Alles ist besser als Autoverkehr – sogar Leihräder

Utopie auf zwei Rädern

Was diese Gesellschaft braucht, ist die sofortige Einführung des Fahrrad­kommunismus.

Jetzt mal Tacheles: Es gibt wohl wirklich nicht vieles, das am Morgen nervtötender und anstrengender ist, als noch verschlafen in einer überfüllten Bus-, Straßen- oder U-Bahnhaltestelle zu stehen oder, schlimmer noch, vergeblich dort zu warten. Sei es wegen eines falsch geparkten Autos oder eines Zenti­meters Schnee, der den öffentliche Nah- und Fernverkehr so sicher zum Erliegen bringt, dass man es für ein Naturgesetz halten könnte. Umsteigen, ­Rolltreppenfahren, angehustet werden und das Hin- und Hergeschubse zur Hauptverkehrszeit beeinträchtigen den persönlichen Seelenfrieden enorm.

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Also lieber ins Auto steigen? Der motorisierte Individualverkehr ist schlicht ein Menschheitsverbrechen, das eigentlich völkerrechtlich geächtet werden müsste. Auf die Autofahrer und Autofahrerinnen warten verstopfte Straßen. Kopf-, Rücken- und Magenschmerzen, Übergewicht durch das viele Sitzen, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlafstörungen – nicht umsonst warnen Mediziner, dass Pendeln krank machen kann.
Es wird Zeit, aufs Fahrrad umzusatteln. Schon George Orwell hat Fahrradwege in seiner persönlichen Utopie vorhergesehen. Das Fahrrad ist das Schlüsselelement der modernen Stadt: Sowohl als Symbol für Fortschritt wie auch als Transportmittel. Fahrrad fahren bietet das Maximum an unab­hängiger Mobilität. Und mit jedem Umstieg vom Auto aufs Fahrrad werden die Feinstaubwerte etwas besser – bei der hohen Belastung in den Großstädten wohl ein gutes Argument für das Fahrrad.

Für Städte gilt nun folgerichtig, dass sie in die entsprechende Infrastruktur investieren müssen.

Lidl-Bikes, Donkey Republic, Mobike, Byke Mobility verringern Probleme wie Staubildung, vermehrten Ausstoß von Abgasen und Parkplatzmangel in der Stadt. Es sollte noch sehr viel mehr davon geben, ja, das Ziel muss sogar Verdichtung sein. Wer hier über den angeblich überall herumstehenden Fahrradschrott meckert, dem sollte man zuallererst einmal das Auto weg­nehmen.

Würde man das Fahrrad endlich zum schnellsten Transportmittel in der Stadt machen, würden die Menschen es nutzen. Würde man Fahrräder ­kostengünstig – oder noch besser: kostenlos! – in der ganzen Stadt zugänglich machen und ermöglichen, Fahrrad zu fahren, ohne notwendigerweise ­eines besitzen zu müssen, würden die Menschen es nutzen.

Utopie gefällig? Städte sorgen für ein wirklich flächendeckendes Fahr­radverleihsystem, zugänglich und erschwinglich für alle. Mit Hotspots an U-Bahnhöfen und S-Bahnstationen, vor Schulen und Unis, bei den Einkaufszentren und an Parkplätzen, damit auch Pendler und Pendlerinnen auf umweltfreundliche Art und ohne Staus in die Stadt gelangen.

Als Leihräder gibt es auch Erwachsenendreiräder, um alten Menschen und Menschen mit Behinderungen, die Angst vor Stürzen und Verletzungen haben, eine Alternative zu bieten und ihnen zu ermöglichen, am Fahrrad­verkehr teilzunehmen. Mobil zu sein, ist ein menschliches Grundbedürfnis und gleichzeitig Bedingung sozialer Teilhabe in der Gesellschaft.
Warum denn nicht?

Sicherlich, zuallererst müssten sich die Städte überhaupt einmal fahrradfreundlich entwickeln und eine solide und eigenständige Grundlage für ein zukünftiges Netzwerk schaffen. Statt sich also über falsch abgestellte Fahr­räder zu beschweren, müssten mehr Fahrradparkplätze geschaffen werden. Fahrradwege müssten neu gebaut, oder wie in Berlin, endlich wiederhergestellt werden.
Es gilt, das vergangene Jahrhundert der Verkehrsplanung radikal zu verwerfen und völlig neu zu beginnen. Das bedeutet, die Fixierung auf das Auto zu vergessen und mehr Mobilität für den Radverkehr zu schaffen.

Städte, die dies nicht tun, sind veraltet und von gestern. Eine Stadt mit Fußgängern und Fahrradfahrern ist belebt und attraktiv. Sie ermöglicht die Interaktion im urbanen Raum und zwischen allen Menschen, die ihn bewohnen. Unabhängig von Alter oder Einkommen.