Beim Londoner Fußballverein Clapton FC haben sich die Ultras mit dem Vereinsboss überworfen und einen eigenen Club gegründet

C wie Community

Fans des Clapton FC waren es satt, nur als Eintrittszahler willkommen zu sein, und gründeten einen eigenen Verein. Mitbestimmung gehört beim Clapton Community FC zum Programm.

Der 14. Juni war für Fußballfans weltweit ein großer Tag. Robbie Williams, Ronaldo und Wladimir Putin eröffneten im Moskauer Luschniki-Stadion die 21. Fußballweltmeisterschaft der Männer. Den Anhängern des Ostlondoner Stadtteilvereins Clapton FC bleibt dieser Tag allerdings aus einem anderen Grund in Erinnerung: Viele von ihnen verkündeten, einen eigenen Club gegründet zu haben, den sie künftig unterstützen wollen. Er trägt ein weiteres »C« in seinem Namen: Clapton Community FC, kurz CCFC.

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Dieses »C« soll das Programm und Profil des Clubs beschreiben. Der CCFC soll ein Verein für alle sein, basisdemokratisch organisiert sowie in erster Linie seinen Mitgliedern und seinem sozialen Umfeld verpflichtet. Einen solchen Verein wollten die Fans schon immer – und lange hatten sie die Hoffnung, der Clapton FC könnte es werden. Doch mit ihrem angestammten Club haben sich viele Anhänger so sehr überworfen, dass sie keine andere Möglichkeit mehr sahen, als einen eigenen Club zu gründen.

Der Schritt kommt nicht unbedingt überraschend. Claptons Fans stehen für Radikalität, Selbstbestimmung und Engagement. Ihr Einsatz ähnelt dem vieler linker Fußballfans: Sie sammeln Spenden für Bedürftige und politische Initiativen, sind mit Projekten und Gruppen im Stadtteil, überregional und international vernetzt und ihre Haltung ist dezidiert antifaschistisch. Seit 2012 nennen sich die Anhänger »Clapton Ultras« und als solche erreichten sie große Aufmerksamkeit. Ultras gibt es in Großbritannien nur sehr wenige – und schon gar nicht in der neunten Liga, in der Clapton spielt.

Während die »Clapton Ultras« vielerorts begeistert empfangen wurden und sich Londons Amateurteams über Stimmung und Zu­satzeinnahmen freuten, kühlte das ­Verhältnis zum eigenen Verein in den vergangenen Monaten rapide ab. Das geschah nicht zuletzt, weil die Fans ihr Mitspracherecht vehement einforderten, und womöglich gar, weil sie den Machenschaften des Clubleiters Vincent McBean auf die Schliche zu kommen drohten. Der führt ein mehr oder weniger autokratisches Regime: Seit sechs Jahren ist die aktive Mitgliedschaft und damit die Möglichkeit der Teilhabe am Vereinsleben für die Anhänger ausgesetzt.

Nach dem Abschied der »Clapton Ultras« vom »Old Spotted Dog« sank die Anzahl der Zuschauer um 300 auf durchschnittlich nur noch 52 Gäste.

Schwerer wiegt aber die Anschuldigung, die Finanzlage des Vereins zu verschleiern. Die Schulden des Clubs sind in McBeans Amtszeit beständig gewachsen, obwohl die Zuschauerzahlen stark stiegen. Zuletzt schien es gar, als strebe McBean den Verkauf des Stadions an. Dabei ist der »Old Spotted Dog« die am längsten vom selben Club bespielte Fußballspielstätte Londons und gilt den Fans als Zuhause.

Der Ärger mit dem ungeliebten Vereinsboss ist mit der Gründung des CCFC nun erst einmal vorbei. Zwei Konsequenzen haben die Clapton-Fans gezogen: Im neuen Verein sollen sämtliche Finanzströme offengelegt werden. Außerdem können alle Mitglieder gleichberechtigt über die Geschicke des CCFC bestimmen. Unterstützung erhalten die Fans von ­einer Gruppe langjähriger und verdienter Vereinsaktiver, die vor Jahren »lebenslange Mitgliedschaften« verliehen bekamen, dann aber immer mehr aus dem Club gedrängt wurden. Erste Entscheidungen haben die Mitglieder des neuen Vereins bereits gefällt: Das Design des Auswärtstrikots und die Ernennung des Cheftrainers wurden demokratisch beschlossen.

Thom, 30, hat lange Haare, einen Vollbart und trägt am liebsten schwarze Kapuzenpullover. Auf den ersten Blick würde man ihn eher bei einem Hardcore-Konzert als im Ultra-Block erwarten. Dennoch ist er einer der engagiertesten »Clapton Ultras«. Er hat die Entstehung des neuen Vereins von Beginn an begleitet und sagt: »CCFC führt den Club zurück zu seinen Wurzeln. Wir freuen uns darauf, wieder mit voller Stimme im Stadion zu stehen.« Das taten die »Clapton Ultras« in der vergangenen Saison nur bei Auswärtsspielen. Die Spiele vor eigener Kulisse boykottierten sie. Sie wollten McBean keinen Penny mehr bezahlen.

In ihre Heimstatt, den »Old Spotted Dog«, kehren sie allerdings nicht zurück. Stattdessen geht es auf das Gelände eines ehemaligen Ligarivalen, einige Meilen weiter nördlich. Die Clapton-Fans sind froh, dort untergekommen zu sein, doch der ­Abschied vom eigenen Stadion ist neben dem Umstand, in der kommenden Saison am untersten Ende des Ligensystems antreten zu müssen, ein weiterer Wermutstropfen. Angesprochen auf seinen nunmehr ehemaligen Verein sagt Thom: »Wenn wir unseren Namen und unser Stadion zurückbekommen können, werden wir das tun. Aber sonst brauchen wir nichts von dem, das die haben.«

Einfach wird das mit Sicherheit nicht. Es wäre verwunderlich, sollte McBean plötzlich die Lust am Clapton FC verlieren. Jedoch scheint sich der Verein langsam zugrunde zu richten: Anfang des Monats wechselte die gesamte verbliebene Jugendabteilung angesichts der schlechten Bedingungen zum Lokalrivalen. Die Frauenmannschaft der »Tons« ­wurde bereits vor Jahren aufgelöst.
Nach dem Abschied der »Clapton Ultras« vom »Old Spotted Dog« sank die Anzahl der Zuschauer überdies um satte 300 auf durchschnittlich nur noch 52 Gäste. Und etwaigen Plänen, das Stadion zu veräußern, wurde auch ein Riegel vorgeschoben. Clapton-Anhänger erreichten die offizielle Anerkennung des Platzes als community value, das Gelände darf wegen seiner kommunalen Bedeutung nicht ohne weiteres verkauft werden.

So oder so kommt auf die Fans zukünftig noch mehr Arbeit zu. Es gilt, ein eigenes Fußballteam zu führen. Immerhin ist die Unterstützung gewaltig: 137 Gründungsmitglieder hatte der CCFC, und schon am ersten Tag des Bestehens gingen fast noch einmal so viele Anfragen ein. Auch mit der Spieltagsorganisation sind die »Clapton Ultras« vertraut. In der Londoner »Sunday League«, einer Art Bolzplatzliga, tritt unter dem Namen Downs FC bereits ein von der Fanszene organisiertes Team an. Zudem richten sie alljährlich das »Proudly East London« aus, ein antirassistisches Fußballturnier.

An prominenten Vorbildern mangelt es dem CCFC nicht. Sogenannte fan-owned teams, also Clubs im Besitz der Fans, sind in Großbritannien infolge der unaufhörlich fortschreitenden Kommerzialisierung des Sports in der jüngeren Vergangenheit vielerorts entstanden. Ehemalige Anhänger großer Premier-League-Clubs haben neue Teams gegründet wie etwa den FC United of Manchester oder den AFC Liverpool. Am bekanntesten ist aber sicherlich die Geschichte des mittlerweile in der 3. Liga spielenden AFC Wimbledon, der von seinen Anhängern neu gegründet wurde, nachdem ihr bisheriger Verein, der FC Wimbledon, aus London weggezogen war und seinen Namen dem Vereinseigner zuliebe geändert hatte.

Dass der Clapton Community Football Club jemals in solche Höhen steigt, ist nicht zu erwarten. Aber vielen Fans im Osten Londons dürfte er das Vergnügen am Fußball zurückgeben. Zudem darf man davon ausgehen, dass der neue Verein die Frage, wem der Sport gehört und wo er inmitten der Aufwertung ganzer Stadtteile seinen Platz findet, immer wieder stellen wird. Aus der Enttäuschung über die unschöne Entwicklung beim Clapton FC könnte so ­etwas Größeres entstehen. Oder, wie Thom es formuliert: »CCFC ist jetzt der Club, und in vielerlei Hinsicht war er es immer.«