Homestory

Homestory #15

Sonne, Vögel, Farben – auf einmal sind sie wieder da. Als seien sie nie weg gewesen und das Normalste der Welt. Von einem Tag auf den anderen fühlen sich die zur zweiten Haut gewordenen Winterklamotten dick, schwer und schmutzig an. Man verstaut sie schnellstmöglich in irgendeiner finsteren Ecke, kramt aus einer anderen das Sommersortiment hervor. In den Parks balancieren die Hippies schon wieder auf Slacklines, diesen Kunstfaserbändern, die zwischen zwei Bäumen aufgespannt werden. An manchen Orten, etwa in der Berliner Hasenheide, kommt man sich bereits nach zwei sonnigen Tagen wie auf einem Slackline-Festival vor.

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Auf der Nachbarwiese sitzt eine Gruppe Männer mittleren Alters um einen Mann mit buschigem grauen Schnauzbart herum. Er singt traurige türkische Lieder in ein Mikrophon. Sein Nebenmann begleitet ihn auf der Bağlama, einem traditionellen Saiteninstrument aus der Türkei, ein anderer auf der Trommel. Ein paar Meter weiter genießt eine Gruppe in die Jahre gekommener Punkerinnen und Punker die warmen Sonnenstrahlen bei kaltem Radler und einem selbstgemischten Getränk aus der Plastikflasche, das auf den schönen Namen «Mäusepisse» hört.

«Entschuldigung, darf ich mal?» fragt ein älterer Herr mit Plastiktüte einen der Alt-Punks und sammelt eine leere Flasche Radler von dessen Picknickdecke. Mit dem Frühling setzt für viele Rentnerinnen und Rentner, prekär Beschäftigte und Hartz-IV-Empfangende wieder die Saison ein. Sie bessern ihre kargen finanziellen Ressourcen durch das Sammeln von Pfandflaschen auf. Für alle, die, wie beim Hartz-IV-Empfang vorgesehen, etwa vier Euro pro Tag für Essen zur Verfügung haben, können schon wenige Stunden des Flaschensammelns eine Verbesserung im Speiseplan bedeuten. Zumal im Falle der Hartz-IV-Empfänger das verdiente Zubrot dem wachsamen Auge des Jobcenters entzogen ist, das regelmäßig die Kontoauszüge kontrolliert, um Zugänge jenseits einer eng gesteckten Grenze von nicht einmal 150 Euro wieder von der Stütze abzuziehen. Insofern ist das heimliche Flaschensammeln sogar ein kleiner, wenn auch kaum besonders erhebender Akt des alltäglichen Widerstands gegen das strenge Hartz-IV-Regime. Eine Statistik darüber, wie viele Hartz-IV-Empfänger betteln oder Pfand sammeln gehen, gibt es nicht. Das Sammeln der Pfandflaschen ist zwar legal, aber dennoch nicht gerne gesehen. Dem Amt gilt es als »private Spendensammlung«, und die muss eigentlich in voller Höhe nachgewiesen werden.

Vielleicht hat sich Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller mit seinem Vorschlag, Arbeitslose Parks säubern zu lassen, ja vom verbreiteten Brauch des Flaschensammelns inspirieren lassen. Wo die Arbeitslosen sowieso schon die Pfandflaschen aufsammeln, könnten sie doch gleich noch ein paar Plastiktüten, Grillreste und sonstigen Müll mitnehmen. Vermutlich bleibt dabei die Möglichkeit, die begehrten Pfandflaschen beiseitezuschaffen, auf der Strecke. Hartz IV abschaffen? Plötzlich scheinen das viele Politiker zu wollen. Doch was kommt dann? Wahrscheinlich ein Modell, in dem wieder ein paar offensichtliche Schlupflöcher im engmaschigen Netz täglicher Kontrolle gestopft sind. Das Prekariat wird sich neue ­suchen müssen – und finden. Denn darin besteht die Dialektik von Herrschaft und Widerstand, die so sicher wiederkehrt wie Sonne, Vögel und Farben im Frühjahr.

Unseren Leserinnen und Lesern bringt der Frühling zudem eine neue Kolumne: Unsere Autorin Svenna Triebler befasst sich darin mit Themen aus den Bereichen Wissenschaft, Verkehr und Ökologie. Den ersten »Laborbericht« können Sie in dieser Ausgabe lesen. Zugleich bedanken wir uns bei Julia Schramm für ihre langjährige Tätigkeit als Kolumnistin.