Platte Buch - Spröde Lippen: Schleifen

Adjektiv plus Substantiv

Kolumne Von

Deutsche Punkbands folgten in den frühen Achtzigern einem einfachen Schema, um sich zu benennen: Sie paarten ein Adjektiv mit einem Substantiv. Beste Beispiele dafür sind Gruppennamen wie Die nützlichen Idioten, Erotischer Stuhlgang oder Der durstige Mann. Die letzten, die sich diesem Rezept für die Namens­gebung bedienten, sind die 2011 gegründeten Spröde Lippen aus Bremen. Dieser Bandname ist nicht nur eine kluge Referenz auf jene Bands, er hat auch einen zweiten, vielleicht weniger beabsichtigten Twist: Man kann ihn nicht so leicht ergoogeln. Gibt man die Worte in die Internetsuchmaschine ein, folgen erst einmal ­Ergebnisse von Ratgeberseiten, die Hausmittelchen gegen raue Lippen vorstellen.

Anzeige

Das dritte Album von Spröde Lippen heißt »Schleifen«, was die musikalische Technik der Band treffend bezeichnet. Die Lieder sind repetitiv; obwohl sie meist nicht länger dauern als drei Minuten, entfalten sie in dieser kurzen Dauer einen Sog, der einen denken lässt, man hätte beim Abspielen versehentlich auf den Knopf für die Endlosschleife gedrückt. Dieser Eindruck entsteht wohl auch daher, dass die zehn Songs von einer Stimmung zusammengehalten werden, die man als Melancholie bezeichnen könnte, was vor allem die raue Stimme der Sängerin Anne Moder auslöst. Abwechselnd singt sie (wie ihre Kolleginnen, die meisten Lieder sind ab einem gewissen Punkt mehrstimmig) wie ein Brecht-Chor oder wie eine gealterte Chanteuse. Die Songtexte sind lyrisch, enigmatisch, unpräzise, wie das Gefühl der Melancholie selbst, das ja nie genau weiß, worauf es zielt. Profanes wechselt sich mit Ernstem ab: Auf ein kindliches »La la la la« folgen Textzeilen wie »Hast du schon gemerkt/dass du nur noch überlegst«.

Musikalisch sind die Referenzen recht eindeutig, man denkt an deutschen No-Wave: Malaria und X Mal Deutschland dürften Bands gewesen sein, die Spröde Lippen eingehend gehört haben. In ihren stärksten Momenten aber klingen sie wie eine verlangsamte Version der New Yorker Bush Tetras.

 

Spröde Lippen: Schleifen ­(Latenz)