Serhij Zhadans Buch »Internat«

Im Nebel der Krieg

Man hört nur noch wenig vom Krieg im Donbass. Das Interesse der Medien an den Kämpfen in der Ostukraine ist erheblich abgeflaut. Schwer zu sagen, ob der unübersichtliche Konflikt zwischen der ukrainischen Regierung und prorussischen Separatisten, der seit 2014 über 10 000 Menschenleben gefordert und über zwei Millionen Menschen zu Geflüchteten gemacht hat, für die Bevölkerung dort mittlerweile so etwas wie Normalität ist. Wenn ja, trägt diese Normalität ungeheuerliche Züge.

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In Serhij Zhadans erschütterndem Roman »Internat« gleicht die Kriegszone im Donezbecken einem (post-)apokalyptischen Szenario. Kalter Nebel, aus dem gelbes Feuer aus Maschinengewehren blitzt, liegt über allem. Eine unwirtliche Landschaft, bilderstark in Szene gesetzt. Verwahrloste Hunde suchen nach Futter in einer Umgebung voll ausgebombter Häuser, während paramilitärische Trupps patrouillieren.

Der grandiose Roman beschränkt sich nicht auf die halluzinative Schilderung eines Kriegs. Im Zentrum der Handlung steht der zwar junge, innerlich aber bereits erschöpfte Lehrer Pascha, der versucht, seinen 13jährigen Neffen aus dem Internat am anderen Ende der Stadt zu holen. Das Internat liegt unter Beschuss. Um dorthin zu gelangen, braucht Pascha eine gefühlte Ewigkeit. Für den phlegmatischen Brillenträger, der bislang vor allem durch seine politische Orientierungslosigkeit aufgefallen war, ist dies eine beinahe absurd verantwortungsvolle Aufgabe.

Pascha ist gezwungen zu handeln, sich durchzuschlagen und seine Einstellungen zu überdenken. Aufgeben ist keine Option für ihn, ein Bilderbuchheld wird aus ihm freilich auch nicht. Aufgegeben, so eine naheliegende Lesart von »Internat«, wurde indessen die Ukraine. Vor allem vom Westen, der in unterschiedlicher Gestalt als gleichgültiger Zaungast auftritt.

 

Serhij Zhadan: Internat. Übersetzung aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr und Juri Durkot. Suhrkamp, Berlin 2018, 300 Seiten, 22 Euro