1913 riefen Berliner Arbeiterinnen einen Gebärstreik aus

Sie haben abgetrieben

Im Jahr 1913 hatten viele Berliner Arbeiterinnen genug: Sie riefen einen Gebärstreik aus. Das gefiel weder der sozialdemokratischen Führung noch den Konservativen.

Im Berliner Stadtteil Neukölln liegt der Veranstaltungsort »Huxleys Neue Welt«. Wo heutzutage international bekannte Bands Konzerte spielen und Preisboxer in den Ring steigen, fand am Abend des 22. August 1913 in der ­damals schlicht »Neue Welt« heißenden Örtlichkeit eine äußerst gut besuchte politische Großveranstaltung statt. Schon nach kurzer Zeit musste die Polizei den für 2 000 Besucherinnen und Besucher konzipierten Saal wegen Überfüllung schließen.

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Die »Sozialdemokratischen Wahlvereine Berlin und Umgebung« hatten die Veranstaltung organisiert. Der Abend verlief anders als erwartet. Eine von der Führung der SPD aufgesetzte Resolution mit dem Titel »Gegen den Gebärstreik« konnte nicht verabschiedet werden. Die Diskussion sei schon bald »zum Gebrüll« ausgeartet, notierte der Kriminalschutzmann Gottmann. Der Veranstaltungsleiter Eugen Ernst rief das Publikum zur Ordnung: »Es ist nicht, als wenn hier Parteigenossen im Saal sind, sondern als wenn Affen und Vieh herumtoben.«

Zum Gebärstreik aufgerufen hatten die sozialdemokratischen Arbeiterärzte Julius Moses und Alfred Bernstein. Sie kannten nicht nur die schwierigen Bedingungen, unter denen die Arbeiterinnen ihre Kinder gebären und erziehen mussten. In einem durch Abtreibung und Verhütung verkleinerten Proletariat sahen sie auch eine Gefahr für den Kapitalismus.

Bei den als »Affen« und »Vieh« titulierten Genossen handelte es sich größtenteils um Frauen, vor allem um Arbeiterinnen aus dem Berliner Norden. Selbst Rosa Luxemburg und Clara Zetkin hatten sie nicht von ihrer Parteinahme für Abtreibung und Verhütung abbringen können. Das Parteiblatt Vorwärts fasste Zetkins Argumente auf der Veranstaltung so zusammen: »Die Arbeiterklasse dürfe nicht vergessen, dass für ihren Befreiungskampf die große Masse von ausschlaggebender Bedeutung sei. Ein Blick in die Geschichte zeige, dass die aufstrebenden Klassen nicht durch ihre Qua­lität, sondern durch ihre Masse gesiegt hätten. Es sei der Kinderreichtum ein gesunder Reichtum gewesen.«

Für die meist in ärmlichen Verhältnissen lebenden Arbeiterinnen, die in der Regel nicht nur einen Haushalt zu führen, sondern auch Lohnarbeit zu leisten hatten, bedeutete der von Zetkin gepriesene Kinderreichtum meist Not und Elend. Auf einer Folgeveranstaltung, die am 29. August 1913 in der »Neuen Welt« stattfand, hielt eine Rednerin Zetkin entgegen: »Genossin ­Zetkin hat nicht so recht in die Verhältnisse der Armen hineingesehen. Ich rate: Streiken Sie weiter.«