Homestory #23

Berlin und sein kulturell unangepasstes Umland Brandenburg, die preußische Toskana, sind wieder ganz vorne dabei, diesmal beim Klimawandel. Experten schlagen Alarm. Angesagt sind Hitzewellen, Trockenheit, heftige Gewitter, Stürme und Starkregen.

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Austrocknende Regentonnen, verdorrte Balkonpflanzen und schweißgetränkte Shirts sind demnach nicht nur die Kehrseite des lang ­­ersehnten Freibadwetters, es sind auch die Vorboten dessen, was da noch kommen wird. Frühling? Fehlanzeige. Das abrupte Umschlagen von Tiefstwinter in Höchstsommer ist die Zukunft. Längst haben in der Alltagssprache einst als eigenständig anerkannte Jahres­zeiten ein downsizing zu sogennanten Zwischenjahreszeiten durchgemacht – und dauern nur noch wenige Tage. Irgendwann wird es sie gar nicht mehr geben, nur so als blasse Erinnerung, von der man zukünftigen Generationen einmal vorschwärmen wird.

Und die Redaktion der Jungle World ist wieder einmal unvorbereitet auf drastische Temperatur- und Niederschlagsmengenwechsel wie sonst nur die Deutsche Bahn. So fühlt man sich in den Redaktionsräumen ein wenig wie im ICE bei ausgefallener Klimaanlage im August. Oder besser gesagt im ehemaligen August, also dem heutigen Mai und Juni. Was im kommenden August noch ansteht, das möchte man sich gar nicht ausmalen. Nicht dass es in dem luftigen Loft in der Gneisenaustraße, durch dessen große Fenster die Sonne unbarmherzig scheint, je eine Klimaanlage gegeben hätte. Unerschwinglich wäre sie angesichts ständig knapp kalkulierter Finanzen allemal, und ein anerkannter Klimakiller sowieso. Eine Kollegin hat noch einen dieser drolligen kleinen Ventilatoren mit USB-Anschluss auf dem Tisch stehen, macht sich aber nicht einmal die Mühe, ihn anzuschließen. Denn der hilft leider selbst in Kombi­nation mit dem kleinen 300-Milliter-Wasserbestäuber nicht so richtig viel. Das gliche eher dem sprichwörtlichen Tropfen auf den heißen Stein beziehungsweise auf die tapfer vor sich hin schwitzende Redakteurin.

Wer also rein zufällig noch ein paar funktionierende Ventilatoren übrig hat, die den Namen auch verdienen, möge sich doch gerne an die Geschäftsführung der Jungle World wenden. Es findet sich dafür auf jeden Fall Gebrauch. Bis dahin bleibt den Redaktions­mitgliedern lediglich übrig, durchzuhalten und zu hoffen, dass alle täglichen redaktionellen Verpflichtungen noch vor Ende der Öffnungszeiten des nahe gelegenen Prinzenbads erledigt sind, wo es nebst den üblichen krakeelenden Kinder- und Elternhorden, aus­gekotzten Pommes auf der Liegewiese und robusten Polizeieinsätzen in der Herrenumkleide nach 90minütigem Schlangestehen am Einlass auch etwas nasse Erfrischung im überfüllten Erwachsenenbecken gibt – und neuerdings sogar eine mit einem lustigen Kreis und allerlei Pfeilen und Kreuzen beschilderte All-Gender-Umkleide, in der man allerdings immer noch nicht duschen kann. Die dortigen Duschen sind nämlich von Legionellen befallen. So bleibt die All-Gender-Umkleide bis dato unfreiwillig nur ein symbolisches Bekenntnis zur geschlechtlichen Vielfalt, ebenso wie die Regenbogenflagge, die bereits seit einigen Jahren im Eingangsbereich ­flattert. Das Prinzenbad, man muss es lieben oder lassen.