Kritische Astrologie - Der Algorithmus und seine Macht über unser Leben

Ey, Algo!

Kolumne Von

Was soll ich wissen? Was kann ich hoffen? Was darf ich tun? Diese drei Fragen, von Emmanuelle Kant als ewiges Konundrum (schönes Wort) noch vom Sterbebett aus der Menschheit ins Gesangsbuch diktiert, sind heute ihrer Beantwortung näher denn je.
Konnte man früher nur Sternzeichen und falsch ausgerichtete Kraftlinien für alles Unbill der Welt verantwortlich machen, musste man später noch den Juden beziehungsweise den Genen die Generalschuld zuschreiben, wissen wir heute: Es ist der Algorithmus. Niemand weiß genau, was er ist, kann oder will, aber dass er uns schon gängelt, herumschubst und mit unserer schönen Willensfreiheit jeden Tag Schlitten fährt, davon kann sich jeder überzeugen, der mit offenen Augen durchs Internet reist.

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Ja, es ist sogar recht egal, was der Algorithmus eigentlich ist: Das Unwissen, das er erzeugt, hat etwas Beruhigendes, wie eine heimelige Decke, die in der Dunkelheit vorm Buhmann schützt. Der Algorithmus spült mir nur Schreckensnachrichten in die Timeline! Der Algorithmus zeigt mir nur Schrottprodukte! Der Algorithmus hat mich rauschkrautabhängig gemacht! Der Algorithmus hat die Hausaufgaben gefressen! Am Ende haben nicht die türkischen Wähler Erdoğan zum ­Alleinherrscher gemacht, sondern der Algorithmus.

Es ist die Phantasie allumfassender Manipulierbarkeit, die beängstigend, aber auch entlastend wirkt: In irgendeinem Computergehäuse, irgendwo in einer fernen Server-Farm in einer dubiosen Gegend, hat mein Leben tatsächlich Sinn, gehe ich als Gleichung auf, bin ich zu Ende erzählt. Es ist zwar schon ein bisschen beunruhigend, dass das ungefragt geschieht, aber schön, dass überhaupt jemand an mich denkt. Schon fordern erste Politiker eine Algorithmensteuer, wahrscheinlich analog zur Kirchensteuer, damit neben Gott und anderen »gasförmigen Wirbeltieren« (Ernst Haeckel) auch das allerneueste Gespenst eine meldepflichtige Adresse habe.


PS. Dieser Artikel wurde Ihnen ­gezeigt, weil Sie in der Vergangenheit an Digitales Leben, Backsteine und Katachresen interessiert waren.