Zu Besuch beim Netzwerk der Antifaschistinnen Zagrebs

Netzwerken am Lagerfeuer 

Seit 2015 erinnert ein jährliches Festival an die Befreiung Zagrebs vom Nationalsozialismus im Mai 1945.

Etwa 3 000 Menschen versammelten sich Anfang Mai am Ufer der Save, nahe der Freiheitsbrücke, die den Nordteil Zagrebs mit dem von sozialistischen Plattenbauten geprägten Süden verbindet. Sie feierten den Tag der ­Befreiung (Dan Oslobođenja) der kroatischen Hauptstadt, ein Fest, das in dieser Form zum vierten Mal vom »Netzwerk der Antifaschistinnen Zagrebs« (MAZ) veranstaltet wurde. Unter dem Namen Trnjanski Kresovi (Lagerfeuer im Viertel Trnje) haben die Organisatorinnen vom MAZ vor drei Jahren eine antifaschistische Tradition aus der Zeit des sozialistischen Jugosla­wien wiederbelebt. An der Stelle, an der die jugoslawischen Partisanen 70 Jahre zuvor, am 8. Mai 1945, die Save überquert hatten, erinnerte man jahrzehntelang mit Lagerfeuern, Konzerten und Kulturprogramm an die Befreiung. Zehntausende nahmen jedes Jahr daran teil. »Die ersten Feuer hier wurden 1955 auf Initiative meines Freundes, des ehemaligen Partisanen Vladimir Černjajev, entzündet«, sagte Elena Čorko im Gespräch mit der Jungle World. Sie hatte ein Porträt des kürzlich im ­Alter von 92 Jahren verstorbenen Černjajev zum Fest mitgebracht.

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Der nationalistische Furor Anfang der neunziger Jahre, als Jugoslawien in Bürgerkriegen zerfiel, brachte auch ein Ende dieser langen Tradition, die letzten Lagerfeuer in Trnje brannten 1989. Die kroatischen Nationalisten hatten kein Interesse am Antifaschismus. Wie in anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens bestimmen seither Antikommunismus und nationalistische Geschichtspolitik die politische Debatte.

»Lange Zeit existierte Antifaschismus in unserer Stadt nur als Privatsache. Dass heute so viele antifaschistisch eingestellte Menschen zu unserem Festival gekommen sind, ist ein großer Erfolg für uns«, sagte Šaban, der sich seit einigen Jahren im 2007 gegründeten MAZ engagiert und als Historiker mit der Geschichte des Antifaschismus in Kroatien und Jugoslawien beschäftigt. »Dieses Festival ist seit drei Jahren die größte antifaschistische Versammlung Kroatiens – und genau darum geht es«, betonte er. Das MAZ wolle alle Menschen zusammenbringen, die »die Versuche der kroatischen Rechten ablehnen, die Geschichte umzuschreiben, indem sie die Ustaša rehabilitieren und Kriegsverbrechen leugnen«. Es gehe darum, so Šaban, antifaschistische Werte, Kämpfe und Symbole wieder in den öffentlichen Raum zu tragen und deutlich zu machen, dass Antifaschismus berechtigt und notwendig sei. »Es gibt zum 8. Mai keine Feierlichkeiten seitens der Stadtverwaltung, also machen wir es selbst.« Es sei ihnen wichtig, öffentlich der Menschen zu gedenken, die bei der Befreiung Zagrebs ihr Leben ließen. So werde »auch das Wissen um die antifaschistische Geschichte hier gegen rechte Geschichtsfälschung am Leben halten«, hofft Šaban.

Vom frühen Nachmittag an versammelten sich Menschen jeden Alters, unter ihnen viele Familien mit Kindern, am Ufer. Sie saßen auf der sonnigen Wiese gegenüber den vier am Vormittag aufgebauten, drei Meter hohen Brennholztürmen. Sie besuchten die Stände verschiedener Zagreber Initiativen und nahmen an den angebotenen Workshops teil, von Plakatemalen für Kinder bis zu Selbstverteidigungskursen. Eine kleine Ausstellung vor dem Club Moč­vara zeigte Bilder jugoslawischer Par­tisanendenkmäler im bruta­listischen und futuristischen Stil. Etwa 3 000 solcher Denkmäler und Gedenktafeln waren in Kroatien während und nach den Jugoslawienkriegen mutwillig zerstört worden.

Neben einem Stand, der Reproduktionen alter Frontbriefe sowjetischer Soldaten ausstellte und an dem man Briefe an überlebende kroatische ­Veteraninnen aus den Reihen der Partisanen schreiben konnte, hatten die Organisatorinnen des »Zagreb Pride March« ihren Tisch aufgebaut. Am ­zentralen Platz des Festivals bastelten sie Dekorationen für die »Zagreb Pride« am 9. Juni. »Vor 73 Jahren wurde ein wichtiger Sieg errungen, das wollen wir auch feiern«, sagte Mateo der Jungle World. Er ist einer der Organisatoren und räumte ein: »Es ist noch ein weiter Weg zur Gleichberechtigung aller – das gilt für die Rechte von LGBTIQ, die im vergangenen Jahr heftigen öffent­lichen Angriffen nicht nur seitens der katholischen Kirche ausgesetzt waren, wie auch für andere Fragen sozialer Gerechtigkeit. Und diesen Kampf führen wir besser gemeinsam.«

Später betrat Le Zbor, der erste lesbische Chor Kroatiens, die Bühne. Er war an diesem Abend einer von drei Chören, die teils traditionelle antifaschistische Lieder sangen, teils Texte von Popsongs und Schlagern umdichteten, um traditionelle Geschlechter- und Rollenbilder aufzubrechen. Währenddessen endete ein vom feministischen Kollektiv »Faktiv« organisierter FLTI-Selbstverteidigungsworkshop. Feministische Perspektiven sind jedes Jahr ein Leitmotiv der Feierlichkeiten.

Im Schatten eines Baums am Rande des Festivals rauchte Milica eine Zigarette. Sie betonte im Gespräch die engen Verbindungen zwischen antifaschistischen, feministischen und antirassistischen Initiativen in Zagreb: »Wir sind zwar nicht sehr viele, aber die Aktivistinnen in Zagreb sind sehr umtriebig. Viele meiner Freundinnen engagieren sich in mehreren Initiativen und Gruppen. Wir achten also darauf, Kämpfe zu verbinden.« Das gelte auch geographisch, jedes Jahr kämen Leute aus Bosnien, Serbien und Slowenien zu dem Festival, knüpften Kontakte und bauten Netzwerke auf, so Milica. »Die Probleme, denen Linke und progressive Menschen gegenüberstehen, sind schließlich in ganz Ex-Jugoslawien ähnlich.« Die Feministin zählte Beispiele aus den vergangenen Jahren auf: »In unmittelbarer Nähe des kroatischen KZ Jasenovac wurde eine Gedenktafel mit dem faschistischen Gruß ›Za dom spremni!‹ (Für das Heimatland bereit!) aufgestellt. Im bosnischen Sarajevo wurde eine Schule nach dem Antisemiten und Naziunterstützer Mustafa Busuladžić benannt. Das höchste Gericht Serbiens in Belgrad rehabilitierte Draža Mihai­lović, den verurteilten Kriegsverbrecher und Anführer der Tschetniks, die im Zweiten Weltkrieg mit dem NS-Regime kollaborierten und die sozialistischen Partisanen bekämpften.« Die politische Lage sei also alles andere als vorteilhaft für antifaschistische Arbeit, resümierte Milica. »Aber wir machen ­weiter.«

Höhepunkt des Festivals am frühsommerlichen Saveufer war das Entzünden der vier Feuer. Die Besucherinnen und Besucher strömten auf die umliegende Wiese und betrachteten die Versuche der Feuercrew, das vom Regen am Vortag feucht gewordene Holz in Brand zu setzen. Nach einer Viertelstunde und einigen Litern Brandbeschleuniger stiegen erst Rauchsäulen, dann Flammen ins Abendrot. Im angrenzenden Club Močvara spielten anschließend Punkbands bei der »Antifa Night«. 2017 hatten Neonazis den Club mit Wurfgeschossen angegriffen. Diesmal blieben Angriffe aus. In einer Pause zwischen den Konzerten erschallte der Ruf der jugoslawischen Partisanen: »Tod dem Faschismus, den Menschen Freiheit!«