Punk und Antifolk: Das neue Album von Jeffrey Lewis

Songs gegen die lahmen Wichser

Der New Yorker Singer-Songwriter Jeffrey Lewis verbindet in seiner Musik den Gestus des Punk mit der Melancholie des Antifolk. Sein neues Album ist eine Hommage an den ehemaligen Sänger der Fugs, Tuli Kupferberg, dessen Lieder Lewis gecovert hat.

»I might not be in magazines as a ­heartthrob face, but in a few devoted hearts I’ve found a strong fan base«, singt Jeffrey Lewis im Song »Cult Boyfriend« auf seinem Album »A Turn in the Dream-Songs«. 2011 erschien die Platte, vier Alben und ebenso viele Touren später hat sich an diesem Zustand nicht viel geändert, obwohl Jarvis Cocker den Singer-Songwriter zwischenzeitlich als den besten Texter Amerikas bezeichnet hat. Dank solcher ihm ergebener Herzen kann Lewis seit einigen Jahren immerhin von seiner Musik leben, seine Alben erscheinen abwechselnd – wie in seinen Anfangstagen – in Eigenregie und beim Londoner Label Rough Trade.

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Ende der Neunziger hatte der 1975 geborene New Yorker Musiker, inspiriert von der Antifolk-Szene der Stadt, begonnen, eigene Songs zu schreiben, wie auch auf dem Debüt der Moldy Peaches hört man auf den frühen Aufnahmen von Jeffrey Lewis Busse im Hintergrund vorbeifahren, Lachen und andere Patzer. Perfektion ist nicht das Ideal dieser an Folktraditionen anknüpfenden Bewegung, die dem Folk allerdings mit Humor und dem Punk-Gestus des Do-it-yourself begegnet. Und eigentlich war Jeffrey Lewis bei den berühmten Open-Mic-Sessions im Sidewalk Café ohnehin nur als Sänger aufgetreten, um die Bühne zum Promoten seiner am amerikanischen Underground geschulten Comics zu nutzen. Seine Freunde Adam Green und Kimya Dawson von den Moldy Peaches empfahlen ihn ohne sein Wissen an Rough Trade weiter, wo er prompt unter Vertrag genommen wurde – der sympathische Schrammelsound der Moldy Peaches, von Jeffrey Lewis und anderen schien in seiner »offen dargebotenen Verletzlichkeit«, so Martin Büsser in seinem Buch über Antifolk, nach dem 11. September die Weltlage am unmittelbarsten zu erfassen.

Ihre Songs thematisieren Ratlosigkeit, Traurigkeit und Entfremdung, verweisen sensibel auf die politische Dimension des Alltags und setzen auf zwischenmenschliches Interesse: Die Moldy Peaches haben nach ihren Shows das Publikum umarmt, Jeffrey Lewis hat gesungen: »What’s important is whether you can carry on a human conversation.« Was sie dabei jedoch von der Naivität der Hippies unterscheidet, ist das Wissen darum, dass deren Utopie gescheitert ist, weswegen Antifolk die provokative Ironie von Punk enthält und die Hippie-Idee von Natürlichkeit und Authentizität abwehrt. »My mouth is a liar«, singt in diesem Sinne Adam Green auf seinem Solo-Debüt von 2002.

Solche Reflexion über das Verhältnis von Innerlichkeit, Authentizität und Inszenierung zeichnet auch Jeffrey Lewis aus. Begleitet von einer immer weniger verstimmten Akustikgitarre und gelegentlichen Punkausbrüchen singt Lewis auf den mittlerweile im Studio und mit Band aufgenommenen Alben ohne Pathos und Selbststilisierung von seinem eigenen Leben, von sexuellen Misserfolgen und Liebeskummer, Selbstzweifeln und Selbstausbeutung, ökonomischen Problemen und Zwängen und von der Angst, durch das soziale Netz zu fallen. »I’m in it for the money, is that funny? I’m a working class musician with no funding in my country«, heißt es im Song »Support Tour«, enthalten auf dem Album »Manhattan« (2015).

Neben dieser offenherzigen Fokussierung auf die eigene Künstlerexistenz mit allen Ängsten und Widersprüchen war Lewis immer auch traditionsbewusst. Er bezieht sich we­niger auf die klassischen Folk-Musiker von Joan Baez bis Pete Seeger als vielmehr auf jene New Yorker Tradition, in der eine Boheme-Szene und linke Politik aufeinandertrafen, wie sie für Lewis am deutlichsten der Sänger und Poet Tuli Kupferberg verkörpert: »Tuli kam mir vor wie jemand, der sehr gut auf eins meiner eigenen Familientreffen passen würde – dieser alte Lower-East-Side-Typ, jüdischer Sozialist oder Anarchist, verschrobener Dichter«, erklärt Lewis diese für ihn prägende Boheme-Geisteshaltung in einem Interview. The Holy Modal Rounders, Velvet Underground, David Peel, Silver Apples, Patti Smith, Allen Ginsberg und Richard Hell sind andere Bezugspunkte in Jeffrey Lewis’ pophistorischem Koordinatensystem.

Kupferberg spielt darin jedoch eine besondere Rolle, weswegen Jeffrey Lewis dem 2010 verstorbenen Sänger mit seinem aktuellen Album ein Denkmal gesetzt hat. »Works by Tuli Kupferberg, interpreted (and / or misinterpreted) by Jeffrey Lewis & The Deposit Returners« lautet der vollständige Titel, die Originale zu den darauf enthaltenen 15 Coverversionen hat Kupferberg zwischen 1960 und 2010 geschrieben: Gedichte, ­Solo-Aufnahmen und Songs seiner Band The Fugs, der 1964 gegründeten »ersten Underground-Band«, wie der Musikjournalist Lester Bangs sie einmal genannt hat. Kupferberg, bei Gründung der Band schon über 40, der »älteste Rockstar der Welt«, wie er sich selbst bezeichnete, und der zweite Hauptsongschreiber Ed Sanders, entstammten der ­literarischen Beat-Szene, bevor sie sich als Musiker versuchten, die keinerlei Instrumente ­beherrschten. Sanders war Inhaber eines linken Buchladens und ­Herausgeber der Zeitschrift Fuck You – A Magazine of the Arts, Kupferberg treibende Kraft bei der Liga für sexuelle Freiheit und Autor, der sogar in Allen Ginsbergs berühmtem Gedicht »Howl« mit ­einem Auftritt gewürdigt wurde.

The Fugs seien »Beweis für eine moderne, intellektuelle, urbane Folk-Musikkultur«, so Jeffrey Lewis über die Band, deren Konzept eher an Punk denn an den Folk der Sechziger erinnert: »Wir selbst gaben ­einen Scheißdreck auf das Können, wir gingen nicht auf die Bühne, um große Kunst abzuliefern«, so Kupferberg, eine Ansicht, die Antifolk-­Musiker vierzig Jahre später dankbar aufgegriffen haben. Ebenso wie die konfrontativen, ironisch gebrochenen politischen Interventionen der Band: »I ain’t ever gonna go to Vietnam, I prefer to stay at home and screw your mom«, heißt es da etwa im Song »Doing Alright«. Die Band bestand zunächst bis 1969 und veröffentlichte mehrere Alben in unterschiedlichen Besetzungen, 1984 taten sie sich wieder zusammen und nahmen weitere Alben auf, wieder in der Kernbesetzung mit Ed Sanders und Tuli Kupferberg.

Zum Konzept der Band gehörte auch eine musikalische Aneignung der Cut-up-Methode von William S. Burroughs: Eigene und fremde Textfragmente wurden zusammengefügt, Werbeslogans mit Zitaten von Ezra Pound verknüpft, Folk- und Psychedelic-Elemente ebenso selbstverständlich aufgenommen wie Gospel oder jiddische Folklore. Kupferberg war 1923 in ein Jiddisch sprechendes Elternhaus geboren worden, die jüdische Kulturgeschichte spielt in den Texten der Fugs immer wieder eine Rolle, ebenso wie in den Songs von Jeffrey Lewis, diese »seltsame Mischung aus Pessimismus und ­Optimismus«, wie es Lewis beschreibt. Einer der bekannten Songs der Fugs, »Nothing« von ihrem Debütalbum, erfasst beispielsweise ironisch die Leere des Lebens und fußt dabei auf dem jiddischen Folksong »Bulbes«, der Vertonung eines alten jüdischen Witzes.

»Nothing« findet sich nicht unter den 15 Coverversionen, die Lewis zusammengestellt hat, unter anderem unter Mitwirkung von Peter Stampfel, der schon bei den Fugs Violine gespielt hatte. Kupferbergs ­berühmteste Songs, so Lewis, seien so perfekt, dass es schwierig gewesen wäre, diesen mit einer Neuinterpretation etwas hinzuzufügen. So hat er sich auf eher unbekannteres Material konzentriert, etwa der Beatles-Persiflage »I Want to Hold Your Foot« oder den unveröffentlichten frühen Fugs-Song »What Are You Going to Do After the Orgy?«. Anfang der nuller Jahre waren die beiden Musiker sich begegnet, Kupferberg erkannte in Lewis’ Musik eine Weiterführung seiner ästhetischen Vorstellungen und kurz darauf nahmen die beiden mehrere Songs gemeinsam auf.

Nachdem Kupferberg 2009 zwei Schlaganfälle erlitt und im Jahr darauf starb, hat Jeffrey Lewis Jahr für Jahr ein Erinnerungskonzert für Kupferberg organisiert, auf dem mit dem Fugs-Gründer befreundete Musiker gemeinsam mit den Vertretern einer neuen linken New Yorker Boheme-Generation Songs und Gedichte des Verstorbenen aufführten. Aus dieser Konzertreihe entstand das nun erschienene Album, bereits das zweite Album von Jeffrey Lewis, das sich in Coversongs einem Künstler widmet. 2007 erschien »12 Crass Songs« mit Stücken der britischen Anarcho-Punks, die für jene politische Tradition stehen, in die sich Lewis stellt. Während bei Crass die Musik in erster Linie Beiwerk zu den ernsten, überbordenden Texten über Sexismus, Anarchismus und den Falkland-Krieg war, steht Kupferberg für die zweite Traditionslinie, in der Lewis sich sieht: ein ästhetisches Konzept, in dem Humor und jüdische Tradition, die Beat Generation und die Protestkultur der Sechziger, Folk und Psychedelic miteinander eine fruchtbare Verbindung eingehen. »Wir müssen dagegen ankämpfen, dass lahme Wichser das Uni­versum kontrollieren«, haben die Fugs mal gesagt, und daran arbeitet auch Jeffrey Lewis mit jedem weiteren Album.

 


Jeffrey Lewis: Works by Tuli Kupferberg, ­interpreted (and/or misinterpreted) by Jeffrey Lewis & The Deposit Returners (Don Giovanni Records)