Wie populistisch sind Memes?

Pepes Gefühlsschwankungen

Memes sind eine codierte Sprache, ein popkulturelles Rätsel und politische Karikatur in einem. Die politische Rechte, insbesondere in den USA, macht sich das Internetphänomen immer mehr zu eigen.
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Kennen Sie diesen Comicstrip? Auf dem ersten Bild fährt eine grob gezeichnete Figur Fahrrad. Sie hält eine Stange in der Hand.

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Auf dem nächsten schiebt die Figur die Stange zwischen die Speichen des Vorderrades. Auf dem letzten Bild sieht man den gestürzten Fahrradfahrer, er hält sich das schmerzende Knie.

Das Ganze ist weder inhaltlich noch graphisch besonders aufregend. Trotzdem erfreut sich dieser Comic im Internet großer Beliebtheit. Das Original zeichnete Corentin Penloup, doch das findet man nur sehr selten. Was den Comicstrip so beliebt werden ließ, ist sein Potential, ihn zu einem Meme umzuwandeln. Mit primitivster Bildbearbeitung kann man dem unbekannten Fahrradmännchen schnell den Kopf einer bekannten Person auf die Schultern setzen. Die vielleicht bekannteste Variation postete der User lonely-and-the-infinite-sadness 2015 auf seinem Tumblr-Blog. Er hatte das Gesicht Donald Trumps auf den Fahrradfahrer montiert und auf dem letzten Bild eine Sprechblase hinzugefügt. Nachdem der Comic-Trump sich selbst mit der Stange auf dem Fahrrad zu Fall gebracht hat, ruft er: »Fucking Mexicans«.

Diese Schwundform der politischen Karikatur zieht ihre Stärke aus ihrer Konkretion und Kompaktheit. Jeder Zuschauer kann die Geschichte schnell entschlüsseln: Da ist ein Typ, der stellt sich dumm an, tut sich deshalb selbst weh und sucht dann die Schuld bei jemand anderem. Die 65 Variationen des Fahrrad-Comics der Datenbank »Know Your Meme« sind nur ein kleiner Ausschnitt aus Hunderten Varianten. Einmal ist das Gesicht durch das Symbol der Spielefirma Ubisoft verdeckt, und am Ende sagt das gefallene Ubisoft-Männchen »Fucking Pirates«, ein Kommentar dazu, dass eine Schutzvorrichtung, die Ubisoft traf, um ­Piraterie bei den eigenen Spielen zu erschweren, auch die Käufer bestrafte. Viele Memes entstammen der Computerspielszene, den Untiefen von Imageboards wie den US-amerika­nischen 4chan und Reddit. Diese Plattformen funktionieren wie herkömmliche Internetforen, nur dass hier die User meist Bilder hochladen und diese dann Anstoß für Diskus­sionen sind. Diese Foren sind Urschlamm, Zuchtlabor und Galerie für Memes in einem.

Das Meme besteht aus drei Elemen­ten: dem Bild, dem Text und dem Kontext. Die ersten beiden hat er mit dem Comic gemeinsam; erst der Kontext macht das Meme zur Lingua franca der an Popkultur übersättigten Postmoderne. Ohne das Erkennen des Kontextes ist jedes Meme bedeutungslos. Wenn Captain Picard sich in einem bekannten Meme genervt die Hand an die Stirn hält, funktioniert dieser Witz erst richtig, wenn man die Figur des Captain Picard aus »Star Trek« kennt und weiß, dass sie für den Glauben an Aufklärung, Fortschritt und Vernunft steht. Kenntnisse auch anderer Fernseh­serien sind hilfreich: Die tausend­fachen »Winter Is Coming«-Variationen ergeben meist überhaupt keinen Sinn ohne Kenntnis der dazugehörigen Fernsehserie »Game of Thrones«.

»Der Remix, die Re- und Dekontex­tualisierung ist die zentrale Essenz des Internet-Memes«, erklärt die Linguistin Rocío Rocha Dietz, die zum Thema Memes der Alt-Right und der Neuen Rechten geforscht hat. Auch wenn fast alle Memes kulturelle Produkte zitieren, sich die Motive auf eine Fernseh­serie, einen Comic, ein Videospiel oder ähnliches zurück­führen lassen, ist der Ursprungskontext nicht unbedingt entscheidend für die korrekte Dechiffrierung des Meme und setzt auch der Vereinnahmung des Motivs keine Grenzen. Das berühmteste und vielleicht auch traurigste Beispiel dafür ist Pepe the Frog. Der US-ameri­kanische Rechtsradikale Richard Spencer trug den skurrilen Comicfrosch als Button an seiner Jacke an jenem Tag, als er durch den beherzten Schlag eines Linken selbst zum Meme wurde: Ein Bild davon wurde zigfach geteilt.

Warum können aus­gerechnet Rechtsextreme aus dem vermeintlich unpolitischen Medium Meme Kapital schlagen? Vielleicht liegt es daran, dass viele Forderungen der zeitgenössischen Linken zu komplex sind für simple Wort-Bild-Witzchen.

Ursprünglich stammt Pepe aus dem ziemlich unpolitischen Webcomic »Boy’s Club« von Matt Furie aus dem Jahr 2005. Das Gesicht des glück­lichen Froschs mit der Sprechblase »Feels good man« entwickelte im Laufe der nächsten Jahre ein Eigenleben auf dem Imageboard 4chan. Menschen posteten es, um ihr Wohlgefallen auszudrücken, oft in Hinblick auf primitive, triebhafte oder verpönte Glücksgefühle wie beim Urinieren oder im Drogenrausch. Dut­zende User schufen ihre eigenen ­Variationen in Graphikprogrammen. Die populärsten Variationen dürften der traurige »Feels bad man«-Pepe sein, der 2014 auch mal twerkend von der Rapperin Nicki Minaj getwittert wurde, und der schelmisch-selbstgefällig dahergrinsende Smug Pepe.

Diese potentiell unendlichen Variationen und der dazugehörige Verbreitungsgrad sind eine weitere typische Eigenschaft von Memes. Verlassen die Bilder ihren Ursprungskontext, gilt schnell eine kollektive Urheberschaft. Zwischen dem Furie-Comic und dem Minaj-Tweet lie­gen so viele Iterationen des Motivs, dass ein klarer Schöpfer nicht mehr zu bestimmen ist. 2015, also zehn Jahre nach dem ersten Comic, wurde das Symbol plötzlich zu einem Erkennungszeichen rechtsextremer Anhänger von Donald Trump. Ob den Rassisten der triebhaft-primitive Ausdruck von Befriedigung einfach naheliegt oder sie im Modus eines altmodischen Insider-Witzes einfach Bezug nehmen wollten auf einen Tweet Trumps, in dem dieser sich selbst zugleich als Smug Pepe und Präsident darstellte, ist nicht klar. Auf jeden Fall ist dies der für Richard Spencer relevante Kontext, um mit seinem Button einen weiten Bogen zu schließen. Aus dem Webcomic war ein Erkennungszeichen der Alt-Right geworden und alle Versuche, Pepe seitdem für unpolitische Zwecke wiederanzueignen, waren ähnlich hilflos wie Hinweise darauf, dass die Swastika doch nur ein asiatisches Glückssymbol sei.

 

Der Wahlsieg Donald Trumps im November 2016 kam für eine überwiegende Mehrheit politischer Beobachter dermaßen unerwartet, dass seitdem Journalisten weltweit verzweifelt nach Gründen dafür suchen. Das Reddit-Unterforum »/r/The_Donald«, wo der Meme-Wahlkampf für Donald Trump stattfand, wird gerne als einer der Orte angegeben, der eine Erklärung bereithält. Die Aufklärung nutzte Flugblätter und Buchdruck, Memes scheinen das Massenmedium des Dark Enlightenment zu sein. In ihrem Buch »Kill All Normies« schildert die Journalistin Angela Nagle diesen digitalten Kulturkampf von rechts. Warum aber können aus­gerechnet Rechtsextreme aus dem vermeintlich unpolitischen Medium Meme Kapital schlagen? Vielleicht liegt es daran, dass viele Forderungen der zeitgenössischen Linken zu komplex sind für simple Wort-Bild-Witzchen. Die Reduktion auf wenige Elemente zieht schnell den Vorwurf des Populismus nach sich – ist aber vielleicht auch ein guter Test für linke Forderungen. Was sich als Meme nicht umsetzen lässt, dürfte es allgemein schwerhaben, eine relevante Bevölkerungsgruppe zu erreichen und zu überzeugen.

So wie Internetnutzer heutzutage animierte Bilder von Szenen aus Fernsehserien erstellen, zerschnitt John Heartfield in den zwanziger und dreißiger Jahren Fotografien und Zeitschriften für seine antifaschistischen Collagen. »Hurrah, die Butter ist alle!« schrieb er unter das Bild ­einer Familie, die genüßlich ein Fahrrad verzerrt.

Die Theorie, dass nur Rechte Memes nutzen können, bestätige sich international nicht, wendet Rocha Dietz ein. Gerade unter repressiven Regimen seien Internetmemes oft das Medium für progressive Forderungen. »Internet-Memes sind eine Art codierte Sprache. Die Kombination von Bild, Text und popkultureller Referenz ergeben die verschlüsselte Bedeutung.« Damit bieten sie sich an, die Grenzen des Sagbaren auszuloten. Viele Memes leben dabei von der pubertären Lust an der Grenzüberschreitung. So wie Ur-Punk Sid Vicious früher das Hakenkreuz auf seinem Shirt trug, verbreiten heute adoleszente South-Park-Fans antisemi­tische Karikaturen auf 4chan, »4 the lulz«, für die Lacher. Für extremistische Verfechter der freedom of speech ist die Holocaust-Leugnung heut­zutage in Deutschland der große Gipfel, der unbedingt erklommen werden will. In den USA hingegen sind die Meme-Krieger der Alt-Right in einer schweren Sinnkrise, seit ihr ­US-Präsident sämtliche Grenzen des Sagbaren eingerissen hat.

Deutschlands vielleicht berühmtester Proto-Memer war allerdings radikal links in radikal rechten Zeiten. So wie Internetnutzer heutzutage animierte Bilder von Szenen aus Fernsehserien erstellen, zerschnitt John Heartfield in den zwanziger und dreißiger Jahren Fotografien und Zeitschriften für seine antifaschistischen Collagen. »Hurrah, die Butter ist alle!« schrieb er unter das Bild ­einer Familie, die genüßlich ein Fahrrad verzerrt. Ein ironischer Kommentar auf Hermann Görings Aussage »Erz hat ein Reich stark gemacht, Butter und Schmalz haben höchstens ein Volk fett gemacht.« Der Schaffensprozess ist durchaus vergleichbar mit der Entstehung heutiger Memes, die Verbreitungswege allerdings sind völlig andere. Heartfields Motive mussten noch gedruckt und verteilt werden. Als Muttersprache der sozialen Medien sind Memes heute eben deshalb so populär, weil sie sich quasi selbständig verteilen. Von der kurzen Aufmerksamkeitsspanne, die es zum Entschlüsseln braucht, bis zur knalligen Optik, meist mit Gesichtern, bringen Memes alles mit, um auf schnelllebigen Timelines aufzufallen und geteilt zu werden.

Ursprünglich verstanden sich politische Memes als ironische Kommentare zu öffentlichen Debatten. Nun drehen sich Memes einzig und allein um sich selbst. Die Mehrheit der Jugendlichen heute erfährt von Nachrichten ausschließlich über ­soziale Netzwerke. Memes verteilen sich dort deutlich besser als Faktenchecks oder Zeitungsartikel. Das kommentierende Meme wird zur eigentlichen Nachricht.

Rap sei das CNN des schwarzen Amerikas, hatte Chuck D von Public Enemy 1989 erklärt. Wer solche identitätspolitischen Zuschreibungen fortsetzen möchte, könnte heute mit einigem Recht behaupten, Memes seien das CNN für junge, weiße Männer.