Waldorf- und andere Privatschulen haben trotz fragwürdiger Lehrpläne Zulauf

Spiel nicht mit den Staatsschulkindern

Der Markt für Privatschulen wächst. Vor allem Waldorfschulen werden immer beliebter. Doch dem Wachstum sind Grenzen gesetzt: Auf dem Arbeitsmarkt für Lehrer können die privaten Anbieter nicht mehr mithalten.

160 Euro ist die Grenze. Mehr darf der Besuch einer Privatschule in Deutschland monatlich nicht kosten. Das haben Verwaltungsgerichte mehrfach fest­gestellt, denn obwohl das Recht, seine Kinder auf eine Privatschule zu schicken, als Konsequenz aus der Nazizeit in Deutschland Verfassungsrang hat, gilt auch das Sonderungsverbot: Die Reichen dürfen sich keine Schulen schaffen, auf die die Kinder der weniger Vermögenden nicht gehen können, weil es zu teuer ist. Eine Regel, an die sich niemand hält und die kaum ­jemanden kümmert. Zwischen 170 und 300 Euro kostet ein Platz an einer Privatschule, die ohnehin zum größten Teil vom Staat finanziert wird. Privatschulen sind, was das Geld betrifft, nichts anderes als hochsubventionierte Projekte privater Träger.

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Zumeist handelt es sich dabei um Kirchen, Unternehmen oder Verbände und Initiativen. Die Preise werden kaum kontrolliert. Eine Ausnahme gibt es nur in Rheinland-Pfalz. Dort müssen auch die Privatschulen kostenlos sein, Schul­gebühren sind verboten.

Die Zahl der Privatschulen in Deutschland wächst, aber trotz aller Diskus­sionen über die Probleme an staatlichen Schulen gibt es keinen Boom der Privatschulen. Eine im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) erstellte Studie der Bildungs­forscher Klaus Klemm, Lars Hoffmann, Kai Maaz und Petra Stanat kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Anteil der Schulkinder, die Privatschulen besuchen, in den vergangenen 25 Jahren von 4,8 Prozent auf neun Prozent fast verdoppelt hat. Was zunächst spektakulär klingt, ist es in Wirklichkeit nicht. Auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik ist der Anteil der Kinder, die Privatschulen besuchen, in dem Zeitraum lediglich von 6,1 Prozent auf 8,8 Prozent angestiegen. Für das Wachstum waren vor allem die neuen Bundes­länder verantwortlich, in denen  der Privatschüleranteil, der 1992 noch ­unter einem Prozent lag, bis 2016 auf knapp zehn Prozent angestiegen ist.

Mehr als verdoppelt hat sich in diesem Zeitraum die Zahl der Waldorfschulen. Gab es in der alten Bundesrepublik nur 114 Waldorfschulen, liegt ihre Zahl nach Angaben des »Bundes freier Waldorfschulen« inzwischen bei über 240. Die Schulen orientieren sich an der sogenannten Anthroposophie, den antisemitischen und esoterischen Lehren von Rudolf Steiner, einem der erfolgreichsten Scharlatane der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert (Jungle World 33/2015). Besonders stark vertreten sind sie in Berlin (14 Waldorfschulen), im Ruhrgebiet (ebenfalls 14) und im Großraum Stuttgart mit 25 Waldorfschulen.

In Stuttgart wurde 1919 die erste Waldorfschule der Welt als Schule für die Kinder der Arbeiter der Waldorf-­Astoria-Zigarettenfabrik gegründet. Noch immer besteht in der Stadt ein entsprechendes Lehrerseminar. Im Ruhrgebiet gibt es nicht nur ein Waldorflehrerseminar in Witten, sondern mit der Universität Witten-Herdecke auch eine den Anthroposophen nahestehende Hochschule. Das benach­barte Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke (die erste anthroposophisch ausgerichtete Klinik in Deutschland) und die Zentrale der von vier Anthroposophen gegründeten GLS-Bank ­machen Herdecke, Witten und Bochum quasi zum Bermudadreieck der Steiner-Jünger.

 

Außer esoterischem Unsinn lernte die Berliner Autorin Judith Sevinç Basad nicht viel in der Waldorf­schule: »Es war eher wie in einem Kindergarten.«

 

Oft bauen Elterninitiativen als Reak­tion auf die Schließung kleiner öffentlicher Schulen auf dem Land private Grundschulen auf, um ihren Kindern weite Wege zu ersparen. Doch abge­sehen von dieser Ausnahme, so beschreibt es die FES-Studie deutlich, liegt die Hauptmotivation für Eltern, ihre Kinder auf Privatschulen anzumelden, in der sozialen Zusammensetzung der Schulen. »Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund besuchen deutlich seltener private Schulen; jene aus Elternhäusern, die über einen ­höheren Bildungsstand verfügen und finanziell bessergestellt sind, hingegen erheblich häufiger«, so die Studie. Klientel privater Schulen seien oft Eltern »aus gehobenen Milieus und der bürgerlichen Mitte«, weil sie »für ihre Kinder Milieunähe und Vorteile durch Distinktion suchen«.

Die würden sie freilich auch an einem Gymnasium bekommen. Soziale Segregation ist ein fester Bestandteil des deutschen Schulsystems: 75 Prozent der Schüler an Gymnasien gehören der FES-Studie zufolge bessergestellten Schichten an. Die Verhältnisse auf privaten Gymnasien sehen nicht sonderlich anders aus.

Und doch ist die feinere Gesellschaft an Privatschulen auch für Claudia* und ihren Mann Bernd* ein wichtiger Grund, ihren Sohn Thorben* auf einer Waldorfschule anzumelden: »Thorben ist ein ruhiges, ängstliches und sensibles Kind. Auf einer staatlichen Schule geht es für ihn zu rau zu.« Die beiden seien entgeistert gewesen, als der Kleine mit der Frage aus dem Kindergarten gekommen wäre, was ein Callboy ist. Auch Gewalttätigkeiten seien für sie ein Problem: »Im Kindergarten haben sich die Kinder gegenseitig ­gewürgt. Hauen ist ja noch ok, aber würgen?«