Sabine Mayr, Autorin, über Judenverfolgung und Shoa in Südtirol:

»Mit der Hetze gegen Juden ließen sich Wähler­stimmen gewinnen«

Sabine Mayr ist Germanistin. Zusammen mit Joachim Innerhofer hat sie 2015 das Buch »Mörderische Heimat. Verdrängte Lebensgeschichten jüdischer Familien in Bozen und Meran« herausgegeben.
Interview Von

Sie haben bereits 2005 das Buch »Die Sternfelds. Biographie einer Familie« über eine Wiener jüdische Familie herausgegeben. Wie haben Sie den Versicherungsfachmann Albert Sternfeld kennengelernt?
Die Politikwissenschaftlerin Karin Liebhart erkundigte sich nach einer Studentin, die Albert Sternfeld in seinem Privatarchiv behilflich sein könne. Ich war sofort interessiert. Albert Sternfeld war nach dem Waldheim-Skandal aufgrund seiner kritischen und pointiert formulierten Publikationen zu Österreichs Umgang mit seiner Vergangenheit bekannt geworden. Er prägte den Ausdruck »Ex-38er«, mit dem er die von der Republik Österreich lange übergangene Gruppe der aus Österreich vertriebenen Juden gesellschaftlich sichtbar machte. Mit seiner hartnäckigen Kritik bewirkte er schließlich die Gründung des »Österreichischen Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus«. In unseren vielen Gesprächen ermöglichte er mir wertvolle Einblicke ins Judentum.

Anzeige

Was hat Sie veranlasst, die Geschichte der Südtiroler Juden in der Zeit der italienischen Rassengesetze und dann der deutschen Besatzung zu schreiben?
Eine wichtige Motivation waren die damals bestehenden Lücken in der historischen Darstellung Merans, die immer auftraten, wenn es um jüdische Aspekte ging. Trotz des Bemühens engagierter Historiker und Historikerinnen seit den neunziger Jahren blieb jüdisches Wirken im Kurort Meran in seiner ganzen Tragweite ausgeblendet. Eine detaillierte, biographische Dokumentation, etwa der geographischen Herkunft oder beruflichen Tätigkeit der sehr aktiven und engagierten Mitglieder der jüdischen Gemeinde fehlte. Daher begannen mein Koautor Joachim Innerhofer und ich 2011 mit der Durchforstung zahlreicher Archive und erzielten in kurzer Zeit erstaunliche Ergebnisse, woraufhin wir daran gingen, eine Datenbank für das Jüdische Museum Meran zu erstellen. Diese Datenbank wurde vergangenes Jahr auch vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland gefördert und ist unter der Adresse database.meranoebraica.it abrufbar. Derzeit zählt sie mehr als 5 000 Einträge zu Jüdinnen und Juden, die im Laufe von circa 150 Jahren aus den verschiedensten Gründen in Südtirol gelebt haben.

Was haben Sie über jüdisches Leben in Meran herausgefunden?
Ein Anziehungspunkt für jüdische Zuwanderer in Meran war beispielsweise das 1893 gegründete jüdische Sanatorium, in dem jüdische Patienten aus ganz Europa behandelt wurden. Unter den in Meran betreuten Patienten waren zum Beispiel der Schriftsteller David Vogel, der Verleger Ludwig Goldscheider und die von Franz Kafka später in seinen Briefen mit Bewunderung erwähnte Sozialarbeiterin Gertrude Welkanoz aus Berlin. Aber etwa um dieselbe Zeit, als der Kurarzt Raphael Hausmann und der Bankier Friedrich Stransky sich mit großer Hingabe ihrem Herzensanliegen widmeten, eben der Errichtung eines jüdischen Sanatoriums, in dem arme Patienten kostenlos behandelt werden konnten, reaktivierten christsoziale Politiker Verleumdungen gegen Juden wegen »Ritualmords«. Diese Verleumdungen wurden von der Kirche legitimiert und toleriert, und gefördert und verbreitet durch die Existenz von vier »Kindsmärtyrer«-Kultstätten in Tirol. Mit der Hetze gegen Juden ließen sich Wählerstimmen gewinnen, erkannte auch der Wiener Bürgermeister Karl Lueger (1897–1910). Aber das Phänomen des Tiroler Antisemitismus beschäftigt mich schon länger.

»Wiederholt waren Juden das Ziel Südtiroler Unmuts über den Ausgang des Ersten Weltkriegs und die Annexion durch Italien und wenig später waren Juden die schutzlose Beute faschistischer Opportunisten.«

Wie hat man in Südtirol auf Ihr Buch reagiert?
Auf die Androhung einer rechtlichen Klage, die als ein letzter Ausläufer des nach 1945 kolportierten Südtiroler Opfermythos gelten könnte, folgten durchweg positive Reaktionen. Vor einem Jahr hat Doron Rabinovici (Schriftsteller und Historiker, Anm. d. Red.) bei einer Veranstaltung in Bozen in Anwesenheit von Politikern, der Präsidentin der jüdischen Gemeinde in Meran, Elisabetta Rossi, des früheren Präsidenten der jüdischen Gemeinde, Federico Steinhaus, und von Nachkommen vertriebener und ermordeter Juden in Meran die besondere Verdrängungsleistung Südtirols treffend formuliert, als er sagte: »Faschistische Täter wollten nach 1945 nur antinazistische Verfolgte gewesen sein und Nazis nichts als antifaschistische Opfer.« Während die Verstrickung von Südtirolern in Nazi-Verbrechen tabuisiert wurde, wirkte der Antisemitismus ungehindert fort.