Der Comic von Alberto Breccia nach den Horrorgeschichten von H.P. Lovecraft

Berufsbedingte Expertise für’s Böse

Einer der wagemutigsten Comics aller Zeiten ist in deutscher Sprache erschienen: Alberto Breccias Adaption der phantastischen Erzählungen von H. P. Lovecraft.
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Man übertreibt nicht allzu sehr, wenn man sagt, dass Alberto Breccia das Zeichnen von Comics in in ähnlicher Weise revolutioniert hat wie die Beatles zur selben Zeit die populäre Musik. Denn der 1919 in Montevideo geborene Zeichner gehörte zu jenen, die die Konventionen des Comics an seinem Zeichentisch so erschütterten wie die Beatles die der Aufnahmetechnik im Studio an der Abbey Road: Liefen dort die Bänder plötzlich rückwärts und überlagerten sich die Tonspuren, um imaginative Effekte und Stimmungen zu erzeugen, emanzipierte Breccia das Zeichnen davon, lediglich mit Tusche – wie kunstfertig auch immer – Strichmännchen aufs Papier zu bringen. Surreale Verfremdungseffekte, mit grob geris­senen Papiercollagen oder durch Monotypie erzielte eigenwillige Tex­turen und Verläufe beherrschen bei Breccia nicht nur die Hintergründe, von denen sich die Figuren abheben, sondern rücken immer wieder ins Zentrum der Panels, affizieren und verzerren die Figuren selbst; adäquate Mittel, um nun auch im Comic die Grenze zwischen Tagtraum beziehungsweise Albtraum und Realität so verschwimmen zu lassen, wie es bislang allein der phantastischen Literatur gelungen war.

In Lovecrafts Horror scheint die Erfahrung durch, dass der nachbürgerliche Kapitalismus das Rohe und Unvermittelte fördert und zugleich Zartheit und Zurückhaltung nicht mehr duldet.

Zu Lebzeiten erlangten Breccias Serien – darunter so stilprägende wie »Mort Cinder« über die Zeitreisen eines Untoten (von 1962 an) und vor allem »El Eternauta« (1969) über ein postapokalyptisches Buenos Aires, das dank des Szenarios von Héctor Germán Oesterheld nicht mit unverhüllter Kritik am caudillismo spart – lediglich in romanischsprachigen Ländern, in Europa insbesondere in Italien einige Popularität. Der Berliner Avant-Verlag will Breccia jetzt, lange nach dessen Tod im Jahr 1993, auch deutschsprachigen Lesern zugänglich machen: Nach »El Eternauta«, der Ende vorigen Jahres in deutscher Übersetzung erschien, bringt der Verlag nun das vielleicht experimentellste Werk Breccias heraus: die Adaption der phantastischen Geschichten des 1890 geborenen und 1937 gestorbenen H. P. Lovecraft, einer der erratischsten Figuren der Literatur des 20. Jahrhunderts. Mit eloxierten Flächen, nahezu unkenntlichen Objekten, finsteren Aquarellen und allem, was die Monotypie an Kratzern und Verwischungen ermöglicht, versuchte Breccia sich 1973 an einem Unterfangen, das aus gutem Grund bis heute noch als nahezu unmöglich gilt: Lovecrafts in taumelnden Satzkaskaden, in einer Art Ekstase der Adjektive entworfene Architektur des unsagbaren Grauens – tauche es nun in der eisigen Antarktis, aus den Schlünden der neuenglischen Erde oder aus der Tiefe des Atlantik auf – adäquat in Bilder umzusetzen. Daran sind etwa zwei Dutzend Film­adaptionen Lovecrafts in den vergangenen Jahrzehnten mehr oder weniger klar gescheitert.

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Die von Lovecraft imaginierten Kräfte der Finsternis, immer verkörpert in vorzeitlichen Wesen unscharfer Kontur (den »Alten«, wie sie vage bezeichnet werden), trachten stets danach, alles wieder einzukassieren, was die menschliche Zivili­sation ausmacht – Moral, Affektkontrolle, Mitleid, Distanzfähigkeit, Rücksicht, Körperbeherrschung –, um einen ursprünglichen Kult wiederzuerrichten, in dem die vormaligen Individuen in manipulierbaren Horden verschmelzen und degenerieren. Mit anderen Worten: Lovecrafts Mythen beschwören die Gefahr des Rückfalls der Gesellschaft in ­einen vorgeschichtlichen Zustand. Vorgeschichte ist dabei noch wesentlich radikaler konzipiert als beispielsweise in Joseph Conrads »Herz der Finsternis«: Lovecraft lässt die Menschen nicht nur alle seelisch-moralischen Eigenschaften verlieren, die man als menschlich zu bezeichnen gewohnt ist, nein, er beschreibt detailliert ihre physische Dekomposition als eine Art retrograder Evolution. Die Menschen fallen in Lovecrafts immer wieder von Passagen nüchternen wissenschaftlichen Stils gerahmten Horrorvisionen sozusagen auf evolutive Stufen zurück, die ein jeder ja tatsächlich beim Heranwachsen im Mutterleib durchlaufen hat; das Erbe aus der Frühzeit des Lebens bemächtigt sich der Menschen wieder.

 

Dass ein solches Sujet einen Zeichner wie Breccia reizen musste, liegt nahe. Doch wie passt ein durchaus politisch inkorrekter Autor wie Lovecraft zu einem Kritiker der argenti­nischen Militärjunta wie Breccia? Denn spätestens gemessen an den Maßstäben der sechziger und sieb­ziger Jahre hätte einer wie Lovecraft eigentlich als zumindest dubios gelten müssen. Der sensible und mehr als nur etwas weltfremde Gentleman aus Neuengland, den es nach New York verschlagen hatte, erfuhr dort die Rohheit der gesellschaftlichen Umgangsformen traumatisch und schrieb in Briefen und Kommentaren die herrschende pragmatisch-geschäftsmäßige Rüpelhaftigkeit jenen in erster Linie zu, die dem, was Lovecraft für anständiges Benehmen und zurückhaltende Manieren hielt (und an denen er selbst um den Preis des ökonomischen Ruins festhielt), am ehesten zuwiderhandelten: den Immigranten und dem nicht zuletzt afroamerikanischen Subproletariat der Stadt.

»Die phantastischen Schriftsteller sind im allgemeinen Reaktionäre, und zwar einfach deshalb, weil sie sich ganz besonders, man könnte sagen, von Berufs wegen der Existenz des Bösen bewusst sind«, schrieb Michel Houellebecq in »Gegen die Welt, gegen das Leben«, seiner Hommage an Lovecraft, und hob hervor, was den Schöpfer des Cthulhu-Mythos dennoch vom Rassismus seiner Zeit zutiefst unterscheidet. Lovecraft sieht sich nicht als Mitglied einer zur Herrschaft berufenen »Rasse«, sondern als Repräsentant einer Lebensweise, die unweigerlich zum Untergang verdammt ist: Die Opfer in seinen Geschichten, die immer verstörend hoffnungslos enden, erscheinen Lovecrafts eigenem Schicksal nachgebildet. Feinfühlige Wissenschaftler, forschende Privatiers, wohlerzogene Sonderlinge sind es, nach denen das vorgeschichtliche Grauen greift und die schließlich der urtümlichen, rücksichtslosen Kraft aus der Finsternis erliegen; in der Erzählung »Schatten über Innsmouth«, 1931 geschrieben, taucht als Symbol des Kults der bösen, alten Mächte ebenso unerwartet wie passend das Hakenkreuz auf.

Die in Lovecrafts Horror durchscheinende Erfahrung, dass der nachbürgerliche Kapitalismus das Rohe, Unmittelbare und Unvermittelte so sehr fördert und benötigt, wie er zugleich Zartheit, Zurückhaltung und Differenziertheit selbst bei den einst Privilegierten nicht mehr duldet – das mag Breccia, der so gar nichts für Militär und Machismo übrighatte, wiederum für Lovecraft eingenommen haben, neben der immensen Herausforderung, vor die dessen phantastische Erzählungen das Format Comic stellt. »Ich wollte wissen, ob ich in der Lage war, mit Zeichnungen dasselbe zu erreichen wie Lovecraft mit seinen Texten«, sagte Breccia 1989 in einem Interview. Nun, er ist diesem Ziel zumindest nahe gekommen, auf jeden Fall so nahe wie keine andere bildliche
Adaption der ebenso hellsichtigen wie wahnwitzigen Erzählungen des Großmeisters des Grauens, H. P.
Lovecraft.

 

Alberto Breccia: Lovecraft. Avant-Verlag, Berlin 2018, 126 Seiten, 29 Euro