, sondern einem Nintendo-Videospiel entstammt, weswegen er schließlich auch von dem Konzern wegen Diebstahl geistigen Eigentums verklagt wird, verliert er sich im Drogenrausch und in den virtuellen Welten des Spiels. Wie sein Sohn schlüpft er in den Character eines Bären, auf der Suche nach Spuren, die sein verstorbenes Kind in dem Spiel hinterlassen haben könnte. Erst hier, jenseits der Realität, fühlt er eine Verbundenheit mit seinem Sohn, die er zu seinen Lebzeiten nicht zu spüren vermochte. In den Diskussionen mit anderen Figuren im Spiel entdeckt er einen Weg, sich dem Tod des Sohnes zu stellen, und erst mit dem Tod seines character und dem Neustart des Spiels findet er zumindest vorerst in sein Leben zurück: »Sagen wir, ich habe gerade die Welt ausradiert und meine dabei nicht zerstört. Sagen wir, als Tommy in jener Nacht starb, hinterließ er ein Geschenk, wie klein auch immer. Sagen wir, er gab mir die Kraft, die Nacht, in der ich ihn getötet und das Spiel durch Missgeschick verloren habe, auszulöschen.«

Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis muss der Bär, der innerhalb der Welt des Spiels als eine Art Gott missdeutet wird, zahlreiche andere Figuren aus dem Weg räumen, bevor er auf einen blutrünstigen Schneemann trifft. So schleicht sich die Gewalt unbemerkt wieder in den Roman ein, eine Gewalt, die sich in erster Linie in der virtuellen Welt entlädt, aber auch hier symbolisch steht für die Einsamkeit und Verlorenheit der Menschen, von denen Cooper erzählt. In »God Jr.« variiert er dieses Thema dadurch, dass er es in eine heterosexuelle Welt verlegt; die Abgründe, die sich für seine Protagonisten durch die Gesellschaft auftun, in der sie leben müssen, sind überall die gleichen. Der Gewalt und dem Druck begegnet Cooper mit seinen von Gewalt und Sex durchsetzten Texten. Dass sich diese Gesellschaft davon provoziert fühlt, ist durchaus Teil des Konzepts. »Hör zu, wenn die Leute es nicht mögen, sollen sie mich am Arsch lecken. Sollen sie doch in der Hölle schmoren«, erklärt Bob Mould in dem bereits zitierten Interview über seine Musik. Und wiederum gilt dies auch für die Literatur von Dennis Cooper.

 

Dennis Cooper: God Jr., Luftschacht Verlag, Wien 2017, 144 Seiten, 18 Euro